Uni wechseln oder bleiben?

Wie gebe ich meinem Studium eine Richtung?

Ob Buchwissenschaft, Mittellatein oder friesische Philologie – in den Geistes- und Sozialwissenschaften kann man sich spezialisieren, zugleich stehen Absolventen zahlreiche Wege in den Beruf offen. Sei es in kleinen Verlagen oder in Großunternehmen. Eine Herausforderung ist es, das Studium so zu gestalten, dass ein roter Faden erkennbar wird. Petra Lehmann vom Career Service der Universität Heidelberg rät, sich zunächst über Wünsche und Ziele klar zu werden. "Wer noch keinen Fahrplan für die Karriere hat, sollte Informationen sammeln: Welche Berufsfelder stehen mir mit meinem Studienfach offen?" Wer bei einer Nichtregierungsorganisation arbeiten will, sollte sich mit dem Thema Fundraising beschäftigt haben, Unternehmensberater brauchen Grundkenntnisse in Betriebswirtschaftslehre. Bastian Roet vom Berufsverband der Soziologen sagt: "Was zählt, ist wahrhaftes Interesse am Fach. Welche Themen motivieren mich, bei welchen Seminaren interessiert mich auch das Knifflige?"

Man sollte zudem herausfinden, ob man eher Spezialist oder Generalist ist. Petra Lehmann sagt: "Wer sehr zielgerichtet ist und weiß, wohin er will, liegt mit einem stark fachlich ausgerichteten Master sicher richtig. Wer lieber interdisziplinär arbeitet, zu dem passt ein breit angelegter Studiengang besser."

Worauf kommt es beim Berufseinstieg an?

Auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften lernt man empirische Methoden und statistische Auswertungen. "Solche Fähigkeiten können für den Beruf sehr wichtig werden, etwa für Mitarbeiterbefragungen oder Kundenanalysen", sagt Roet. Weitere gefragte Zusatzqualifikationen, die man im Studium erwerben kann, sind Fremdsprachen und ein betriebswirtschaftliches Verständnis. Denn auch wer als Geistes- oder Sozialwissenschaftler in einer Stiftung oder bei einer NGO arbeitet, muss Drittmittel beantragen oder das Jahresbudget planen können. "Das bedeutet jedoch nicht, dass man BWL studiert haben muss", sagt Petra Lehmann. "Viele Hochschulen bieten BWL-Kurse für Geistes- und Sozialwissenschaftler an. Vor allem Kenntnisse im Projektmanagement sind wertvoll. Diese Qualifikation wird in vielen Stellenausschreibungen gewünscht."

Martin Huber vom Deutschen Germanistenverband hält es für wichtig, dass die Studenten ihre Fähigkeiten besser verkaufen, etwa in Vorstellungsgesprächen für Praktika. "Ich habe den Eindruck, dass sich Geistes- und Sozialwissenschaftler zu wenig zutrauen. Dabei eignen sie sich im Studium an, Sachverhalte gut systematisch einzuordnen und zu analysieren. Das sind wichtige Kompetenzen", sagt Huber. Neben den Studieninhalten sind Praktika besonders wichtig, um das Berufsfeld kennenzulernen. Denn so findet man heraus, ob der Arbeitsalltag tatsächlich zu den eigenen Vorstellungen passt. Bastian Roet vom Berufsverband der Soziologen rät, die Semesterferien für Praktikazu nutzen. "Die Pflichtpraktika während des Semesters sind in der Regel zu kurz, um ausreichend Erfahrung zu sammeln. Es lohnt sich, hier mehr Zeit zu investieren. Drei Monate sind eine gute Zeitspanne." Wichtig ist, auch nach dem Praktikum den Kontakt zu dem Unternehmen und den ehemaligen Kollegen zu halten, sie zum Beispiel für fachliche Themen in Hausarbeiten zu Rate zu ziehen. "Nur so erfährt man, was sich in der Branche tut oder ob vielleicht sogar Stellenfrei werden. Nach dem Abschluss ist ein solches Netzwerk sehr wertvoll bei der Jobsuche", sagt Bastian Roet.

Wann reicht ein Bachelor aus?

In den Geistes- und Sozialwissenschaften erwarten Arbeitgeber meist noch einen Masterabschluss von den Bewerbern. Knapp drei Viertel der Bachelorabsolventen machen diesen auch. "Das Masterstudium vermittelt andere Kompetenzen als der Bachelor", sagt Roet. "Der Master ist weniger verschult, man befasst sich ausführlicher mit Themen und schreibt zum Beispiel längere Hausarbeiten." Auch verdienen  Masterabsolventen mehr als Einsteiger mit Bachelor. Als Alternative zum Master kann man sich auch auf Stellen bewerben, bei denen man weiter ausgebildet wird, zum Beispiel für ein Traineeship in einem großen Unternehmen oder ein Volontariat in einer Werbeagentur, bei einer Zeitung oder an einer Journalistenschule.

Wie stehen die Chancen auf eine Uni-Karriere?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber 2/2015, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Wer für die Wissenschaft brenne, sei hier richtig, sagt Petra Lehmann vom Career Service der Uni Heidelberg. Doch wer an der Universität bleiben möchte, sollte seine Ansprüche hinterfragen. "An der Universität gibt es wenige Festanstellungen, die Gehälter sind niedriger als in der freien Wirtschaft, und oft gibt es nur befristete Verträge. Damit muss man zurechtkommen." Tatsächlich haben 84 Prozent der rund 160.000 Nachwuchswissenschaftler befristete Stellen.

Martin Huber vom Deutschen Germanistenverband und selbst an der Universität Bayreuth tätig, sagt: "Einige meiner wissenschaftlichen Mitarbeiter wollten sich nicht darauf einlassen, was ich auch gut nachvollziehen kann. Es ist sinnvoll, noch einen Plan B zu haben." Laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) schätzen 60 Prozent der befragten Doktoranden in den Geisteswissenschaften ihre Karrieremöglichkeiten hierzulande als sehr schlecht ein. Generell gilt: Praktische Erfahrungen sind wichtig, weshalb man sich um eine Stelle als Tutor oder studentische Hilfskraft bemühen sollte. Außerdem braucht man ein Netzwerk. Kontakte zu Dozenten sind unerlässlich.