ZEIT Campus: Herr Rinne, behandeln Unternehmen alle Bewerber gleich?

Ulf Rinne: Das ist je nach Firma und Verfahren verschieden. Aber wenn ich mir den Durchschnitt anschaue, muss ich sagen: Bewerbungsverfahren sind nicht gerecht. Dabei haben es Hochschulabsolventen übrigens noch vergleichsweise gut, denn sie werden seltener diskriminiert als Geringqualifizierte. In Ausbildungsberufen sind die Bewerbungsverfahren noch unfairer.

ZEIT Campus: Werden bestimmte Personen besonders benachteiligt?

Rinne: Frauen, Behinderte, Ältere oder Bewerber mit Migrationshintergrund – diese Gruppen haben es tatsächlich schwerer. Sie haben bei gleicher Qualifikation eine geringere Chance, eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu bekommen. Das ist aber nicht nur in Deutschland ein Problem, sondern weltweit.

ZEIT Campus: Wie viel schlechter stehen denn deren Chancen auf einen Job?

Rinne: Forscher der Universität Konstanz haben dazu eine Studie gemacht. Sie haben fiktive Lebensläufe und Anschreiben auf Praktikumsstellen für Wirtschaftsstudenten verschickt. Die Bewerber hatten stets identische Voraussetzungen, der einzige Unterschied war, dass der eine einen türkisch klingenden Namen hatte. Es kam heraus, dass die Chance auf eine Gesprächseinladung bei den Bewerbern mit türkischem Namen um 14 Prozent geringer ist.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Wenn man als Bewerberin Aysun heißt, hat man also verloren?

Rinne: Natürlich nicht. Aber im Durchschnitt hat man es leider schwerer. Das heißt nicht, dass man bei allen Bewerbungen diskriminiert wird, auch nicht bei den meisten. Andersherum muss man sich aber sagen: Vielleicht möchte man bei solchen Unternehmen gar nicht arbeiten.

ZEIT Campus: Bei der Studie war das Ziel nur die Einladung zum Gespräch. Geht es danach weiter mit der Diskriminierung?

Rinne: In einem Gespräch werden Vorurteile schneller aufgeweicht, da gibt es deutlich weniger Diskriminierung. Die kritische Stufe ist die schriftliche Bewerbung. Da spielen Vorurteile eine stärkere Rolle. Häufig nehmen sich Arbeitgeber gar nicht die Zeit, um genauer hinzuschauen.

ZEIT Campus: Und dann wird die Bewerbung der Frau eben lieber aussortiert?

Rinne: Bei Bewerberinnen sehen Arbeitgeber vor allem die mögliche Familienplanung als Minuspunkt. Frauen, die gerade das Studium abgeschlossen haben, sind von diesem Hindernis jedoch häufig noch nicht betroffen – dafür sind sie meist zu jung.

ZEIT Campus: Diskriminieren großen Firmen mit anonymen Personalabteilungen mehr?

Rinne: Im Gegenteil. Große Unternehmen diskriminieren im Durchschnitt weniger als kleine. Sie bevorzugen häufig eine gewisse soziale Vielfalt und setzen auf das sogenannte Diversity Management. Zum Teil gibt es dafür sogar extra Abteilungen.

ZEIT Campus: Hat Diskriminierung in Bewerbungsverfahren denn zugenommen?

Rinne: Wahrscheinlich geht es heute sogar fairer zu. Früher hat man sich nur weniger Gedanken darüber gemacht. Generell gilt: Je standardisierter das Verfahren, desto weniger spielt Diskriminierung eine Rolle.

ZEIT Campus: Solche Verfahren gelten aber auch als unfair, weil vor allem die Noten zählen.

Rinne: Es gibt wohl kein perfektes Verfahren, wie man die Qualifikation vielfältig und absolut fair einschätzt. Am besten funktioniert es, wenn Arbeitgeber klare Anforderungen stellen und genaue Bewertungskriterien festlegen. Teamfähigkeit fordert zum Beispiel fast jeder in seiner Stellenanzeige, aber wer allein in einem Labor arbeiten soll, braucht das nicht unbedingt.

ZEIT Campus: Was halten Sie von anonymisierten Bewerbungsverfahren?

Rinne: Der Vorteil ist: Ein Bewerber teilt weniger über sich mit. Der Name fehlt – dadurch gibt es keine Klarheit über das Geschlecht und einen möglichen Migrationshintergrund. Es gibt auch kein Bewerbungsbild mehr. In den USA sind anonymisierte Bewerbungen stark vertreten, weil amerikanische Unternehmen Klagen fürchten. Wenn sie gar nichts von dem Migrationshintergrund wussten, kann das später nicht gegen sie verwendet werden.