War es der Champagner? Der Cognac? Zu wenig Kaviar als Grundlage? Vermutlich kann sich Robert Schumann nicht mehr daran erinnern, als er im Juli 1830 unter dem Flügel in seiner Heidelberger Wohnung aufwacht. Ein Freund entdeckt ihn dort. Schumann ist verkatert, der Kopf brummt, ihm ist übel, wie an so vielen Morgen in den letzten zwei Jahren. Der 20-Jährige beschließt: Schluss damit! Er setzt sich an den Schreibtisch und verfasst einen Brief an seine Mutter, den er schon viel früher hätte schreiben sollen: Er kündigt an, sein verhasstes Jurastudium abzubrechen. Der Mann, der später einer der wichtigsten Komponisten der Romantik werden soll, ist schon lange im Herzen ein Musiker. Jetzt will er seine Leidenschaft zum Beruf machen. Robert Schumann schreibt: "Folg’ ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst."

Robert Schumann wird am 8. Juni 1810 in Zwickau geboren. Sein Vater fördert schon früh das musikalische Talent seines Sohnes. Mit sieben beginnt Robert Klavier zu spielen. Bald ist er besser als sein Lehrer. Als Robert 16 ist, stirbt sein Vater und hinterlässt der Familie ein kleines Vermögen. Da die Mutter das Erbe als Frau nicht alleine verwalten darf, bekommt Robert einen Vormund, Johann Gottlob Rudel, Eisenwarenhändler aus Zwickau. Der hat Pläne für den Jungen: Jura soll er studieren. Auch die Mutter ist dafür – in der Musik sieht sie keine Zukunft. Also schreibt sich Schumann an der Uni Leipzig ein. "Die Jurisprudenz habe ich ganz gewiß als mein Brodtstudium erwählt und ich will fleißig in ihr arbeiten", schreibt er seinem Vormund.

Dieses Versprechen hält Robert Schumann jedoch nicht ein, erzählt später ein Freund über ihn: "Er schrieb sich bei Krug und Otto auf die Hörerliste, das ist seine ganze Teilnahme an der Akademie geworden und geblieben. Einen Hörsaal hat er sonst nie betreten." Viel lieber möchte Robert Schumann Orchesterstücke komponieren wie Ludwig van Beethoven. Als Franz Schubert stirbt, weint er. "Was mir die Menschen nicht geben können, gibt mir die Tonkunst", schreibt er.

Anstatt in die Vorlesungen zu gehen, gibt sich Schumann lieber der "lyrischen Faullenzerey" hin: Oft ist er schon tagsüber betrunken. Am liebsten schlürft er Champagner und Austern in dem Café Zum Arabischen Coffe Baum, wo auch Richard Wagner und Franz Liszt Stammgäste sind. Sein Lebensstil ist teuer, immer wieder muss er seinen Vormund um mehr Geld anbetteln. Die meisten Tage, so notiert er es in seinem Tagebuch, beginnen mit "furchtbarem Katzenjammer", die Abende enden in "Kotzerey" und "Knillitäten", so nennt er den Vollrausch. "Wenn ich betrunken bin oder mich gebrochen habe, so war am andern Tage die Fantasie schwebender und erhöhter", schreibt er. Ob er glücklich ist? Als Jugendlicher hatte er depressive Phasen und träumte einmal davon, im Rhein zu ertrinken. Jetzt offenbart der Alkohol seine destruktiven Seiten. Eines Nachts prügelt er im Suff auf sein Klavier ein und schreibt am nächsten Morgen: "Ich ganz hin – Klavier zerhauen."

Nach zwei Semestern will Schubert umziehen. Er möchte nach Heidelberg, um die Zivilrecht-Vorlesungen beim Professor Justus Thibaut zu besuchen, schreibt er seiner Mutter – aber das ist wohl nur ein Vorwand, um vor seiner Familie zu flüchten. Wieder braucht Schumann mehr Geld. Er sei "arm wie ein Bettler", schreibt er an seinen Vormund Gottlob Rudel und bittet ihn um 14 Gulden für die Immatrikulation. Tatsächlich beträgt die Gebühr jedoch nur sieben Gulden. Den Rest investiert Schumann in Alkohol.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/15, das am Kiosk erhältlich ist.

"Das ist die liederlichste Woche meines Lebens", notiert er im Februar 1830 dreimal untereinander in seinem Tagebuch. Ein paar Monate später bricht er sein Jurastudium endlich ab. "Ich nehme ohne Thränen von einer Wissenschaft Abschied, die ich nicht lieben, kaum achten kann", schreibt er seinem Klavierlehrer Friedrich Wieck in Leipzig, den er bittet, seine Mutter von dem Studiumswechsel zu überzeugen. Wieck schreibt Schumanns Mutter einen Brief und verspricht, ihren Sohn "bei seinem Talent und seiner Phantasie binnen drei Jahren zu einem der größten jetzt lebenden Klavierspieler zu bilden".

Zurück in Leipzig, übt Robert Schumann jeden Tag Klavier, stundenlang. Berühmt wird er jedoch nicht als Musiker, sondern als Komponist: Der Klavierzyklus Kinderszenen besteht aus Stücken, die zwischen Euphorie und Melancholie wechseln und fast wie musikalische Kurzgeschichten klingen. In Träumerei, dem bekanntesten Stück, beschreibt er seine Sehnsucht nach einem Lebensgefühl, das er sich all die Jahre versucht hat anzutrinken: Unbekümmertheit. Das ist ihm jedoch nie gelungen. 1854 stürzt er sich in den Rhein, so wie er es einst geträumt hatte. Er wird aus dem Fluss gerettet und überlebt – komponiert hat er danach jedoch nicht mehr.