ZEIT CAMPUS: Heute schon Sport getrieben?

MATTHIAS SUTTER: Ich gehe jeden Tag zu Fuß ins Büro. Das ist kein Sport, aber es ist besser als nichts.

ZEIT CAMPUS: Und was haben Sie heute Morgen gefrühstückt?

MATTHIAS SUTTER: Ein Honigbrot.

ZEIT CAMPUS: Schön, dass wir so offen reden. Würden Sie das auch einer App verraten? Die Generali-Versicherung will zukünftig jene Kunden mit Prämien belohnen, die ihre persönlichen Daten zu Fitness, Ernährung und Lebensstil regelmäßig in die App des Versicherers speisen.

MATTHIAS SUTTER: Zunächst spricht nichts dagegen, Kunden zu belohnen, die sich freiwillig überwachen lassen. Das Präventionsgesetz der deutschen Krankenkassen sieht sogar vor, dass es Belohnungen gibt. Der Gesetzgeber will Anreize schaffen, um die Risiken für Krankheiten niedrig zu halten. Wenn solche Apps den Anreiz bieten, sich bewusster mit der eigenen Gesundheit zu befassen, ist das erst mal legitim und gut. Ein Problem ist aber, dass nicht alle freiwillig mitmachen würden.

ZEIT CAMPUS: Wie meinen Sie das?

MATTHIAS SUTTER: Die Versicherungen werden damit die jungen, gesunden und technik-affinen Leute erreichen, die ihnen gerne mitteilen, dass sie gesund essen und viel Sport treiben. Die geben gern mit ihrem Schrittzähler im Smartphone an: Schau mal, ich habe schon 5000 Schritte. Und du? Nur 500? Loser! Aber was ist mit den alten, chronisch kranken oder behinderten Versicherten? Die würden ihre Daten nicht preisgeben wollen. In der Konsequenz müssten sie dann höhere Tarife zahlen als die anderen.

ZEIT CAMPUS: Heute beklagen sich die Gesunden hin und wieder, dass sie die Kosten für die Dicken oder die Raucher, die selbst verschuldet Kranken also, mittragen müssen. Ist das demnächst passé?

MATTHIAS SUTTER: Die ursprüngliche Idee des Krankensystems ist, dass die, die Glück im Leben hatten, das Risiko derer, die Pech hatten, mit ihrem Beitrag mittragen – und das ist doch auch wünschenswert, finde ich. Wenn ein unglaublich stark individualisiertes Versicherungssystem entsteht, wird sich das in der Tat aber ändern. Diabeteskranke, Extremsportler und Alkoholiker tragen dann nur noch ihr eigenes Risiko – und ihre Beiträge bemessen sich danach, wie hoch die Kassen die Kosten für sie einstufen. Und theoretisch kann der Versicherer jetzt im Stream mitverfolgen, wie viele Schritte Sie gerade gehen, und könnte jeden Tag auf die übermittelten Daten reagieren: Wahnsinn, die Frau Weber geht gar nicht mehr zu Fuß! Wir müssen den Tarif erhöhen!

ZEIT CAMPUS: Schon heute belohnen Versicherungen einen gesunden Lebensstil. Sie erstatten den Yogakurs oder die Zahnreinigung.

MATTHIAS SUTTER: Ja, wenn Sie regelmäßig zur Zahnvorsorge oder zum Gesundheitscheck gehen, erhalten Sie Punkte und dafür vielleicht einen Fitnessgutschein. Aber das ist nichts im Vergleich dazu, wenn Algorithmen prophezeien können, ob Sie eine Krankheit ausbrüten, noch bevor Sie bei der Vorsorge waren. Was bringt der Punkt für den Gesundheitscheck, wenn Ihr Bewegungsprofil miserabel ist und Sie früher oder später teure Medikamente wegen Herzproblemen nehmen müssen? Über die App weiß der Versicherer längst Bescheid.

ZEIT CAMPUS: Was für eine Welt ist das, in der mein Versicherer alles über mich weiß? Die totale Überwachung wie in Steven Spielbergs Minority Report?

MATTHIAS SUTTER: Sie meinen ein Strafverfolgungssystem, das zukünftige Straftäter aus dem Verkehr zieht – nur für Krankenkassen? Super! Theoretisch könnte man genau schauen, wo der Mensch lebt. Angenommen, der Mann wohnt an einer sehr stark befahrenen Eisenbahnstrecke und leidet daher unter Lärm. Dann würde man die daraus resultierenden üblichen Krankheitsbilder als Risiko kalkulieren: Tinnitus, Schwerhörigkeit, psychische Gereiztheit. Mich bringt das aber vor allem zu der Frage: Wie freiwillig geben die Leute ihre Daten her? Bisher beruht das System ja auf Freiwilligkeit.