ZEIT Campus: Herr Gaissmaier, ob ein Job wirklich der richtige ist, kann man vorher nie genau wissen. Was tun, wenn man beim Berufseinstieg die falsche Wahl trifft?

Wolfgang Gaissmaier: Man braucht den Mut, sich früh genug einzugestehen, dass einem die Stelle oder die Aufgaben nicht gefallen. Dann sollte man etwas dagegen unternehmen. Und man sollte nicht von einer Fehlentscheidung sprechen.

ZEIT Campus: Warum nicht? Genau das ist es doch.

Gaissmaier: Im Nachhinein sind wir immer schlauer –doch heißt das noch lange nicht, dass wir das im Vorhinein hätten wissen können. Ein paar Monate oder Jahre später können sich zum Beispiel die Lage auf dem Arbeitsmarkt oder auch die eigenen Vorstellungen geändert haben. Dann passt die einst getroffene Entscheidung nicht mehr zum jetzigen Leben. Ich würde das eher eine Weiterentwicklung nennen.

ZEIT Campus: Ist das nicht dasselbe, nur etwas positiver formuliert?

Gaissmaier: Nein, gerade beim Berufseinstieg gehört der eine oder andere Umweg dazu. Das sollte man nicht als Scheitern empfinden. Es geht darum, herauszufinden, was man wirklich will. Und manches, wie beispielsweise einen cholerischen Chef oder einen langweiligen Arbeitsalltag, kann man auch nach dem längsten Vorstellungsgespräch und der intensivsten Recherche nicht absehen. Alle Risiken lassen sich nicht ausschließen.

ZEIT Campus: Trotzdem, gerade bei der ersten Stelle zweifeln viele. Wie geht man mit dieser Unsicherheit um?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Gaissmaier: Wer etwas dagegen tun will, kann sich selbst auf die Probe stellen, indem er seine Entscheidung von Eltern oder Freunden hinterfragen lässt. Ist man selbst von der Berufswahl überzeugt, kann man auch vor den Fragen und Einwänden der anderen bestehen und geht gestärkt aus einem solchen Gespräch heraus.

ZEIT Campus: Gibt es Leute, denen so eine Entscheidung wie die Berufswahl leichtfällt –oder grübeln alle?

Gaissmaier: Natürlich gibt es hier Unterschiede. Oftmals sind diejenigen, die weniger grübeln und die mehr Vertrauen in ihr Bauchgefühl haben, mit ihren Entscheidungen hinterher zufriedener – übrigens nicht nur bei der Berufswahl.

ZEIT Campus: Wie findet man den passenden Beruf?

Gaissmaier: Man sollte sich überlegen, was für ein Leben man führen möchte. Wie sieht der ideale Arbeitsalltag aus? In welcher Stadt möchte man wohnen, wie seine Freizeit verbringen? Wie viel Geld braucht man dafür? Jeder Beruf bringt eine bestimmte Lebensweise mit sich, und mit dieser muss man leben können – und wollen. Was aber fast noch wichtiger ist: Man sollte den eigenen Leidenschaften folgen. Fehlende Leidenschaft merkt man meistens schon bei der Bewerbung. Auf meinem Schreibtisch landen sehr viele Anfragen für Hiwi-Stellen, von Doktoranden oder wissenschaftlichen Mitarbeitern. Ich merke sehr schnell, ob sich da jemand bewirbt, der unbedingt diesen Job machen will. Das war bei mir genauso: Wenn ich etwas wirklich wollte, dann habe ich die Bewerbung ganz anders geschrieben, viel leidenschaftlicher, persönlicher, zielgenauer. Für andere Stellen habe ich häufig eher einen langweilen Standardtext formuliert. Und wer einer Arbeit nachgeht, die ihm Spaß macht, kann auch mit Rückschlägen wie finanziellen Engpässen oder Belastungen durch Überstunden besser umgehen. Nur Geld und Status allein machen einen im Job nicht glücklich.

ZEIT Campus: Was spricht dagegen, einen attraktiven Job anzunehmen und sich die eigenen Interessen für die Freizeit aufzuheben?

Gaissmaier: Nichts. Wenn jemand damit gut zurechtkommt, ist das kein Problem. Menschen haben unterschiedliche Schwerpunkte im Leben, und das ist auch gut so. Aber wer sich jeden Morgen mit dem Aufstehen quält und auf der Arbeit nur dem Ende des Tages entgegenfiebert, der sollte besser etwas ändern. Schließlich verbringen wir einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit bei der Arbeit.