Die Frau, die Peter Pan das Handwerk legen will, wohnt in einem hellen Altbau in Berlin-Kreuzberg. Hierher hat Susan Neiman, 60, zur Sprechstunde eingeladen. Neiman ist Philosophin und eine scharfe Kritikerin des Ideals der ewigen Jugend, so wie Peter Pan es verkörpert. "Warum erwachsen werden?" heißt eines ihrer Bücher. Darunter steht: "Eine philosophische Ermutigung". Doch was bedeutet das überhaupt: erwachsen werden? Darüber wollen wir heute reden. Bei der Begrüßung ist ein leichter amerikanischer Akzent zu hören. Susan Neiman ist in Atlanta, im US-Staat Georgia, aufgewachsen und kam als 28-Jährige nach Berlin. Eigentlich wollte sie nur ein, zwei Jahre bleiben, sagt sie. Heute ist sie noch immer hier. Sie leitet das Einstein-Forum in Potsdam, wo Wissenschaftler und andere Menschen miteinander ins Gespräch kommen sollen, ganz ohne Klausuren und Creditpoints. In ihrer Wohnung bittet Susan Neiman an den hölzernen Küchentisch, die Balkontür steht offen.

ZEIT Campus: Frau Neiman, Sie schreiben, unsere Gesellschaft hätte ein Problem mit dem Erwachsenwerden. Was meinen Sie damit?

Susan Neiman: Wir werden heute mit gegensätzlichen Anforderungen konfrontiert. Einerseits werden wir ermahnt, schnell erwachsen zu werden. Man soll mit 25 schon an die Rente denken. Das finde ich fürchterlich! Gleichzeitig wollen alle jünger aussehen und möglichst lange jung bleiben. Jung zu sein wird gleichgesetzt damit, gesund, weltoffen und lebensfroh zu sein. Ein positives Bild vom Erwachsenen gibt es hingegen nicht.

ZEIT Campus: Kindern wird vorgelebt, dass Erwachsene gestresst sind, Geldsorgen haben und sich mit schwierigen Entscheidungen rumplagen. Wieso sollte man diesen Zustand anstreben und erwachsen werden wollen?

Neiman: Ich verstehe Sie total. Aber diese Art von gestresstem Unglück ist nicht dasselbe wie Erwachsensein.

ZEIT Campus: Was ist Erwachsensein dann?

Neiman: Erwachsensein heißt, die Fähigkeit zu haben, sowohl das Sein als auch das Sollen im Auge zu behalten.

ZEIT Campus: Was heißt das konkret?

Neiman: Zum Beispiel müssen wir irgendwie unseren Lebensunterhalt verdienen. Das ist das Sein. Aber es gibt noch andere Werte und Ideale. Das ist das Sollen. Während es uns verhältnismäßig gut geht, gibt es wirkliches Leid, Menschen, die gefoltert und ermordet werden, während wir uns hier unterhalten. Ich plädiere nicht dafür, dass wir uns nur noch auf dieses Leid konzentrieren. Aber zum Erwachsensein gehört, sich mit einem Teil seines Lebens für etwas anderes einzusetzen als bloß für den Erwerb des eigenen Lebensunterhalts.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/15, das am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT Campus: Wie schafft man es, zwischen Sein und Sollen eine Balance zu finden?

Neiman: Es ist etwas, an dem man ständig arbeiten muss. Viele versuchen, eine einfache Lösung zu finden. Da gibt es die Neoliberalen, die sagen: "Wir leben in der besten aller Welten, es gibt nichts anderes als die Marktwirtschaft." Oder die Fundamentalisten, die sagen: "Gott weiß, was das beste für uns ist." Und vor allem gibt es die Zyniker, die behaupten: "Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht, und alle, die glauben, eine andere Welt sei möglich, sind Träumer."

ZEIT Campus: Und was sagen Sie?

Neiman: Wir leben in einer unvollkommenen Welt. Unser Leben wird nie genauso sein, wie wir das wollen. Trotzdem sollten wir nicht einfach alles akzeptieren, sondern schauen, was wir in der Welt ändern können. Mit Wut und Entrüstung über das Leid und die Ungerechtigkeit.

ZEIT Campus: Erwachsenwerden bedeutet auch, älter zu werden. Es ist eine Bewegung auf den Tod zu. Ich will nicht gehen müssen, also will ich auch nicht erwachsen werden. Haben Sie keine Angst vor dem Tod?

Neiman: Ich will auch nicht gehen müssen. Aber ich denke kaum ans Sterben, dafür habe ich zu viel zu tun. Meist kommt diese Angst vor dem Tod bei jungen Menschen öfter vor als bei älteren.