Sie wolle nur Gutes tun, schwört die Chemikerin. Dann heiratet sie einen Mann, der tödliches Giftgas entwickelt. Ist die Ehe stärker als der Schwur?

"Ich schwöre, dass ich niemals etwas lehren werde, was meiner Überzeugung widerspricht", sagt Clara Immerwahr. Gerade hat sie ihre Doktorarbeit in Chemie verteidigt – als erste Frau in der fast 200-jährigen Geschichte der Universität Breslau. Es ist das Jahr 1900. Bevor der Dekan Clara das Doktordiplom übergibt, mahnt er, Frauen sollten nicht "in die Universität hineinströmen", sondern "ihre schönste und heiligste Pflicht erfüllen". Doch Clara schwört, dass sie "die Wahrheit fördern" und "die Würde der Wissenschaft" verteidigen wolle. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen kann: Für ihren Schwur wird die Chemikerin bald sterben.

Clara Immerwahr wird am 21. Juni 1870 geboren, auf einem Gut in Polkendorf, dem heutigen Wojczyce in Polen. Ihr Vater, Philipp Immerwahr, ist ein promovierter Chemiker. Neben seiner Arbeit als Landwirt experimentiert er an Düngemitteln und fördert das chemische Interesse seiner Tochter. "Wenn alle Väter so wären wie du, dann würde es gehen", sagt sie zu ihm, als sie sich darüber ärgert, dass viele Eltern ihren Töchtern das Abitur nicht ermöglichen. Claras ältere Schwestern bereiten sich auf ein Leben als Hausfrau und Mutter vor, doch sie, die Jüngste, orientiert sich lieber an ihrem älteren Bruder Paul. In der Tanzstunde lernt sie einen Jungen kennen, Fritz Haber. Die beiden verlieben sich, doch als Fritz ihr einen Heiratsantrag macht, sagt Clara nein. Statt zu Hause zu bleiben, will sie lieber studieren, forschen, die Welt verstehen. "Ganz darauf verzichten, kann ich selbst in Gedanken nicht", wird sie später einem Professor schreiben.

In Breslau, dem heutigen Wrocław, macht Clara ihre Ausbildung zur Lehrerin, das ist damals der höchste für Frauen vorgesehene Bildungsabschluss. Ihr reicht das nicht. Sie kämpft dafür, als Gasthörerin an der Uni Breslau zugelassen zu werden – mit Erfolg. Zuerst belegt sie verschiedene naturwissenschaftliche Vorlesungen, dann fast nur noch Chemie. Es zieht sie in die Labore, in denen sie experimentieren kann.

Der Professor Richard Abegg erkennt Claras Talent. Er wird ihr Doktorvater zum Thema Löslichkeitsbestimmung schwerlöslicher Salze des Quecksilbers, Kupfers, Bleis, Cadmiums und Zink . Mit 30 Jahren erreicht Immerwahr den Höhepunkt ihrer Karriere: Sie bekommt ihren Doktortitel und eine Stelle als unbezahlte Laborassistentin.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/15.

Auf einer Konferenz begegnet Clara Immerwahr dann Fritz Haber wieder, zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Tanzkurs. Fritz ist inzwischen Chemieprofessor, später wird er sogar den Nobelpreis bekommen. Er bittet sie erst um fachlichen Rat, dann erneut um ihre Hand. "In Gedanken stelle ich mich auf eine Chemikerehe ein, in der zwei Schreibtische gleichberechtigt nebeneinander im Arbeitszimmer stehen", sagt er. 1901 heiraten sie.

Die Welt mithilfe von chemischer Forschung ein bisschen besser zu machen ist ihr gemeinsamer Traum: Kunstdünger will das Paar herstellen – "Brot aus Luft" – und die Ernährung der Weltbevölkerung sichern. Sooft sie kann, assistiert Clara ihrem Mann im Labor, doch von Gleichberechtigung kann keine Rede sein. Als 1905 das Lehrbuch Thermodynamik technischer Gasreaktionen veröffentlicht wird, steht allein der Name Fritz Haber auf dem Umschlag. Clara wird nur in der Widmung erwähnt, dort dankt Haber für ihre "stille Mitarbeit".

Als sie schwanger wird, ist es mit dem Forschen ganz vorbei. "Ich wollte lieber noch zehn Doktorarbeiten machen, statt mich so quälen zu müssen", schreibt sie an ihren früheren Professor Richard Abegg. 1902 kommt Sohn Hermann zur Welt. Im Labor ihres Mannes ist sie nicht mehr erwünscht. Die Ehe leidet darunter, dass Fritz Haber Karriere macht, während seine Frau den Haushalt schmeißen soll. Sie schreibt: "Was von mir übrig ist, erfüllt mich selbst mit tiefster Unzufriedenheit." Widerwillig empfängt sie die Gäste ihres Mannes – darunter Verantwortliche aus Industrie und Militär – in Küchenschürze. Um ihr Wissen überhaupt noch anwenden zu können, hält sie Vorträge über "Chemie im Haushalt".

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs fängt Fritz Haber in einem neuen Forschungsinstitut in Berlin an. Er entwickelt Kampfgas für das deutsche Heer. Bei Tierversuchen – Affen und Hunde werden mit Chlor begast – stirbt ein Mitarbeiter. Eigentlich soll das ein Staatsgeheimnis bleiben, doch Clara erfährt davon. Sie ist entsetzt. Öffentlich geißelt sie die Forschung ihres Mannes als "Perversion der Wissenschaft". Niemand hört ihr zu.

Beim ersten deutschen Giftgaseinsatz in Belgien sterben 5.000 englische und französische Soldaten. Fritz Haber wird als Held gefeiert. In der Nacht der Siegesfeier erschießt sich Clara Haber, geborene Immerwahr, mit der Dienstwaffe ihres Mannes. Eine Zeitung wird darüber später als "Tat einer unglücklichen Frau" schreiben.