Die Tür, hinter der Peter Neumann Terroristen aufspürt, hat keine Klinke. An seinem Büro am King’s College in London hängt kein Namensschild. Und wer am Empfang nach ihm fragt, bekommt keine Auskunft. Das hat Sicherheitsgründe. Peter Neumann kommt aus Deutschland, ist Politikwissenschaftler und leitet das International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence. Mithilfe von Facebook, Instagram und Twitter beobachten er und seine Mitarbeiter europäische Islamisten in Syrien und im Irak. Mit manchen haben sie sogar Kontakt, per Skype und WhatsApp. Was Neumann denkt, interessiert Geheimdienste, Regierungen, den UN-Sicherheitsrat – und mich. Hinter der Tür zu seinem Institut sitzen vier Doktoranden mit Fönfrisuren vor Monitoren. Neben ihnen liegen Kekse, einer trinkt aus einem Becher mit dem Gesicht der Queen darauf. Peter Neumann trägt Anzug und Dreitagebart. Während des Interviews klingelt immer wieder sein Telefon. Er drückt die Anrufer weg, ohne das Gespräch zu unterbrechen.

ZEIT CAMPUS: Herr Neumann, sind Sie bei Facebook mit Terroristen befreundet?

PETER NEUMANN: Ein paar meiner Freunde waren früher Islamisten, sie sind jetzt deradikalisiert. Drüben am Tisch sitzt einer davon. Aktive Dschihadisten folgen mir eher auf Twitter. Manche tweeten meine Nachrichten weiter.

ZEIT CAMPUS: Auch Sie folgen Islamisten in den Sozialen Medien. Wie kam es dazu?

NEUMANN: Uns ist aufgefallen, dass Briten, die nach Syrien gehen, weiter bei Facebook, Twitter und Instagram aktiv sind. Das hat uns fasziniert. Westliche Islamisten gab es früher schon. Aber jetzt kann man sie im Netz verfolgen, auf allen Kanälen, in Echtzeit. Wir haben einen Datensatz mit 700 europäischen Dschihadisten angelegt, 85 Prozent von ihnen kämpfen für den "Islamischen Staat". Wir speichern ihre Gespräche, Likes, Kontakte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/15, das am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT CAMPUS: Was nützt Ihnen das?

NEUMANN: Mit den Daten können wir Netzwerke erstellen, Lebensläufe rekonstruieren und unbekannte Auslandskämpfer entdecken. Mit einer speziellen Software lesen wir Facebook-Freundeslisten aus. Die verraten manchmal mehr über eine Person als ihr Profil: Wenn du 50 Freunde vom Albert-Schweitzer-Gymnasium hast, bist du wahrscheinlich dort zur Schule gegangen. Wenn du IS-Kämpfer bist, hast du typischerweise auch andere Kämpfer in deiner Freundesliste.

ZEIT CAMPUS: Die Bild- Zeitung nannte Sie kürzlich den "IS-Jäger Nr. 1".

NEUMANN: Das fand ich amüsant. Tatsächlich können wir ziemlich viel herausfinden. Einmal wollten wir wissen: Wer ist einflussreich? Wir haben alle Likes und Re-Tweets aus unserem Datensatz verglichen. So haben wir zwei radikale Prediger gefunden, die mindestens 60 Prozent der Auslandskämpfer total klasse fanden. Und deren Namen hatte vorher noch nie jemand gehört.

ZEIT CAMPUS: Wer terroristische Absichten hat, kann sich in Deutschland schon durch die Einreise nach Syrien strafbar machen. Warum löschen diese Leute ihr Facebook-Profil nicht?

NEUMANN: Weil die meisten nicht vorhaben, nach Europa zurückzukehren. Sie sehen sich als Bürger des "Islamischen Staates", und es ist ihnen egal, ob die Polizei aus Dinslaken weiß, was sie tun. Vor allem aber nützen die Facebook-Posts den Terrororganisationen. Für seine Propaganda braucht der IS nämlich nicht Hollywood, sondern RTL2.

ZEIT CAMPUS: Was meinen Sie damit?

NEUMANN: Ständig ist die Rede von der Medienmacht des IS, weil der so aufwendige Filme produziert. Aber wer darüber nachdenkt, nach Syrien zu gehen, den überzeugt ein verwackeltes Handyvideo eines europäischen Kämpfers tausendmal mehr. Das gibt ihm das Gefühl: "Da ist einer im IS, der so ist wie du und sagt: Es ist cool hier."

ZEIT CAMPUS: Und wie ist es im IS?

NEUMANN: Die Bilder kommunizieren, dass du da runtergehst und das größte Abenteuer deines Lebens erlebst. Dass du zum Rambo wirst und Spezialoperationen durchführst. Aber die westlichen Kämpfer haben keine militärische Ausbildung. Sie werden entweder in Selbstmordanschlägen verheizt oder müssen zwölf Stunden am Tag Wache schieben. Den meisten ist ziemlich langweilig. Darum sind sie auch so aktiv im Internet.

ZEIT CAMPUS: Woher wissen Sie das, wenn die Bilder im Netz etwas anderes zeigen?

NEUMANN: Mit 100 Kämpfern haben wir direkten Kontakt. Wir telefonieren mit ihnen über Skype oder chatten per WhatsApp. Wir haben dafür extra ein "Dschihadi"-Phone.

ZEIT CAMPUS: Wie redet man mit einem Dschihadisten? Sie können nicht einfach fragen: "Hey, wie ist es so im IS?", oder?

NEUMANN: Viele Geheimdienstler richten sich Fake-Profile ein und geben vor, selbst Islamist zu sein, um an Informationen zu kommen. Wir dürfen das nicht, weil wir durch öffentliche Forschungsgelder finanziert werden. Manche sprechen mit uns, weil sie ihre Botschaft in die Welt tragen wollen. Andere sind einfach narzisstisch. Die fragen: "Schreibt ihr jetzt ein Buch über mich?"

ZEIT CAMPUS: Woher wissen Sie, dass die Ihnen die Wahrheit erzählen?

NEUMANN: Anfangs versuchen viele, eine Geschichte zu erfinden. Aber mit einigen sind wir seit 14, 15 Monaten in Kontakt. Wir haben Hunderte Stunden mit denen gesprochen. Da entsteht ein Vertrauensverhältnis. Sie fangen an zu erzählen: "Gut, es ist doch nicht alles toll." In der Schlacht um Kobane wurden europäische Kämpfer ins Gefecht gefahren, nur um sich in die Luft zu sprengen. Das hat viele beschäftigt und manche desillusioniert.

"Universitäten sind klassische Rekrutierungsorte für Islamisten"

ZEIT CAMPUS: Was sind das für Menschen, die in den Dschihad gehen?

NEUMANN: Die Gruppe ist diverser als je zuvor. Kennen Sie zum Beispiel den Dschihadi-Hipster? Warten Sie, ich zeige Ihnen ein Bild. Hier sitzt er auf einem Pferd ...

ZEIT CAMPUS: Der sieht nett aus.

NEUMANN: Der ist jetzt tot. Viele glauben, es zögen nur perspektivlose Gangster aus der Vorstadt in den IS. Was Deutschland und Frankreich anbelangt, stimmt das größtenteils auch. Aber in England sind sehr viele Studenten dabei. Einer war sogar Arzt und hat in Cambridge studiert.

ZEIT CAMPUS: Wie kommt das?

NEUMANN: Normalerweise gerät man über Freunde zum Dschihad. Es passiert nur ganz selten, dass sich Leute ausschließlich im Internet radikalisieren. Oder an einem Straßenstand angesprochen werden. Warum stammen aus so kleinen Orten wie Dinslaken oder Solingen plötzlich 20 Auslandskämpfer? Weil die im selben Fußballverein waren oder auf einer Schule. Moment, ich zeige Ihnen ein Bild von einer Gruppe aus Wolfsburg. Zwölf davon sind jetzt in Syrien. Die waren alle befreundet, saßen alle im selben Waffelladen rum und haben sich alle gegenseitig bei Facebook auf die Pinnwand gepostet.

ZEIT CAMPUS: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass Islamisten ihre Anhänger oft an Universitäten suchen.

NEUMANN: Universitäten sind klassische Rekrutierungsorte für Islamisten. Wenn man bei den Eltern auszieht, in eine neue Stadt geht und anfängt zu studieren, fühlen sich viele Leute anfangs verloren. Als junger Muslim bewegst du dich vielleicht auch zum ersten Mal in einem Umfeld, in dem du vorrangig als Muslim gesehen wirst und die Leute allein daraus Schlussfolgerungen über dich ziehen. Wenn dann auf dem Campus jemand zu dir sagt: "Ich verstehe genau, wie es dir geht, komm mal vorbei, wir trinken Tee und diskutieren", dann kann das attraktiv sein.

ZEIT CAMPUS: Sie meinen, manche drehen sich Dreadlocks, um Gleichgesinnte zu finden, andere gehen eben zum "Islamischen Staat"?

NEUMANN: Der islamistische Terrorismus ist eine Jugendkultur. Viele der Kämpfer sind Anfang oder Mitte zwanzig. In dem Alter durchleben die meisten eine rebellische Phase. Sie wollen, dass die Gesellschaft sie ablehnt. Und was ist das Verrückteste, was du heute machen kannst? Womit kannst du deine Eltern, deine Lehrer, alle Autoritäten gegen dich aufbringen? Vor 30 Jahren wärst du vielleicht Punk geworden, vor 20 Jahren Neonazi, heute wirst du Islamist. In Amerika gab es schon Leute, die waren erst Nazis, dann Dschihadisten. Das sind Sinnsucher.

ZEIT CAMPUS: Der Islamismus verbietet Musik, Alkohol und Sex vor der Ehe. Das klingt für mich eher unattraktiv.

NEUMANN: Was der "Islamische Staat" den Leuten bietet, ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Die Welt wird immer komplizierter. Institutionen wie Familie, Nation und Religion werden zunehmend infrage gestellt. Manche sehnen sich deshalb nach klaren Regeln und jemandem, der sagt, was gut und böse ist.

ZEIT CAMPUS: Das sind Gedanken, die viele Menschen beschäftigen, aber nicht alle werden deshalb zu Dschihadisten.

NEUMANN: Gerade Kinder und Enkelkinder von Migranten stecken oft in einem Identitätskonflikt: Sie sind in Deutschland geboren. Vieles, was ihre Eltern erzählen, macht keinen Sinn für sie. Andererseits akzeptiert sie die deutsche Gesellschaft nicht wirklich als Deutsche. In Frankreich ist das noch extremer: Wenn du als Muslim in einer Pariser Banlieue aufwächst, hast du keine Chance in der französischen Gesellschaft. Der IS hingegen akzeptiert dich, egal, wo du herkommst, egal, wie oft du von der Polizei verhaftet wurdest, egal, welche Hautfarbe du hast. Hauptsache, du bist Muslim. Dann bist du automatisch besser als alle anderen.

ZEIT CAMPUS: Verstärkt eine Bewegung wie Pegida dieses Problem?

NEUMANN: Absolut! Davor warne ich in meinem neuen Buch. Terroristen wollen Angst verbreiten. Davon profitieren rechte Parteien. Wenn so etwas wie Charlie Hebdo öfter passiert, wird die Ausgrenzung der Muslime stärker. Dann entsteht ein Teufelskreis.

ZEIT CAMPUS: Kann man verhindern, dass Leute sich dem IS anschließen?

NEUMANN: Meine Hoffnung liegt auf den Kämpfern, die desillusioniert aus Syrien zurückkehren. Egal, ob Neonazis oder IS-Anhänger: Das wichtigste Ziel bei der Prävention von Extremismus ist nicht, die Leute von der eigenen Meinung zu überzeugen. Man muss die zehn Prozent Zweifel wecken, die schon in ihnen stecken. Wenn du dich für eine Sache in die Luft sprengen willst, musst du zu 100 Prozent davon überzeugt sein. Sonst wärst du ja verrückt.

In diesem Interview verrät Peter Neumann schon vorab Erkenntnisse aus seinem Buch "Die neuen Dschihadisten", das im Oktober im Econ Verlag erscheint. Mehr Interviews mit Forschern und Intellektuellen unter www.zeit.de/sprechstunde