Für jede Ausgabe reist ein ZEIT CAMPUS-Redakteur in eine Uni-Stadt. Wohin es geht, entscheidet der Zufall.

Wenn alles gekommen wäre wie geplant, wäre Käpt’n Dally jetzt gar nicht hier. Nicht im alten Freibad in Kassel-Wilhelmshöhe, das kaum mehr zu bieten hat als ein Schwimmerbecken, ein Nichtschwimmerbecken und eine Pommesbude. Hier gibt es keinen Sprungturm, keine Rutsche, nicht mal ordentliche Umkleidekabinen, weil der Gebäudetrakt verfällt und mit Bauzäunen versperrt ist.

Wenn alles gekommen wäre wie geplant, würde Käpt’n Dally jetzt in Indien leben und dort Longboards aus Bambusholz bauen. Er wäre der Chef eines kleinen, nachhaltigen Unternehmens in einem großen, aufstrebenden Land. Er würde in einem Küstenort am Golf von Bengalen leben, mit warmen Temperaturen und guten Wellen zum Surfen.

Wenn alles gekommen wäre wie geplant, wäre dieses alte Freibad, das einige "historisch" nennen und andere "baufällig", das für die einen ein Kulturort ist und für die anderen ein Kostenfaktor, vermutlich bereits Geschichte. Die Becken wären zugeschüttet, die Pommesbude planiert, das Grundstück verkauft.

Aber wie so oft, wenn man Pläne macht, kam plötzlich alles ganz anders.

Lukas Dally, wie der Käpt’n bürgerlich heißt, ist 23 Jahre alt. Er trägt einen ausgewachsenen Undercut, strubbelige Locken, einen Drei- bis Fünftagebart, Jeansshorts und sonst nicht viel. Offiziell studiert Dally Produktdesign an der Kunsthochschule. Tatsächlich verbringt er gerade mehr Zeit im Freibad. Dally verkauft nicht Longboards in Indien, sondern Fritten im Freibad Wilhelmshöhe.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Seit Anfang des Jahres ist er Pächter des alten Freibad-Cafés, dem er als Erstes einen neuen Namen verpasst hat: Käpt’n Dallys Pool Bar. Auf dem Flyer ist er selbst zu sehen, mit Tabakpfeife, Kapitänsmütze und Sprechblasen: "Ahoi!", steht da, und: "Ihr Schabracken!" Lukas Dally brät, damit das Freibad bleibt. "Sobald es 30 Grad ist, mache ich hier 140 Kilo Pommes am Tag", sagt er. "Da stehst du sieben Stunden lang hinter dem Grill."

Eine viertelstündige Tram-Fahrt vom Freibad entfernt arbeitet einer, der anderes geplant hatte. Er sitzt in einem Büro mit hohen Decken, in einem Haus mit goldenen Löwen vor der Tür: dem Rathaus der Stadt Kassel.

"Das Problem ist, dass die kommunalen Finanzen in der Bundesrepublik grundsätzlich nicht auf Rosen gebettet sind", sagt Christian Geselle, der Kämmerer von Kassel. "Man muss sich genau überlegen, wo man investiert und ob das Invest noch zeitgemäß ist."

Die Stadt Kassel investiert gerade viel: Sieben Millionen Euro gingen in den Science-Park auf dem Uni-Campus, ein Bürogebäude für studentische Start-ups. Zwölf Millionen Euro kostet die Grimmwelt, ein Museum über die Brüder Grimm, die einst in Kassel lebten. Ab September soll es Touristen locken. Das Gewerbegebiet Langes Feld, das gerade entsteht, könnte am Ende mehr als 50 Millionen Euro kosten. Und dann ist da noch der Flughafen Kassel-Calden, an dem die Stadt beteiligt ist. "Ein Freibad ist schön", sagt Christian Geselle, "aber nur, wenn es mir wirtschaftlich gut geht, kann ich mir schöne Dinge leisten."

Kassel ging es wirtschaftlich lange schlecht. Vor zehn Jahren lag die Arbeitslosenquote noch bei 20 Prozent, doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Die Stadt war verschuldet – und häufte neue Schulden an. Christian Geselle ist neu im Amt, sein Vorgänger fuhr einen harten Kurs: Er strich 500 Stellen in der Stadtverwaltung, ließ Hallenbäder und Bibliotheken schließen. Auch das Freibad Wilhelmshöhe sollte eingespart, das Grundstück verkauft werden. Doch das wollten die Kasseler nicht zulassen. Sie demonstrierten. Sie stürmten das Rathaus und machten Radau. Sie riefen eine Bürgerversammlung ein.

Die Hessische Niedersächsische Allgemeine stellte ein Video der Versammlung aus dem Jahr 2013 ins Netz. Viele junge Leute sind darin zu sehen, Clemens Rehbein zum Beispiel, der Sänger von Milky Chance. Und Lukas Dally, der nach einem Freiwilligenjahr im indischen Hyderabad auf Heimatbesuch in Kassel war. Fast vier Stunden dauerte die Versammlung. Die Bürger argumentierten architektonisch (Ein Bad aus den 1930ern muss erhalten bleiben!), soziologisch (Im Bad kommen Arm und Reich zusammen!) und medizinisch (Deutschlands Jugend bewegt sich kaum, wollen wir mehr dicke Kinder?).