Die letzte SMS von Jorge kam gegen sieben Uhr abends. "Mama, wir fahren nach Iguala" stand darin. Mein Sohn war erst vor zwei Monaten von zu Hause ausgezogen. Er war 20, hatte gerade angefangen zu studieren. Sechs bis acht Nachrichten hat er mir jeden Tag geschickt, mir alles erzählt, was er macht: im Unterricht sitzen, lernen, Sport machen. Als diese SMS kam, stand ich in der Küche und habe für seinen Bruder gekocht. Danach wollte ich Jorge anrufen, aber sein Handy war aus.
Hilda Legideño, 43, Mutter von Jorge

Meine Mutter hat Bratfisch gemacht, mit Gemüse und scharfer Soße. Wir saßen noch am Tisch, als gegen halb zehn das Telefon klingelte. Eine Stimme sagte: "Den Studenten ist was passiert, es heißt, es habe Tote gegeben."
Iván Tizapa, 18, Bruder von Jorge

Wir waren auf dem Rückweg. Polizisten haben unseren Bus angehalten und auf uns geschossen. Wir haben gerufen, dass wir Studenten sind, aber sie haben nicht aufgehört. Die Kugeln sind neben mir auf den Boden geknallt, fast hätten sie meine Füße berührt. Ein Schuss hat einen Freund am Kinn getroffen, er ist jetzt tot.
Francisco Sánchez, 20, Kommilitone von Jorge

"Sie finden Jorge nicht", hat mein Bruder Iván gesagt, als er mich an dem Abend von der Arbeit abgeholt hat. Ich habe gedacht, er wolle mich ärgern, mich erschrecken, zum Spaß. Aber er hat nicht gelacht. Die Hochschule ist mit dem Motorrad nur 20 Minuten von unserem Haus entfernt. Iván und meine Mutter sind sofort losgefahren. Ich wollte mit, aber ich habe einen kleinen Sohn, er war damals zwei Jahre alt. Meine Mutter sagte, ich solle lieber zu Hause bleiben.
Karolina Tizapa, 24, Schwester von Jorge

Als wir in der Nacht zurück zur Hochschule kamen, waren da überall Eltern. Sie haben uns gefragt, was passiert sei und wo die anderen seien. "Die Polizei hat sie mitgenommen", habe ich gesagt, "aber machen Sie sich keine Sorgen, die lassen sie sicher morgen wieder frei." Ich habe das damals wirklich geglaubt.
Uriel Alonzo, 20, Kommilitone von Jorge

Vor zwölf Monaten, am 26. September 2014, ist Jorge Tizapa verschwunden, einer von insgesamt 43 Studenten. Auf einer Hauptstraße in der Nähe des Busbahnhofs der Kleinstadt Iguala, haben ihre Kommilitonen sie zum letzten Mal gesehen. Da hatten Polizisten die Busse der Studenten gestoppt, auf sie geschossen und 43 von ihnen abgeführt. Was danach geschehen ist, haben ihre Familien bis heute nicht erfahren. Der Bundesstaat Guerrero, in dem die Studenten verschwunden sind, liegt auf der Route des internationalen Drogenhandels. Heroin und Kokain werden durch Guerrero transportiert, Mohn und Marihuana werden hier angebaut. Wie in vielen anderen Teilen Mexikos sind auch in Guerrero Drogenbanden, Politik und Polizei eng miteinander verflochten. Wer hier wem Befehle gibt und warum, lässt sich nicht so einfach sagen. Die mexikanische Staatsanwaltschaft geht davon aus, Mitglieder einer Drogenbande hätten die 43 Studenten ermordet. Eltern und Überlebende geben dem Staat die Schuld an dem Verbrechen. Anders als die mexikanischen Behörden sind sie bereit, hier ihre Erinnerungen zu erzählen.

In den Tagen nach dem Verschwinden von Jorge haben meine Mutter und Iván in Gefängnissen nach ihm gesucht. Ich bin ins Weinlokal arbeiten gegangen, wie an einem ganz normalen Tag. "Warum suchst du nicht mit?", haben meine Kollegen gefragt. "Weil mir die Arbeit auch wichtig ist", habe ich erwidert. Ich hatte Angst um meinen Bruder. Aber ich habe versucht, mich nicht da reinzusteigern, mich abzulenken. Warum soll man sich aufregen, wenn man nichts machen kann?
Karolina Tizapa, 24, Schwester von Jorge

Meine Mutter war völlig verzweifelt. Weder im Gefängnis noch bei der Polizei hat man uns etwas gesagt. Der schlimmste Moment war, als ein paar Tage nach dem Verschwinden von Jorge und den anderen Studenten in der Nähe unserer Stadt ein geheimes Grab mit 28 Leichen entdeckt wurde.
Iván Tizapa, 18, Bruder von Jorge

Wir haben aus dem Fernsehen von den Leichen erfahren. Niemand ist zu uns gekommen und hat uns das gesagt. Ich verstehe nicht, wie man so unsensibel sein kann.
Hilda Legideño, 43, Mutter von Jorge

Ich habe dann im Internet nach Fotos der Leichen gesucht. Mir wurde sofort klar, dass es nicht Jorge und die anderen sein konnten. An der Hochschule in Ayotzinapa rasieren sich die Erstsemester alle eine Glatze, das ist dort so ein Brauch. Aber die Leichen auf den Bildern hatten Haare auf dem Kopf.
Iván Tizapa, 18, Bruder von Jorge

"Beruhige dich", hat Iván gesagt, "das sind sie nicht." Später haben Gerichtsmediziner die Toten untersucht und das bestätigt. Es wurden seitdem immer wieder Leichen gefunden, aber nie waren unsere 43 dabei. Die Regierung sagt, dass mein Sohn tot sei. Das glaube ich nicht. Dazu gab es einfach viel zu viele Ungereimtheiten, zu viele Lügen.
Hilda Legideño, 43, Mutter von Jorge

Geheime Gräber gehören längst zum Alltag in Mexiko. Seit die Regierung 2006 den Krieg gegen die Drogenkartelle ausgerufen hat, werden im ganzen Land immer wieder Leichen entdeckt. In den vergangenen zehn Jahren sind mehr als 26.000 Menschen in Mexiko verschwunden – das sind die offiziellen Zahlen der Regierung. Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass es noch mehr sind. 129 Leichen wurden in den letzten zwölf Monaten allein in Iguala gefunden, in mehr als 60 Gräbern. In einem Fluss fand man Müllsäcke mit Leichenteilen. Die Regierung schickte Knochenreste an einen unabhängigen Gerichtsmediziner in Innsbruck, der identifizierte inzwischen zwei der 43 Studenten. Wo die anderen 41 sind und was wirklich in der Nacht der Entführung passierte, ist weiterhin unklar.

Wir haben sehr wenig Geld, und Jorge hat eine Tochter, Naomy. Als er verschwunden ist, war sie erst ein Jahr alt. Ich glaube, sie erinnert sich gar nicht mehr richtig an ihn. Mit ihrer Mutter war mein Sohn schon vor dem Verschwinden nicht mehr zusammen. Um Naomys Unterhalt zu zahlen, hat Jorge nach der Schule als Taxifahrer gearbeitet. Ich glaube, er wollte studieren, um ihr ein besseres Leben zu bieten. Das fand ich gut. Ich wusste aber auch nichts über die Hochschule, schon gar nicht, dass sie Probleme mit der Regierung hat.
Hilda Legideño, 43, Mutter von Jorge