Sie machen einen Millionen-Umsatz am Betrug von Studenten: Unser Autor recherchierte ein Jahr, wie Guttenberg und das Netz die Schattenwirtschaft erschufen.

Der Kellner hat gerade das Abendessen gebracht, als Marcel Kopper den Satz sagt, auf den ich seit gut einem Jahr warte. Wir sitzen in einem Schnitzelrestaurant in Hietzing, einem Vorort von Wien, es ist Samstagabend, und Marcel Kopper, im weißen Hemd, mit gepflegtem Dreitagebart und perfekt sitzender Gelfrisur, erklärt mir sein Business.

Bekannt wurde der 24-Jährige als "Turbostudent", der in Rekordzeit sein Wirtschaftsstudium an einer Privathochschule abwickelte. Heute ist er der Gründer und Chef einer Agentur für akademische Ghostwriter. Das heißt: Wer viel Geld, aber wenig Lust auf Hausarbeiten hat, kann sie sich von Kopper und seinen Mitarbeitern, den GWriters, schreiben lassen. Zwanzig Seiten gibt es ab 1.348,35 Euro, Mehrwertsteuer inklusive.

Anfang 2014 habe ich begonnen, für diesen ZEIT CAMPUS-Report zu recherchieren, habe akademische Ghostwriter getroffen in Berlin, Frankfurt, London und jetzt in Wien. Monatelang habe ich mir ihre Ausflüchte angehört über den "moralischen Graubereich" ihrer Arbeit, wie Marcel Kopper es nennt. Darüber, dass die teuer bezahlten Hausarbeiten nicht dafür gedacht seien, an der Uni eingereicht zu werden, sondern lediglich als Mustervorlagen dienen sollten, eine Art Nachhilfe für Wohlhabende. Jetzt habe ich genug.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/15.

"Das ist doch fadenscheinig", fahre ich Marcel Kopper an. Und er sagt seinen Satz, ohne eine Miene zu verziehen: "Es ist sehr fadenscheinig, ja, natürlich. Ich meine, wenn Sie eine Abschlussarbeit schreiben müssen, und Sie bekommen ein Produkt, was den kompletten Anforderungen entspricht, was Sie eigentlich nur noch einzureichen bräuchten – schreiben Sie das dann noch mal um?" Kopper lächelt. Und ich bin verblüfft von so viel Ehrlichkeit.

Akademische Ghostwriter wurden schon mit Zuhältern und mit Drogendealern verglichen. Bloß dass es gegen das Ghostwriting von Hausarbeiten bisher keine Gesetze gibt – wohl auch deshalb spricht Kopper so offen. "Es muss etwas getan werden, um diejenigen, die den Betrug in der Wissenschaft erst ermöglichen, ihn gewerbsmäßig und vorsätzlich fördern, belangen zu können", fordert Michael Hartmer vom Deutschen Hochschulverband.

Marcel Kopper redet über sein Business wie über ein innovatives Start-up. Doch wollen wir wirklich von Managern beschäftigt, von Rechtsanwälten verteidigt und von Ärzten behandelt werden, die sich ihre akademischen Grade erschlichen haben? "Ich denke da nicht groß drüber nach", sagt Marcel Kopper, als ich ihn frage, ob sein Verhalten unmoralisch ist. Viele akademische Ghostwriter haben mir auf diese Frage ähnlich geantwortet. In ihrem Geschäft braucht man ein dickes Fell.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Interviews mit einzelnen akademischen Ghostwritern oder Artikel über ihre Arbeit. Die letzte umfassende Recherche im Ghostwriter-Milieu ist aber schon mehr als zwanzig Jahre alt. Der Journalist Horst Biallo veröffentlichte sie damals im Buch Die Doktormacher. Ich will verstehen, was seitdem in der Branche passiert ist, wer heute die wichtigen Akteure sind und was sie als Nächstes planen.

Nicht alle Fragen werde ich auf den folgenden Seiten beantworten können. Wie viele Menschen vom akademischen Ghostwriting leben, was sie verdienen, wer ihre Kunden sind, dazu gibt es bis heute nur Schätzungen.

Klar ist aber: Die Branche hat sich verändert. Dies ist die Geschichte, wie das Internet, Guttenberg und ehrgeizige Unternehmer eine Schattenwirtschaft groß gemacht haben.

1. Was Ghostwriter machen

Ghostwriter sind Kommunikationsprofis. Politiker, die tagsüber in Ausschüssen sitzen oder Wähler treffen, lassen sich ihre abendlichen Reden von Referenten schreiben. Prominente, die als Schauspieler oder Musiker zu Ruhm gekommen sind, diktieren ihre Memoiren oft Journalisten. Warum auch nicht? Sie überlassen das Schreiben denjenigen, die es gelernt haben. Ghostwriting gilt heute bei vielen nicht mehr als ehrenrührig, sondern als Arbeitsteilung, und oft wird aus solchen Hilfestellungen kein Geheimnis gemacht. Bushido hat seine Autobiografie nicht allein geschrieben, Arnold Schwarzenegger nicht und auch nicht Conchita Wurst. Sie nennen die Namen ihrer Ghostwriter in der Autorenzeile ihrer Bücher.

Doch Ghostwriter ist nicht gleich Ghostwriter. Wer seine Hausarbeiten vom bezahlten Profi schreiben lässt, wird das – anders als Bushido und Co. – niemals zugeben. Es ist ein Verstoß gegen die Prüfungsordnungen der Hochschulen. Die Ghostwriter können nach geltendem Recht nicht belangt werden, doch wer eine fremde Arbeit als seine eigene ausgibt, riskiert seine Creditpoints und seinen Studienplatz. "Der eigentliche Täter ist immer der Prüfling, der die Leistung einer Agentur in Anspruch nimmt", sagt Henning Rockmann von der Hochschulrektorenkonferenz. Zusätzlich zur Arbeit fordern viele Hochschulen von Studenten eine eidesstattliche Versicherung, dass sie die alleinigen Verfasser sind. GWriters, die Ghostwritingfirma von Marcel Kopper, liefert Vorlagen für diese Versicherung bei Bedarf mit, das zeigen interne Dokumente.

Gründerzeit und der Guttenberg-Boom

Noch vor zehn Jahren legten viele Ghostwriter einfach den Telefonhörer auf, wenn Journalisten bei ihnen anriefen. Das erzählt mir ein älterer Kollege, der damals recherchierte. Und Horst Biallo nutzte für sein Doktormacher-Buch noch Tarnnamen und falsche Kundenanfragen, um die Machenschaften der Ghostwriter aufzudecken.

Das ist heute nicht mehr nötig. Meist reichte für mich eine E-Mail, um einen Termin zum Interview zu bekommen. So wie ins Schnitzelrestaurant in Wien. "Selbstverständlich lädt GWriters ein", schrieb Marcel Kopper. Die einstige Schattenwirtschaft sucht die Öffentlichkeit: Es gibt heute akademische Ghostwriter, die versenden Pressemitteilungen, so wie andere Unternehmer auch. Sie aktualisieren ihre Facebook-Seiten, betreiben Websites mit Kostenvoranschlagsrechnern und sind per kostenloser 0800-Nummer zu erreichen. Sie akzeptieren Zahlungen per Kreditkarte oder PayPal. Einige bieten sogar eine Geld-zurück-Garantie für unzufriedene Kunden.

Die Ghostwriter haben ihre Strategie geändert. Das Geschäft ist größer geworden und der Konkurrenzkampf härter. Wie in anderen Branchen war der Auslöser: das Internet.

2. Gründerzeit

Harald Bahner sitzt in einem kahlen Büroraum in Berlin und schwärmt von seinem Job. "Es gibt nichts Aufregenderes als wissenschaftliches Arbeiten", sagt er. "Ich krieg einfach viel mit von der Welt, mehr als in irgendeinem anderen Job. Das ist sehr anstrengend und das Schönste und Spannendste, was es gibt. Noch die tollste Frau kann da nicht mithalten."

Bahner trägt kurze Haare, runde Brillengläser und einen Bartschatten. Er hat das Gesicht eines Intellektuellen – und das Auftreten eines Einzelkämpfers. Die Ärmel seines schwarzen T-Shirts spannen über den trainierten Oberarmen, und das goldene Armani-Emblem glänzt wie ein Orden auf seiner Brust. Sein Alter hält er geheim, er dürfte um die 50 sein. Er sieht jünger aus und auch etwas erschöpft.

Anfang der Neunziger machte Bahner seinen Abschluss in Berlin, erzählt er mir: "In Germanistik ’ne Zwei, in Geschichte ’ne Drei, in Philosophie ’ne Eins." In der Zeitung habe er von einem Ghostwriter gelesen. "Da dachte ich: Och, das kannste vielleicht auch." Ein neues Unternehmen bundesweit zu bewerben war damals teuer und umständlich. "Bevor es das Internet gab, hat man groß in Zeitungen inserieren müssen", sagt Bahner. Doch mehrere überregionale Zeitungen lehnten seine Annoncen ab, sagt er. Es waren mühsame Jahre für Ghostwriter, die Werbezettel in Unis aufhängen und auf Anrufe hoffen mussten. Harald Bahner behielt vorsichtshalber seinen Job als Volkshochschullehrer.

Als sich bis Ende der Neunziger das Internet durchgesetzt hatte, spielten Zeitungsannoncen keine Rolle mehr. Harald Bahner setzte eine Website auf. Er bekam mehr und mehr Kundenanfragen. Irgendwann waren es genug, um sich freie Mitarbeiter zu suchen. Aus dem Einzelkämpfer wurde ein Agenturchef. "Deutlich mehr als 50 Autoren" arbeiten heute für ihn, sagt Harald Bahner, alle in eigenen Büros oder von zu Hause aus, die meisten davon im Nebenjob. Mit einer Autorin spreche ich einige Wochen später in einem Café in Hamburg. Sie erzählt mir, sie schreibe für Harald Bahner Arbeiten in Pädagogik, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Politologie, in Medienfächern und mit Vorliebe in Geografie.

Harald Bahner hingegen behauptet, dass seine Autorinnen und Autoren ausschließlich Hausarbeiten in Fächern schreiben, "in denen nachweislich Fachkenntnis aufseiten des Autors vorliegt."

Während seine Autoren die bestellten Arbeiten verfassen, arbeitet Bahner als Geschäftsführer unter anderem daran, die Platzierung seiner Website in den Google-Suchergebnissen zu verbessern. Bahner über Bahner: "Ich bin ein Internetunternehmen."

3. Der Guttenberg-Boom

Der Durchbruch kam Anfang 2011. "Da hat’s einfach gekracht und gebrummt, da ist mein Laden fast auseinandergeflogen", sagt Harald Bahner. Damals wurde bekannt, dass der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seine Doktorarbeit schlampig aus alten Arbeiten und Zeitungsartikeln zusammenkopiert und von der Uni Bayreuth trotzdem eine Auszeichnung für akademische Bestleistungen bekommen hatte: summa cum laude.

Das Thema beherrschte wochenlang die Schlagzeilen, es wurde offen darüber spekuliert, ob Guttenberg einen Ghostwriter beschäftigt habe. Die Anzahl der Anfragen habe sich in dieser Zeit verdreifacht, sagt Bahner. Nur ein kleiner Teil seiner Kunden bestelle Dissertationen, sagt er, meist gehe es um studentische Haus- und Abschlussarbeiten. Bahner sagt: "Guttenberg war der größte Werbefeldzug für wissenschaftliche Ghostwriter."

Das nützte jedoch nicht nur Bahner. Wer heute Stichworte wie "Hausarbeit schreiben lassen" googelt, findet unzählige Websites. Darunter auch solche, die auf den ersten Blick professionell gestaltet sind, aber statt einer Anschrift bloß eine E-Mail-Adresse bei Yahoo angeben – und deren Werbetexte voller Rechtschreibfehler sind. Es seien zahlreiche "zwielichte Gestalten" angelockt worden, so Bahner, "damit wird die gesamte Ghostwriter-Branche zunehmend in Misskredit gezogen".

Harald Bahner hält sich für einen seriösen Unternehmer, die meisten seiner neuen Konkurrenten aber für Blender. Um das zu beweisen, führte er jahrelang Gerichtsprozesse, vor allem gegen einen neuen Mitbewerber namens Acad Write. Mal gewann Bahner, mal verlor er. Oft ging es darum, sich gegenseitig die großspurigen Werbeaussagen zu verbieten, etwa "einer der Marktführer" zu sein oder "einer der etabliertesten" Anbieter. Kleinigkeiten, könnte man denken, für die Bahner nach meiner Schätzung Zehntausende Euro in Anwalts- und Prozesskosten versenkte. Harald Bahner kommentiert diese Summe nicht. Bescheidener ist er durch die Prozesse jedenfalls nicht geworden: Heute bezeichnet er sich auf seiner Website als "König der Ghostwriter im gesamten deutschsprachigen Raum".

Marktforschung und PR-Offensive

4. Marktforschung

Einige Monate nach meinem Besuch bei Harald Bahner fahre ich nach Frankfurt, in ein Hotel im Bahnhofsviertel: Nachkriegsbau, zwei Sterne, Zimmer mit Duschkabine ab 59 Euro pro Nacht. Im Raum Neckar im Erdgeschoss sind die Vorhänge zugezogen. Draußen rauscht der Verkehr vorbei, drinnen sitzen zwölf Männer und Frauen an Konferenztischen und plaudern. "Du schreibst jetzt vor allem Philosophie?", fragt einer seinen Sitznachbarn. "Philosophie", antwortet der, "auch Naturwissenschaften, Chemie, Geschichte." Man könnte glauben, man sei in eine Tagung der Universalgelehrten hineingeraten. Tatsächlich treffen sich heute die Mitarbeiter von Acad Write zur Marktforschung.

Acad Write ist einer der großen Anbieter für akademisches Ghostwriting im deutschsprachigen Raum. Vielleicht sogar der größte. Die Leute von Acad Write würden das selbst nicht behaupten. Es wurde ihnen verboten, nach einer Klage von Harald Bahner. Was sie jedoch behaupten, ist, dass ihre Autoren nur in Fächern schreiben, die sie selber studiert haben – ein Widerspruch, so scheint es mir, zu dem Dialog der Sitznachbarn, den ich im Raum Neckar aufgeschnappt habe.

Drei Studenten betreten den Raum und setzen sich. Ganz rechts ein schlaksiger Mittzwanziger, dessen blondes Haar schon schütter wird. Studium: Englisch und Geschichte auf Gymnasiallehramt. Links daneben: eine gleichaltrige Juristin mit Perlenohrringen und Nerdbrille. Ganz außen: eine Frau in sackigen Kleidern, die vom Alter her die Mutter der beiden sein könnte. Sie studiert Kunstgeschichte.

Alle drei sind an Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet immatrikuliert. Ihre Namen müssen geheim bleiben, das ist die Bedingung des Gastgebers. "Diskretion ist unser Geschäft", sagt Herbert Jost-Hof. Er trägt ein senffarbenes Hemd, eine farblich darauf abgestimmte Krawatte und beginnt, die Studenten auszufragen. Ist an den Unis genug Forschungsliteratur vorrätig? Wie sieht die Betreuung aus? Fühlen sie sich alleingelassen? Es ist ein Gespräch über die Studienbedingungen an Massenuniversitäten. Oder: Marktforschung in einer Wachstumsbranche.

"Ich habe jetzt mal eine interessante Frage", platzt Thomas Nemet, der Agenturchef, dazwischen. "Wie nehmen Sie Ghostwriter wahr?" Erst antwortet keiner, dann der Lehramtsstudent. "Weiß nicht, ob ich das wahrnehmen würde", sagt er. "Wegen meines Anspruchs." Er knetet seine Hände. "Was ist, wenn Ihnen Begleitung angeboten wird, die es an der Uni nicht gibt?", fragt einer der Ghostwriter. Die Jura-Studentin nickt und sagt: "Im Grunde wie ein Repetitorium, oder?"

Das wollten die Leute im Raum Neckar hören: eine Zukunft, in der Ghostwriting so normal ist wie heute schon juristische Repetitorien.

5. Die PR-Offensive

Thomas Nemet liebt seine Konkurrenten. "Je mehr Leute an dem Markt teilnehmen", sagt er und klopft dabei auf die Tischplatte, als wolle er jedes Wort unterstreichen, "desto größer ist der Werbeeffekt." Nemet ist ein 44-Jähriger mit sanften Gesichtszügen. Er wirkt jungenhaft, trotz seines dunklen Anzugs. Harald Bahner, der Internetpionier aus Berlin, wirkte während des Interviews angespannt und wollte auf keinen Fall fotografiert werden. Thomas Nemet hingegen gibt sich locker und offen. Er scherzt, spielt Mitarbeiterdialoge nach und erzählt mir von seinem letzten schlimmen Liebeskummer. Nemet ist ein PR-Profi und sucht das Rampenlicht. Er gibt gerne Interviews, es sind sogar Homestorys über ihn erschienen. Thomas Nemet arbeitet hart daran, das akademische Ghostwriting als eine ganz normale Dienstleistung darzustellen. Gelänge ihm das, könnte das Geschäft mit den Hausarbeiten noch weiter wachsen.

Das Erste, was Thomas Nemet klarstellt, ist, wie wichtig ihm kollegiale Beziehungen sind – trotz der Streitereien mit Harald Bahner. Die GWriters und Roland Franke, ein Ghostwriter aus Ostwestfalen, kenne er persönlich, sagt Thomas Nemet. Er spricht ausschließlich positiv über sie.

Sein Handwerk hat Thomas Nemet als Autor bei Hausarbeiten24.com gelernt, einer Ghostwriter-Agentur in Münster. Er sei ein sehr guter Autor gewesen, sagt sein damaliger Chef Dirk Bocklage heute. Aber das reichte Thomas Nemet nicht. Er gründete Acad Write, seine eigene Agentur. Das war 2004, sagt Nemet.

Seine Mutter sei anfangs skeptisch gewesen, aber jetzt gebe es Acad Write seit zehn Jahren, in dieser Zeit habe die Agentur 8.608 Aufträge bearbeitet. Insgesamt seien auf diese Weise 232,416 Seiten mit 418.348.800 Zeichen zusammengekommen. Nemet sagt, dass er sechs Mitarbeiter habe, allein für das administrative Geschäft, Controlling, Vertrieb, plus Hunderte freier Autoren. Der prognostizierte Jahresumsatz: zwei Millionen Euro.

Thomas Nemet ist ein Geschäftsmann, komplett mit Rolex am Handgelenk. Inzwischen habe er sogar einen Doktortitel, erzählt er. "Meine Kollegen sagten: 'Du musst jetzt mal promovieren.' – 'Wieso muss ich jetzt promovieren?' – 'Na, es verkauft sich besser.'" Ein Bekannter habe ihm eine Hochschule in Costa Rica empfohlen mit den Worten: "Das ist relativ einfach zu bewältigen, das Verfahren, dort werden dir nicht so viele Steine in den Weg gelegt."

In Costa Rica brauchte er keinen Doktorvater, sagt Thomas Nemet, und musste nur ein- oder zweimal persönlich vor Ort sein. In Deutschland ist die Anerkennung ausländischer Grade kompliziert, zumal solcher, die unter dem Verdacht stehen, nicht den hiesigen Ansprüchen zu genügen. Kein Problem für Thomas Nemet: Er wohne inzwischen in der Schweiz, da gilt das deutsche Gesetz nicht. "In der Schweiz gibt es ja nicht diesen ganzen Titelwahnsinn", sagt Nemet, "da haben Sie nicht das Problem mit der Anerkennung irgendwelcher ausländischer Grade."

Bevor ich aus Frankfurt abreise, drückt mir ein Mitarbeiter von Acad Write ein Buch in die Hand, das sein Chef Nemet gerade herausgegeben habe. Hellblauer Einband, konservatives Layout, ein Doktortitel in der Autorenzeile – es sieht so bieder aus wie ein seriöses Handbuch. Zur Praxis der Textredaktion heißt es. Und im Untertitel: Wissen, Rat und Tipps von Ghostwritern. Erste Bibliotheken haben es bereits in ihren Bestand aufgenommen.

Der Weltmarkt und ein Firmengeflecht

6. Der Weltmarkt

In der ersten Zeit nach der Gründung seiner Ghostwriter-Agentur gab es Nächte, da konnte er nicht ruhig schlafen, sagt Marcel Kopper. Nicht weil ihn Gewissensbisse plagten, sondern wegen seiner Ansprüche an die Qualität seiner Dienstleistung. "Wir haben sehr, sehr viel Stress gehabt", erzählt er, als wir zusammen im Schnitzelrestaurant in Wien sitzen. "Wir", das sind Marcel Kopper und Robert Grünwald. Während Kopper sich mit mir trifft und freimütig erzählt, kenne ich Grünwald nur aus seinem Werbevideo auf YouTube und von seinem Pressefoto: Es zeigt den heute 24-Jährigen mit Krawatte, weißem Einstecktuch und einer strengen Brille. Grünwald will nicht zitiert werden, sagt er mir am Telefon. Auch Marcel Kopper redet nicht öffentlich über seinen Kollegen. Dieser Report wäre aber nicht vollständig ohne ihn – und Koppers Geschichte ist ohne Grünwald kaum zu verstehen.

Alles begann vor einigen Jahren, als Kopper und Grünwald studierten und ein gemeinsames Projekt ausheckten: das "Turbostudium". Den Bachelor und Master im dualen Studium absolvierte Grünwald in vier statt elf Semestern, parallel zur Bankausbildung. Kopper brauchte etwas länger, sagt er, blieb aber immer noch deutlich unter der Regelstudienzeit. Viele Medien berichteten damals, auch ZEIT CAMPUS. Anschließend wurden Kopper und Grünwald von ihrer Privathochschule verklagt, die darauf bestand, die vollen Studiengebühren zu berechnen. Die Hochschule bekam recht. Im Schnellstudium habe er gelernt, Unternehmer zu sein, auch gegen Widerstände, sagt Kopper. "Ziel vor Augen, Ziel erreicht, und das Schlag auf Schlag", so beschreibt er diese Zeit heute.

Noch etwas lernte Kopper: wie man schnell Hausarbeiten schreibt, auch für andere. Während des "Turbostudiums" habe er erste Jobs als Ghostwriter in der Agentur von Roland Franke übernommen, sagt er. Später nutzte Marcel Kopper seine Bekanntheit, um seine eigene Ghostwriting-Agentur zu vermarkten.

Bevor er hauptberuflicher Ghostwriter wurde, fing Marcel Kopper als Account Manager bei einem großen Personaldienstleister an. Das Einstiegsgehalt auf diesem Posten laut Firmensprecher: etwa 46.000 Euro. Das Geld sei "okay" gewesen, sagt Kopper, doch die Aufstiegschancen passten ihm nicht.

Er schmiss hin und wechselte in das Management der Discounter-Kette Lidl. "Megagehalt, Firmenwagen", sagt Kopper – und das Tempo passte zum Lebensgefühl. In der Einarbeitung habe er Regale einräumen müssen, am Ende Personalverantwortung für 100 bis 120 Mitarbeiter in vier Filialen übernehmen sollen. "Peu à peu arbeiten Sie sich hoch, und das in kürzester Zeit", sagt Marcel Kopper. "Das hat mir gefallen."

Dann kam sein 21. Geburtstag – und Kopper schmiss wieder hin, sagt er. Nach knapp einem Jahr bei Lidl gründete er zusammen mit Robert Grünwald und einem dritten Investor, einem erfahrenen Onlineunternehmer, die Firma Academic Services, mit Geschäftssitz an der schicken Königsallee in Düsseldorf. Jeder von ihnen gab 8.400 Euro zum Stammkapital, so steht es in der Gesellschafterliste, gezeichnet am 5. Juni 2012. Gemeinsam wollten sie die erste deutsche Ghostwriting-Agentur aufbauen, die das Zeug hat, auf dem Weltmarkt zu bestehen. Sie hätten daran geglaubt, sagt Marcel Kopper, "dass das was Großes werden kann". Auf ihrer Internetseite nennen sie sich: die GWriters.

7. Ein Firmengeflecht

Zuerst versuchen es die GWriters in Budapest. Es gibt dort niedrigere Steuern als im EU-Schnitt, das Lohnniveau ist geringer, und Deutsch ist als Fremdsprache relativ verbreitet. Gute Voraussetzungen, so schien es.

Außerdem wollte Mitgründer Robert Grünwald einen Doktortitel. Auch das sprach für Budapest: Es gibt dort die deutschsprachige Andrássy-Universität. Am 13. Dezember 2012 schickte Grünwald eine E-Mail an einen Wirtschaftsprofessor und bewarb sich um einen Platz im PhD-Programm der Uni. Seiner E-Mail hängte Grünwald einen Artikel aus dem Wirtschaftsmagazin brand eins über die "Turbostudenten" an. So erzählt es mir später der Professor. Grünwald möchte sich dazu nicht öffentlich äußern.

"Er machte einen geschmeidigen Eindruck", sagt der Professor. Daran, dass sein neuer Schützling mit Hausarbeiten handeln könnte, habe er nicht gedacht. Gelegentlich habe es an seiner Uni Plagiate gegeben, die durch Stilbrüche oder schlechte Übersetzungen aus einer Fremdsprache aufgefallen seien, sagt er. Aber Ghostwriting? Nein, niemals. Robert Grünwald wurde in das PhD-Programm der Andrássy-Universität aufgenommen. Zusätzlich bewarb er sich auf ein Promotionsstipendium. Mit Erfolg, sagt sein Professor.

Kurz vor dem Jahreswechsel 2012/13 wird das zweite Unternehmen gegründet, das sich mit den GWriters in Verbindung bringen lässt: die Knowlance AG in der Stadt Zug in der Schweiz. Im Handelsregister steht ein Aktienkapital von 100.200 Franken, etwa 94.000 Euro. Wer auf gwriters.de ein Angebot anfordert, bekommt es nun von der Knowlance AG, ohne weitere Erklärung. Das Firmengeflecht der GWriters beginnt unübersichtlich zu werden: Kopper, Grünwald und der dritte Investor der Ursprungsfirma tauchen im Handelsregister nicht auf. Der einzige dort genannte Name ist ein Mitarbeiter der Treuhand Suisse AG. In den E-Mail-Signaturen der GWriters-Mitarbeiter steht noch ein halbes Jahr nach der Gründung in der Schweiz die Anschrift in der Düsseldorfer Königsallee. Das operative Geschäft versuchen die GWriters derweil in Budapest anzusiedeln, zumindest suchen sie online nach einem "Customer Service Mitarbeiter (deutschsprachig)" für einen "Arbeitsplatz in Budapest".

In die Schweiz zu gehen "hat erst mal natürlich steuerliche Hintergründe", sagt Marcel Kopper. "Zu dem Zeitpunkt, als wir in die Schweiz gegangen sind, war für uns eigentlich so der Gedanke: Wir wollen das groß machen, noch größer."

Die Internetseite der GWriters gibt es jetzt mit eigenen Domains auch auf Polnisch und Englisch. Schon Wochen vorher hatte Robert Grünwald im Karrierenetzwerk Xing die Nachricht verschickt, dass er "für ein Expansionsprojekt in Polen einen fähigen Muttersprachler" suche, der "sich außerdem auch im Bereich Wirtschaftswissenschaften auskennt". Doch die Wachstumseuphorie der GWriters bekommt schon bald einen Dämpfer.

8. Der Weltmarkt will nicht

"GWriters? Nie gehört." Vor mir sitzt der Chef von Oxbridge Essays, einer englischen Ghostwriter-Agentur. Wir befinden uns in einem Büro in Laufnähe der British Library in London. Draußen ist am Gebäude kein Name zu sehen, die Fenster sind blickdicht abgeklebt. Drinnen sitzen auf zwei Stockwerken ein Dutzend Mitarbeiter, beantworten Fragen und vermitteln Autoren.

Die englischsprachigen Ghostwriter betreiben einen noch größeren Aufwand, um Kunden zu fangen, als ihre deutschen Konkurrenten. Oxbridge Essays wirbt damit, ausschließlich Absolventen der besten britischen Colleges zu beschäftigen. Und in Amerika gibt es Websites, bei denen öffnet sich automatisch ein Chatfenster für den persönlichen Austausch mit einem Kundenberater der Agentur.

Die Zukunft einer Dienstleistung

Mit all den Unis in Großbritannien, den USA und Australien ist der englischsprachige Markt sehr viel größer als der deutschsprachige. Zudem gibt es dort Kunden, die durch Studiengebühren ohnehin schon daran gewöhnt sind, üppige Summen zu zahlen. Ein früherer Mitarbeiter von Oxbridge Essays sagt mir, er habe "Managementdegrees für Scheichsöhne" geschrieben. Und der Chef von Oxbridge Essays behauptet, viele seiner Kunden hätten zwar Geld – könnten aber kaum Englisch. Er inszeniert sich als Wohltäter für reiche Ausländer. "Im angloamerikanischen Sprachbereich", sagt Marcel Kopper, "ist der Markt viel höher professionalisiert, viel, viel höher." In Polen gebe es das gegenteilige Problem: Kaum jemand googelt dort nach Ghostwritern. Das Expandieren in andere Märkte erwies sich als "sehr viel schwieriger" als gedacht, sagt Kopper.

Das hält ihn nicht auf. Er gründet ein drittes Unternehmen, Get Assist in Wien. Im Firmenbuch der Republik Österreich wird Marcel Kopper als Geschäftsführer genannt. Gesellschafter ist die Knowlance AG mit 35.000 Euro. Was ist die Funktion dieser neuen Firma? Marcel Kopper schweigt dazu.

Am 30. Juli 2013 taucht die vierte Firma auf, die den GWriters zugeordnet werden kann: die GWriters International Inc. in Wilmington, einer Stadt im US-Staat Delaware. Laut dem Impressum auf gwriters.de wird die Website von dieser Firma betrieben. Einmal hat Harald Bahner, der Ghostwriter aus Berlin, die GWriters wegen Werbeaussagen auf ihrer Website vor einem deutschen Gericht verklagt, sagt Marcel Kopper. Jetzt ist offiziell eine amerikanische Firma für die Internetseite verantwortlich.

Unterdessen schwärzt in Budapest jemand Robert Grünwald bei seinem Professor an. Der googelt und findet ein Werbevideo der GWriters auf YouTube. "Da wird einem ganz blümerant", sagt er. Weitere Nachforschungen des Professors ergeben, dass Grünwald laut Handelsregister alleiniger Geschäftsführer der Academic Services GmbH geworden war, kurz bevor er in seiner Stipendienbewerbung angab, keine Berufstätigkeit auszuüben. Er hat "uns und den Staat getäuscht" und sich das Stipendium "erschlichen", sagt der Doktorvater. "Ich bin bitter enttäuscht." Er konfrontiert Grünwald mit den Vorwürfen. Der habe am 28. August 2013 geantwortet und vorgeschlagen, das PhD-Programm aufzugeben und sein Stipendium zurückzuzahlen. "Zwei Tage später war das Geld da", sagt der Ex-Doktorvater. Robert Grünwald kommentiert diese Aussagen nicht.

Am Ende des ungarischen Abenteuers leben die meisten Kunden der GWriters nach wie vor in Deutschland, sagt Marcel Kopper. Dort sitzen auch die meisten Autoren, vermute ich. Doch ihre Steuern zahlen die GWriters offenbar in der Schweiz, und ihre Website betreiben sie nach eigenen Aussagen über eine Firma in den USA. Mag sein, dass es mit dem Weltmarkt nicht geklappt hat. Aber zumindest gehört den GWriters nun ein transatlantisches Firmengeflecht.

Am Ende ihrer unternehmerischen Ambitionen sind Kopper und seine Kompagnons noch lange nicht. Vor Kurzem haben sie eine neue Firma gestartet, für die sie sich bessere Chancen auf dem Weltmarkt ausrechnen: einen Inkassobetrieb.

Epilog: Die Zukunft einer Dienstleistung

Ich habe viele akademische Ghostwriter um eine Schätzung dazu gebeten, wie viele Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz hauptberuflich von dem Geschäft leben können. Im Mittel liegen ihre Angaben bei 50 Vollzeit-Ghostwritern. Acad Write hat 2014 nach eigenen Angaben zwei Millionen Euro umgesetzt, GWriters etwa anderthalb Millionen. Zusammengenommen wollen die beiden Firmen seit der Gründung mehr als 10.000 Auftragsarbeiten für ihre Kunden geschrieben haben.

Rund 2,7 Millionen Studenten zählte das Statistische Bundesamt im Wintersemester 2014/15. Gemessen an dieser Zahl, ist das akademische Ghostwriting immer noch ein Nischenmarkt.

Wird die Ghostwriter-Branche also noch viel, viel größer werden?

Der Markt könnte ein Plateau erreicht haben, sagt Marcel Kopper. Der nächste Schritt wäre, die Kunden zu gewinnen, die noch nicht selbstständig nach Ghostwritern googeln. Man müsste einen neuen Werbefeldzug starten, TV-Spots schalten oder an Universitäten Flyer verteilen. Doch das ist Marcel Kopper zu heiß. "Sehen Sie, man will ja auch nicht unbedingt schlafende Hunde wecken", sagt er. Er will nicht riskieren, dass "Ghostwriting als akutes Problem wahrgenommen" wird.

Haben Sie in Ihrem Studium Ghostwriter genutzt und sind bereit, darüber zu sprechen? Schreiben Sie uns an campus@zeit.de oder nutzen Sie unseren anonymen Briefkasten unter zeit.de/briefkasten, Stichwort: ZEIT CAMPUS