Straßkirchen ist ein Durchfahrtsort. Viertausend Einwohner gibt es hier, zwei Metzger, einen Netto. Und mitten durch führt die B 8, die Regensburg mit Passau verbindet. Jeden Tag fahren Tausende Autos nach Straßkirchen rein und ein paar Minuten später wieder raus. Wer hier geboren wurde, bleibt aber oft ein Leben lang. "Zollners Corinna? Kenn ich, klar", sagt die Frau im Café Jedermann . "Kennen alle hier." Weil sie der größte Star ist, den Straßkirchen zu bieten hat? "Nö, weil hier jeder jeden kennt."

Corinna Zollner, 24, halbtags Bürokauffrau in einem Fachgroßhandel für Hygieneartikel, den Rest der Zeit Volksmusikerin, wohnt am Rande des Ortes. Man kann die schwarze Erde der Äcker riechen, die nur ein paar Dutzend Meter entfernt von hier anfangen. Das Haus der Zollners ist zweistöckig, die ganze Familie wohnt hier: unten Corinna mit der Mutter, oben die Großeltern.

Corinna Zollner – dünn, zart, elfenhaft – trägt schwarze Skinny Jeans und Ankle-Boots. Ihr Zimmer sieht aus wie das ganz normale Zimmer einer 24-Jährigen. Helle Möbel, Flachbildschirm, eine Musikanlage, auf der meistens Paul Kalkbrenner läuft, Kid Rock, "und wenn ich ganz wild bin, auch mal AC/DC". Doch im Kleiderschrank in ihrem Zimmer hängen 35 Dirndl. Eins davon, mit Spitzenschürze und Goldverzierungen, sucht sie für ihren heutigen Auftritt aus.

Zollners Spezialität ist der volkstümliche Schlager – eingängige Melodien, wie man sie aus dem Musikantenstadl kennt. Meist singt sie auf Bairisch: Lieder, die Bergsee heißen oder Gib mir a Bussal. Dazu spielt sie die Steirische Harmonika und jodelt manchmal auch.

Mit sieben Jahren stand Corinna zum ersten Mal auf der Bühne – und seitdem immer wieder: Hunderte Konzerte hat sie gespielt, auf Schützenfesten, beim Frühschoppen, im Radio und im Fernsehen. Der größte Erfolg war, als sie 2013 Sommerhitkönigin von Immer wieder sonntags wurde – der größten deutschen Fernsehsendung für Volksmusik und Schlager. 1,9 Millionen Zuschauer sahen ihr dabei zu, wie sie im himmelblauen Dirndl und im breiten Bairisch sang: "So a Wahnsinns-Sommerg’fühl, du und I is wos I will ..."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Corinna Zollner zählt zu den erfolgreichsten jungen Volksmusiksängerinnen. In ihrem Zimmer liegt ein dicker Stapel Fanpost: vollgeschriebene Karoblätter in ordentlicher Handschrift, manche Briefe sind zehn Seiten lang. Die meisten Verehrer schreiben lieber Briefe, als Corinna Zollner auf Facebook zu liken – sie sind oft über 60.

Leben könne sie davon nicht, sagt sie. Selbst wenn sie zwei Auftritte täglich mache, sei die Gage nach Abzug von Fahrt- und Technikkosten selten dreistellig. Die goldenen Zeiten der Volksmusik sind vorbei, in denen 15 Millionen einschalteten, wenn im ZDF die Lustigen Musikanten liefen. Inzwischen wurde die Sendung eingestellt, genau wie die Volkstümliche Hitparade und der Grand Prix der Volksmusik, eine Art Eurovision Song Contest in den Bergen. Die Volksmusik ist inzwischen eine kleine, wenn auch stabile Nische, in der sich eine Handvoll Namen breit gemacht haben. "Da bleibt nicht viel Platz für Nachwuchs", sagt Corinna Zollner. "Die meisten müssen nebenbei noch eine Pension oder einen Bauernhof betreiben."