ZEIT Campus: Frau Robert, angeblich können sich Ingenieure und Informatiker die Stellen aussuchen. Stimmt das?

Anja Robert: Sie haben es auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich leichter als andere Absolventen. Gerade wer sich auf ein Fach wie Softwaredesign oder Materialentwicklung spezialisiert, braucht sich keine Sorgen zu machen. Bei mir sitzen zwar auch immer wieder junge Ingenieure, die sich beworben haben und danach erst einmal drei Monate nichts von den Unternehmen hören. Aber das ist auf dem heutigen Arbeitsmarkt ganz normal.

ZEIT Campus: Klappt der Berufseinstieg auch, wenn jemand schlechte Noten hat?

Robert: Das kommt darauf an, was sonst im Lebenslauf steht. Nur studiert zu haben, ist nie gut. Ein Maschinenbauer mit einem Praktikum im Ausland und einem Studentenjob bei einem renommierten Professor braucht sicher nicht den besten Abschluss, um einen guten Job zu bekommen. Trotzdem sollte man die Note natürlich nicht ganz aus den Augen verlieren. Schwierig wird es, wenn jemand lange studiert hat, ein schlechtes Zeugnis bekommt und weder Auslandsaufenthalte noch Forschungsprojekte oder Praktika vorweisen kann.

ZEIT Campus: Also ist der Lebenslauf auch bei begehrten Fachkräften wichtig?

Robert: Obwohl Informatiker und Ingenieure leichter einen Job finden als andere Absolventen, machen sich freiwilliges Engagement oder wissenschaftliche Mitarbeit an der Uni immer gut. Gerade wenn jemand ein paar Semester länger studiert hat. Trotzdem: Meiner Erfahrung nach bleibt kein Ingenieur oder Informatiker lange arbeitslos.

ZEIT Campus: Braucht man sich dann bei der Bewerbung überhaupt Mühe zu geben?

Robert: Auf jeden Fall. Eine Bewerbung ist immer der erste Arbeitseindruck. Wie sorgfältig jemand seine Bewerbung gestaltet, zeigt, wie ernst er sie nimmt. Viele Bewerber haben eine tolle Ausbildung, und die Unternehmen sind auf sie angewiesen. Aber es wird nicht nur ein Experte gesucht, sondern auch ein Mensch, mit dem man acht Stunden am Tag im Büro verbringen muss. Und nur weil jemand besonders gut programmiert, darf er nicht gleich die ganze Teamdynamik zertrümmern.

ZEIT Campus: Also beim Vorstellungsgespräch lieber nicht zu selbstbewusst auftreten?

Robert: Selbstbewusst ja, aber bloß kein Gepolter! Arbeitgeber versuchen im Gespräch herauszufinden, was der Bewerber für eine Persönlichkeit hat. Das Fachliche kann man genauso gut aus Zeugnissen ablesen. Wer im Vorstellungsgespräch arrogant wirkt, macht sich unbeliebt. Das gilt selbst für den gefragtesten Bewerber. Denn offensichtlich kann so jemand die Situation und das dazu angemessene Verhalten nicht einschätzen. Und egal, was man kann – die Unternehmen sitzen immer noch am längeren Hebel.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/15, das am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT Campus: Dann ist doch Tiefstapeln angesagt.

Robert: Nein, das auch nicht. Ich finde, man sollte nicht als Bittsteller auftreten. Stellenausschreibungen haben ja einen Grund: Ein Unternehmen sucht einen technischen Problemlöser. Und Ingenieure und Informatiker lösen diese Probleme. Als Bewerber ist man immer in einer Situation, in der man sich dem Unternehmen in gewisser Weise anbieten muss, aber man hat auch die Freiheit, zu Angeboten Nein zu sagen.

ZEIT Campus: Woher weiß man, ob man selbst zu den begehrten Bewerbern gehört?

Robert: Ich rate Berufsanfängern, für sich Bilanz zu ziehen: Was ist mein Profil? Welche Spezialisierung und Praxiserfahrung kann ich vorweisen? Welches Fachwissen bringe ich mit? Anhand dieser Bilanz kann man sich mit anderen vergleichen. Wenn man zum Beispiel eine spezielle Programmiersprache beherrscht, die nur zwanzig andere ITler in Deutschland ähnlich gut können, ist der Marktwert höher, als wenn ich ein Informatiker bin, der bislang nur einfache Web-Applikationen entwickelt hat.