ZEIT Campus: Wer an der Uni bleiben will, muss nur eine gute Doktorarbeit abliefern, dann klappt es schon. Stimmt das?

Heiner Minssen: Eine sehr gute Arbeit ist die Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere, das stimmt. Darüber hinaus muss man aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Die Laufbahn bis zur Berufung auf eine Professur kann man nicht planen. Man weiß vorher nie, ob und wann eine passende Stelle ausgeschrieben wird. Man braucht auch Glück.

ZEIT Campus: Und wer Pech hat, landet mit 40 bei Hartz IV?

Minssen: Das ist nicht der Regelfall, aber es kann passieren: Sie hangeln sich von Vertrag zu Vertrag und bekommen dann keine neue Anstellung mehr. Im schlechtesten Fall sind Sie Experte für ein Spezialproblem, das außer Ihnen und Ihrem Promotionsbetreuer keinen interessiert. Sie sind überqualifiziert und können in der Wirtschaft nicht Fuß fassen.  

ZEIT Campus: Wie kann man das vermeiden?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Minssen: Sie können Ihre Chancen auf eine Professur zum Beispiel durch Veröffentlichungen erhöhen und dadurch, dass Sie "international sichtbar" werden, wie es immer wieder heißt. Es gibt da aber ein Problem: Keiner kann Ihnen sagen, ab wann genau man sichtbar ist. Die Kriterien dafür, wer in der Wissenschaft Karriere macht und wer nicht, sind ziemlich intransparent.

ZEIT Campus: Wie können junge Wissenschaftler mit dieser Ungewissheit umgehen?

Minssen: Wir haben zusammen mit Kollegen der Uni Köln Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen befragt. Dabei kam heraus, dass die meisten gar nicht über ihre Karriere nachdenken, sondern sich mit großem Eifer um ihre Arbeit kümmern. Viele von ihnen sind hoch motiviert und ignorieren die beruflichen Risiken. Übrigens ist die Situation nicht überall gleich: In England und den USA gibt es den "tenure track", der von der Promotion bis zur Professur führt, da sind die Bedingungen etwas transparenter.

ZEIT Campus: Und hier in Deutschland?

Minssen: Hier merken viele erst in der Postdocphase, dass ihnen die wissenschaftliche Laufbahn zu riskant ist. Sie verzichten auf Kinder, strengen sich beruflich sehr an, und trotzdem gibt es keine Sicherheit. Ich kenne Juniorprofessoren, die wissen kurz vor Ablauf ihres Vertrages noch nicht, wie es mit ihnen weitergehen soll. Das finde ich skandalös.

ZEIT Campus: Wissenschaftler sind kritische Denker – sind sie zu unkritisch, was die eigenen Karrierechancen angeht?

Minssen: Wissenschaft bedeutet Kritik des Bestehenden. Dass das aber nicht auf die eigene Karriere angewendet wird, ist typisch für das gesamte Wissenschaftssystem. Das betrifft nicht nur den Nachwuchs. Jedes Unternehmen macht jährliche Mitarbeitergespräche. Da wird besprochen, was man geschafft hat, was man noch erreichen will und welche Weiterbildungen man machen sollte. Dort ist völlig klar, dass Vorgesetzte mitverantwortlich sind für die Entwicklung ihres Personals. Den Hochschulen ist dieses Denken fremd.

ZEIT Campus: Wie kommt das?

Minssen: Viele Wissenschaftler glauben, sie seien ihres eigenen Glückes Schmied. Dass Professoren ihre Mitarbeiter nicht nur inhaltlich betreuen, sondern mit ihnen auch über die Karriereplanung sprechen, hat sich noch nicht durchgesetzt. Die Universitäten bieten Rhetorik- und Präsentationstrainings an, aber darüber hinaus bleibt der wissenschaftliche Nachwuchs auf sich allein gestellt.

ZEIT Campus: Was heißt das für Promovierende?

Minssen: Viele Nachwuchswissenschaftler verstehen nicht, welche Bedeutung Netzwerke haben, was in informellen Gremien entschieden wird oder welche mikropolitischen Aspekte das Wissenschaftssystem beeinflussen. Man braucht ein gewisses Gespür, um zu verstehen, wie das System funktioniert, aber das bekommt man nur, wenn man drin ist. Dieses Wissen wird nicht an den Nachwuchs vermittelt.

ZEIT Campus: Warum nicht?

Minssen: Die Vorgesetzten würden ihren Informationsvorsprung verlieren, wenn sie ihr Wissen teilen. Daran haben sie vielleicht gar kein Interesse. Es gibt Indizien dafür, dass sich nach dem Abschluss der Promotion das Verhältnis zum Betreuer umkehren kann. Wenn man Postdoc ist, bewirbt man sich unter Umständen auf dieselben Mittel. Dann wird man zum Konkurrenten seines Professors.

ZEIT Campus: Kann man im Vorfeld erkennen, ob der Professor auch nach der Promotion noch hilft oder ob er ein gutes Netzwerk hat, auf das man sich verlassen kann?

Minssen: Nein, es ist ja immer ein gewisser Zufall, an wen man gerät. Da kann man Pech oder Glück haben.

ZEIT Campus: Gibt es Unterschiede zwischen den Fächern?

Minssen: Vor allem von Naturwissenschaftlen wird eine unheimlich hohe Mobilität verlangt. Da wird man nach der Promotion ins Ausland getrieben. Ein Uni-Präsident sagte uns ganz offen: "Work-Life-Balance können Sie vergessen." Andere Fächer, wie Geschichte, sind nicht so stark internationalisiert. Dafür ist man dort eher als Einzelgänger unterwegs und stärker von seinem Professor abhängig.

ZEIT Campus: Was raten Sie Leuten, die vor ihrer Promotion stehen und eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben?

Minssen: Sie müssen sich bewusst machen, dass eine wissenschaftliche Laufbahn mit Risiken verbunden ist. Und sie sollten sich auch nicht einseitig auf die Wissenschaft beschränken, sondern sich Alternativen offenhalten.

ZEIT Campus: Moment – man soll forschen, Konferenzen besuchen, Paper schreiben, Seminare geben und nebenbei noch außerhalb der Universitäten nach Jobs suchen?

Minssen: Wer Wissenschaftler werden will, muss sich ganz auf dieses Ziel konzentrieren. Trotzdem sollte man nie aus dem Blick verlieren, dass es auch eine Welt neben der Hochschule gibt. In der Soziologie arbeiten wir im Personalbereich viel mit Unternehmen zusammen. Es kommt dabei vor, dass Leute in die Wirtschaft wechseln. Viele Professoren tun so, als wäre man gescheitert, wenn man die Wissenschaft verlässt. Das finde ich falsch. Es gibt keine Garantie, dass man später Professor wird, wenn man nur lange genug durchhält.