Als Avigayil Benstein von ihrem Handy geweckt wird, sind die Männer gerade eine halbe Stunde tot. Es ist der 18. November 2014, und auf dem Handydisplay blinken Eilmeldungen: Zwei Palästinenser haben eine Synagoge gestürmt und vier Juden beim Gebet ermordet. Das war im Westen der Stadt, wo Freunde von Benstein leben. Als Erstes ruft sie ihre Eltern an, um ihnen zu sagen, dass sie lebt. Routine in Jerusalem, einer Stadt, in der tödliche Gewalt schon lange zum Alltag gehört. Benstein ist 21 Jahre alt. Als sie zur Grundschule ging, explodierten fast jede Woche Sprengsätze in Bussen und Cafés, einmal auch in der Cafeteria der Hebräischen Universität. Neun Studenten starben damals. Jetzt fürchten viele in Jerusalem eine neue Terrorwelle.

"Sei vorsichtig, wenn du zur Uni fährst", sagt ein Freund zu Avigayil Benstein. Ihr Bus fährt durch arabische Viertel, manchmal werfen Palästinenser mit Steinen. "Da begriff ich zum ersten Mal, dass ich ein Risiko eingehe, wenn ich zur Uni fahre", sagt Benstein. Sie studiert Nahostwissenschaften, in ihren Kursen sitzen auch palästinensische Studenten. Es sind die ersten Palästinenser, mit denen sie ein Stück ihres Alltags teilt.

Hadil Scharif ist eine der Palästinenserinnen, die an der Hebräischen Universität studieren. Von dem Synagogen-Anschlag las sie zuerst auf Facebook. "Danach war ich den ganzen Tag zu nichts fähig", sagt sie, "ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Was muss passieren, damit Menschen anderen Menschen so etwas antun?" Sie sagt, sie rechtfertige Gewalt nicht. Aber sie sagt auch: In der Situation, in der die Palästinenser heute leben, sei es nur normal, dass manche von ihnen ausrasteten.

Scharif ist zwanzig und studiert Politik. Bevor sie in ihrer Heimatstadt studieren konnte, musste sie erst eine Fremdsprache lernen. Ihr Leben lang hat sie Arabisch gesprochen, doch an der Uni wird auf Hebräisch gelehrt. Also saß Hadil Scharif ein Jahr lang im Sprachkurs, zwischen Austauschstudenten aus Frankreich, den Vereinigten Staaten und China. Der Kurs fiel ihr leicht, Hebräisch ähnelt Arabisch. Schwieriger waren die Begegnungen mit jüdischen Kommilitonen. "Ich wusste nicht, wie groß der Unterschied zwischen uns ist", sagt sie. "Sie haben andere Ansichten als wir."

Hadil Scharifs Titelbild auf Facebook zeigt Männer und Frauen mit Palästina-Fahnen, eine Szene vom ersten Massenaufstand der Palästinenser im Jahr 1987.

Avigayil Bensteins Titelbild zeigt sie im Kreis von Freunden. Drei von ihnen tragen die kakigrünen Uniformen der israelischen Armee.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Soldaten gehören zum Stadtbild von Jerusalem, man trifft sie in der Altstadt, in der Fußgängerzone, im Bus, die Maschinenpistole über der Schulter. Wenn Avigayil Benstein einen Soldaten sieht, fühlt sie sich sicher, sagt sie. "Sie sind hier, um mich zu schützen."

Wenn Hadil Scharif einen Soldaten sieht, fühle sie sich "traurig und wütend", sagt sie. Für sie ist die Armee eine feindliche Macht. "Sie können alles mit uns machen. Kein Palästinenser kann sich sicher fühlen."

Die Vereinten Nationen entschieden 1947, das damalige britische Mandatsgebiet Palästina aufzuteilen: in einen Staat für Juden, einen für Araber. Manche Juden lebten schon lange in Palästina, viele weitere waren vor dem Holocaust dorthin geflohen. 1948 erklärte sich Israel unabhängig. Sofort griffen fünf arabische Nachbarstaaten das Land an. Während des Kriegs flohen Hunderttausende Araber aus Israel, manche aus Furcht, manche, weil sie vertrieben wurden. In den Jahren darauf flohen Hunderttausende Juden aus den arabischen Ländern und aus dem Iran nach Israel. "Die jüdischen Einwanderer kamen aus der ganzen Welt", sagt Hadil Scharif, "aber wir leben seit Jahrhunderten hier."

Bloß sind heute die meisten Israelis keine Einwanderer mehr. Avigayil Benstein ist hier geboren, genau wie Hadil Scharif; beide kennen kein anderes Zuhause als Jerusalem. Mehr als ein Drittel der Einwohner der Stadt sind Palästinenser, der überwiegende Rest jüdische Israelis. Doch sie leben in getrennten Stadtvierteln, besuchen andere Schulen und sprechen nicht die gleiche Sprache. Nach der Schule gehen jüdische Israelis zur Armee, Frauen für zwei, Männer für drei Jahre. Palästinenser, auch solche mit israelischem Pass, sind vom Wehrdienst ausgenommen. Man kann als Palästinenser sein ganzes Leben in Jerusalem verbringen, ohne einen Juden näher kennenzulernen. Umgekehrt gilt das genauso.