Für ein Stipendium kommen nur die Allerbesten infrage. Einser-Schnitt und mindestens eine Klasse übersprungen. Quatsch! Höchste Zeit, ein paar Vorurteile auszuräumen.

Stipendien? Bekommen nur Streber. Oder Leute, die seit der Grundschule ehrenamtlich in der Suppenküche helfen. Und überhaupt, die Konkurrenz ist zu groß. So ähnlich denkt die Mehrheit der deutschen Studenten über Stipendien. Das hat kürzlich das Institut für Demoskopie Allensbach herausgefunden. 76 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten keine Chance, gefördert zu werden. 80 Prozent bewerben sich gar nicht erst. Selbst von den Abiturienten mit sehr guten Noten informieren sich nicht mal 15 Prozent über Stipendien. Zeit, die Vorurteile zu überprüfen

Vorurteil 1: Stipendien sind nur etwas für Musterstudenten

"Während meines Studiums hatte ich keine Ahnung von Stipendien. Ich dachte immer: Dafür braucht man einen Schnitt von 1,0, muss in der Schule eine Klasse übersprungen haben und am besten mehrere Fächer gleichzeitig studieren. Meinen Kommilitonen ging es genauso. Nicht mal die Besten meines Jahrgangs haben daran gedacht, sich zu bewerben. An der Uni hat uns auch niemand darüber informiert. Erst als ich Geld für meine Doktorarbeit brauchte, habe ich angefangen, mich mit Stipendien zu beschäftigen. Und mich gewundert, wie viele unterschiedliche Förderprogramme es gibt: Die Parcham’sche Stiftung fördert zum Beispiel ausschließlich Menschen aus Lübeck, die heute in Berlin studieren. Die Mie-Stiftung vergibt Stipendien an deutsche, weibliche und evangelische Waisen. Und die Ikea-Stiftung unterstützt Abschlussarbeiten über Wohnraumkultur.

Die Auswahlkriterien sind überall verschieden. Klar, es gibt klassische Begabtenförderungswerke wie die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Die verlangt von ihren Stipendiaten Bestnoten. Bei vielen Stiftungen ist der Schnitt aber nicht das einzige Kriterium und oft auch nicht das wichtigste. Allerdings ist das Stiftungssystem in Deutschland nur schwer zu durchblicken. Ich habe damals Monate für die Suche nach einem passenden Stipendium gebraucht. Einige kleinere Stiftungen haben keinen eigenen Internetauftritt, geschweige denn eine Marketingagentur. Wenn man nicht durch Zufall von ihnen erfährt, wird man sie kaum finden.

Das hat mich auf eine Idee gebracht: Ich habe eine gemeinnützige Organisation gegründet und die Plattform mystipendium.de entwickelt. Die Internetseite funktioniert wie eine Partnerbörse. Man erstellt ein individuelles Profil, und ein Programm rechnet aus, welche Stipendien zu einem passen. Bei einem durchschnittlichen Profil sind das ungefähr 15 Förderprogramme. Die Suchmaschine filtert das Angebot nach 34 Kriterien: neben dem Notenschnitt zählen auch der aktuelle Wohnort, die Heimatstadt, der Beruf der Eltern, das Geschlecht und das Engagement in einem Verein. Mittlerweile sind auf unserer Seite mehr als 2.100 Stipendienprogramme mit einem Gesamtwert von 620 Millionen Euro registriert. Wir haben noch andere Plattformen gegründet: Wenn man im Ausland studieren oder promovieren will, findet man auf european-funding-guide.eu über 12.000 Programme in der gesamten Europäischen Union. Und die Suchmaschine barrierefrei-studieren.de filtert Fördermöglichkeiten speziell für Studenten mit Behinderung oder chronischer Erkrankung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/15.

Ich habe übrigens auch noch ein Stipendium für die Promotion gefunden. Die Stiftung war auf Studenten in Nordrhein-Westfalen mit meinem Fachgebiet spezialisiert. Also: Egal, welche Noten man hat, die Suche lohnt sich auf jeden Fall."

Vorurteil 2: Wer sich nicht sozial engagiert, hat keine Chance

"Ich glaube, dass mein gesellschaftliches Engagement nicht ausreicht, um ein Stipendium zu bekommen." Diesen Satz kreuzten knapp 45 Prozent der Studenten in der Allensbach-Studie an, als sie gefragt wurden, warum sie sich noch nicht für ein Stipendium beworben haben. Dabei verhält es sich mit dem sozialen Engagement ähnlich wie mit den guten Noten: Es kann bei der Bewerbung helfen, ist aber nicht in jedem Fall entscheidend. Manchmal ist es sogar völlig egal. Für einige Stiftungen ist die Leistung an der Uni das wichtigste Auswahlkriterium, zum Beispiel beim Elitenetzwerk Bayern. Andere wiederum fördern nur Minderheiten, wie das Hertie-Stipendium für Lehramtsstudenten mit Migrationshintergrund.