Musik aus Deutschland boomt. Noch nie waren die Top Ten der Albencharts ausschließlich von deutschen Acts belegt, so wie in diesem Sommer, als dort KC Rebell, Sarah Connor und Celo & Abdi standen. Felix Jaehn erreichte als erster Deutscher seit 1989 Platz eins in den USA – mit seinem Remix von "Cheerleader", einem Song des jamaikanischen Sängers Omi. Doch ist diese Musik "deutsch"? Gibt es das überhaupt, "deutsche Musik"? Kann man hören, ob eine klassische Komposition aus Dresden oder Venedig stammt, ein Hip-Hop-Beat aus Offenbach oder der Bronx? Friederike Wißmann, 42, vertritt den Lehrstuhl für historische Musikwissenschaft an der Uni Bonn und hat ein Buch über "Deutsche Musik" geschrieben. Zur Sprechstunde lädt sie uns in die Küche ihrer Berliner Wohnung ein. Im Flur knarren die Dielen, hinter einer halb offenen Zimmertür steht ein Flügel, in der Küche ein Cello. Wir haben unsere Smartphones und Lautsprecher dabei und starten den ersten Song. Wißmann hört kurz zu, dann verdreht sie die Augen. Pardon, aber da muss sie jetzt durch.

Helene Fischer: "Atemlos durch die Nacht", 2013 (vom Album "Farbenspiel")

Friederike Wissmann: Den stampfenden Beat finde ich schlimm, und harmonisch ist es unterkomplex. Helene Fischer hat eine schöne Stimme, aber sie hat kein außergewöhnliches Timbre wie zum Beispiel Nena.

ZEIT Campus: Können Sie sich erklären, warum sie trotzdem so erfolgreich ist?

Wissmann: Man muss zwischen der Musik und dem Menschen trennen. Helene Fischer sieht gut aus und strahlt, bei ihr ist immer heile Welt. Und bei einem Stadionkonzert lässt sie sich auch mal singend von der Decke abseilen. Sie ist eine gute Performerin.

ZEIT Campus: Zu dieser Musik schunkeln die Alten und tanzen die Jungen. Als das deutsche Fußballteam Weltmeister wurde, lief auf der Siegesfeier dieser Song. Man könnte sagen: Helene Fischer eint die Nation.

Wissmann: So pathetisch würde ich das nicht formulieren, aber sie baut Brücken. In meiner Generation hat man Schlager abgelehnt. Heute ist man nicht mehr so verkopft und fühlt sich nicht wie ein Idiot, wenn man das hört. Da hat sich etwas verändert. Das hat aber nicht mit Helene Fischer zu tun, sondern mit dem Zeitgeist.

ZEIT Campus: Wenn man Außerirdischen die deutsche Kultur erklären wollte, müsste man ihnen dann Atemlos vorspielen?

Wissmann: So wie Beethovens Fünfte, die mit einer Raumsonde ins All geschossen wurde? Vielleicht. Aber Helene Fischer ist nicht aus künstlerischen Gründen interessant, sondern aus soziologischen. Man müsste also nicht nur Helene Fischer in die Sonde stecken, sondern auch ihre Fans.

ZEIT Campus: Okay, lassen Sie uns mal den nächsten Song ausprobieren.

Johann Sebastian Bach: Orgelkonzert a-Moll, ca. 1711 (Interpret: Bernard Foccroulle)

ZEIT Campus: Für viele Musiker ist Bach der größte deutsche Komponist. Auch für Sie?

Wissmann: Ich verspüre Glück, wenn ich diese Musik höre oder spiele. Mit nur vier Cellosaiten gelingt es Bach, ein komplexes klangliches Gefüge zu erzeugen. Das ist sensationell. Auf der ganzen Welt bewegt diese Musik die Menschen. Aber ist sie besonders deutsch? Das würde ich bezweifeln.

ZEIT Campus: Bach war ein Abschreiber. Diese Melodie ist von Vivaldi, einem Italiener.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/15.

Wissmann: Alle Komponisten des 18. Jahrhunderts haben ein wahnsinniges copy and paste betrieben. Sie lernten, indem sie die Werke anderer weiterentwickelt haben. Komponieren war wie ein Handwerk, und Melodien waren ein Material, das man benutzte, um daraus Neues zu bauen.

ZEIT Campus: Ist Bachs Musik also eher europäisch als deutsch?

Wissmann: Er selbst ist deutsch, aber wenn wir seine Musik beschreiben wollen, führt uns dieses Adjektiv nicht weit. Italien hatte im 18. Jahrhundert die Poleposition in Europa. Alle Komponisten, die etwas auf sich hielten, haben nicht nur in Dresden oder in Hamburg gelernt, sondern auch in Rom oder in Venedig. Die Stile und Schulen vermischten sich. Erst im 19. Jahrhundert wurde Bach zum deutschen Nationalhelden erklärt. Das hatte nicht so sehr mit seiner Musik zu tun, sondern wurde ihm vor allem übergestülpt.

Haftbefehl feat. Veysel, Celo & Abdi: "Money Money", 2013 (vom Album "Blockplatin")

Wissmann: Entschuldigung, was sagt der, wen hat der zersägt?

ZEIT Campus: Die Zeile lautet: "Ich rap im Jargon, auch wenn’s niemand versteht / Mietwagentape, ich hab den Beat grad zersägt."

Wissmann: Ach, den Beat! Und um Frankfurt geht es, glaube ich, auch?

ZEIT Campus: Hier rappen die Söhne bosnischer, marokkanischer und kurdischer Einwanderer und vermischen dabei Wörter ihrer Muttersprachen und Straßenslang.

Wissmann: Mir geht es wie in einer italienischen Oper: Die Hauptwörter verstehe ich alle, frage mich aber, was mir dazwischen entgeht. Das finde ich interessant. Es gibt in jeder sozialen Nische eine Sprache, die andere nicht verstehen. Man schafft Identität, indem man auf einem Vokabular surft.