Svetlana war überfordert, Johannes im Urlaub. Beide beauftragten einen Ghostwriter. Hatten sie Angst? Manchmal. Ein schlechtes Gewissen? Nein.

Zwei Hausarbeiten hat sich Svetlana in ihrem Sprach- und Medienstudium an einer Berliner Hochschule von einer Kommilitonin schreiben lassen. Sie bekam gute Noten dafür, gemerkt hat es offenbar niemand. Svetlana, die in Wirklichkeit anders heißt, ist bereit zu erzählen, weshalb sie gegen die Studienordnung verstoßen und einen Ghostwriter beauftragt hat. Ihre Bedingung: Ihr Name, ihr Alter, ihr Herkunftsland und ihre Hochschule dürfen nicht genannt werden. Seit rund zehn Jahren lebt Svetlana in Deutschland. Sie spricht fließend und fast druckreif, mit einer leichten slawischen Einfärbung.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kamst du dazu, einen Ghostwriter zu beauftragen?

Svetlana: Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Im Studium war es von Anfang an die größte Herausforderung für mich, Hausarbeiten zu schreiben. Ich hatte vorher nicht damit gerechnet, dass es so wichtig sein würde. Die Klausuren habe ich zum Teil gerne geschrieben und habe dafür gelernt. Referate waren ein Kampf, aber das ging. Mit wissenschaftlichem Arbeiten kam ich dagegen von Anfang an nicht klar.

ZEIT Campus ONLINE: Mit dem wissenschaftlichen Arbeiten oder mit dem wissenschaftlichen Schreiben?

Svetlana: Na ja, mit beidem. Im ersten Semester gab es bei uns einen Kurs, der hieß "Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten". Da ist uns grob erklärt worden, wie man das mit den Hausarbeiten machen soll. Aber das war viel zu abstrakt. Außerdem kam ich damals mit dem Studiensystem noch nicht zurecht, weil ich ganz neu in Deutschland war. Ich war gekommen, weil ich mit den Studienbedingungen in meinem Heimatland nicht zufrieden war und weil es hier keine Studiengebühren gibt. Aber anfangs verstand ich an der Uni nur Bahnhof. Es gab leider keine Betreuung, das hätte ich mir sehr gewünscht.

ZEIT Campus ONLINE: Hattest du schon im ersten Semester in Deutschland einen Ghostwriter?

Svetlana: Nein, das war viele Jahre später. Ich hatte schon lange alle Kurse abgeschlossen, alle Klausuren geschrieben, aber noch mehrere Hausarbeiten offen. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Eine Freundin erzählte mir von einer anderen Freundin, die für ihren Boyfriend eine Hausarbeit geschrieben hat. Der hat dafür die Note 1 bekommen, dabei war seine Freundin nicht mal im selben Fach wie er. Meine Freundin hat dann mal nachgefragt, ob sie das auch für mich macht – gegen Geld natürlich.

ZEIT Campus ONLINE: Und dann?

Svetlana: Als ich die Zusage hatte, dass sie meine Hausarbeit schreiben würde, habe ich lange überlegt. Ich wusste nicht, ob ich das machen soll. Es war auch eine Frage des Geldes, 170 Euro für zehn Seiten. Ich dachte: "Diese zehn Seiten schaffe ich selber!" Aber wie soll ich etwas schaffen, das ich nie gelernt habe? Außerdem lief mir die Zeit davon. Ich habe ihr also das Werk des Autors geschickt, um das es in meiner Hausarbeit gehen sollte, und alle Artikel, die wir im Kurs dazu behandelt hatten.

ZEIT Campus ONLINE: Hast du nicht befürchtet, dass man der Arbeit später anmerken würde, dass sie von einer Muttersprachlerin geschrieben worden ist und nicht von dir?

Svetlana: Ich hatte schon Angst. Aber man lässt Arbeiten ja noch mal Korrektur lesen, deshalb dachte ich, dass das sprachlich schon geht. Ich habe diesem Mädchen aber gesagt, dass die Arbeit nicht zu gut werden solle. Eine 2,2 oder 2,5 würde reichen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie ging es weiter?

Svetlana: Sie hat die Arbeit geschrieben und sie mir gemailt. Ich habe sie mehrmals gelesen, aber ich muss sagen, dass ich nicht alles verstanden habe. Ich bat die Autorin, mir ein paar Sachen zu erklären. Dann habe ich die Arbeit abgegeben und nach drei Monaten die Note bekommen: 1,3.

ZEIT Campus ONLINE: Besser als bestellt!

Svetlana: Auf jeden Fall. Aber die Dozentin wollte mich sehen. Sie schrieb: "Ich möchte Dir zu Deiner Arbeit Feedback geben." Ich wollte aber nicht zu ihr gehen. 

"Ich habe keinem etwas gestohlen"

ZEIT Campus ONLINE: Und dann? 

Svetlana: Ich schrieb ihr, dass ich gerade ein Praktikum mache, und fragte, ob sie mir das Feedback nicht per E-Mail schicken könne. Sie antwortete: "Nein, das geht nicht, komm bitte, sobald Du Zeit hast." Ich bin nie hingegangen. Die Note war ja schon eingetragen.

ZEIT Campus ONLINE: Hast du noch eine zweite Hausarbeit schreiben lassen?

Svetlana: Ja, für einen Kurs bei einem anderen Dozenten. Dafür bekam ich eine 2,3 und Feedback per E-Mail. Eine weitere Arbeit habe ich selber geschrieben, irgendwie hat das geklappt, aber ich hätte mich fast umgebracht. Jetzt schreibe ich seit einem Jahr an meiner Bachelorarbeit.

ZEIT Campus ONLINE: Die lässt du nicht von einem Ghostwriter schreiben?

Svetlana: Nein. Erstens wäre es teuer. Zweitens ist eine Bachelorarbeit schon eine Verantwortung. Ich dachte: Das musst du selber machen.

ZEIT Campus ONLINE: Was treibt dich jetzt an? Ehrgeiz?

Svetlana: Ach nein, nicht Ehrgeiz. Ich weiß nicht, irgendwie das Gefühl, dass ich vielleicht bestraft würde. Wir haben ein Bachelor-Kolloquium, da sprichst du viel mit dem Dozenten, der kennt dich ja auch, deswegen wäre es riskanter, die Arbeit nicht selbst zu schreiben.

ZEIT Campus ONLINE: Und danach? Machst du noch einen Master?

Svetlana: Nein, ich habe keine Lust mehr. Ich möchte mein Studium beenden und etwas anderes machen. Ich dachte, im Studium würde man auch praktisch arbeiten. Stattdessen gab es nur Theorie, Theorie, Theorie.

ZEIT Campus ONLINE: War es ein Fehler, ein Studium in Deutschland zu beginnen?

Svetlana: Ich würde auf keinen Fall noch einmal dasselbe studieren. Ich habe ein paar Jahre verloren, weil die schriftlichen Arbeiten mich aufgehalten haben.

ZEIT Campus ONLINE: Und die Entscheidung, jemand anderen schreiben zu lassen?

Svetlana: Das war eine gute, eine richtige Entscheidung. Es hat sich gelohnt.

"Es war nicht reine Faulheit"

Johannes hat mehrere Hausarbeiten und seine Bachelorarbeit von einem Ghostwriter schreiben lassen. Auch er fand ihn über private Kontakte. Der 29-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt, studierte Politikwissenschaft und Psychologie an einer süddeutschen Hochschule. Johannes bekam den Bachelorabschluss und arbeitet heute als Softwareberater in internationalen Projekten.

ZEIT Campus ONLINE: Wieso warst du bereit, für Studienleistungen zu zahlen?

Johannes: Es war gar nicht teuer! Ich habe pro Hausarbeit 200 Euro gezahlt. Damals war ich Barkeeper in einer Touri-Saufkneipe, da habe ich an einem Freitagabend mit Trinkgeld locker 20 Euro pro Stunde verdient. Wenn es gut lief, auch mehr. 200 Euro waren also wirklich günstig. Das war der Anreiz, das mal auszuprobieren.

ZEIT Campus ONLINE: Hattest du keine Angst, mit der Arbeit des Ghostwriters erwischt zu werden?

Johannes: Nein, da hatte ich keine Bedenken. Ich habe im Internet zwei oder drei Plagiatselbsttests gemacht. Da war nichts. Und da mein Professor vier Seminare à 40 Studenten betreute, war völlig klar, dass er nicht alle Hausarbeiten selbst lesen würde.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Note hast du bekommen?

Johannes: Ich glaube, eine 2,3. Das war die schlechteste Note in meinem Studium. Aber ich habe ihm das nicht krummgenommen.

ZEIT Campus ONLINE: Du hast dich nicht bei deinem Ghostwriter beschwert?

Johannes: Nein. Das ganze Thema hat für mich auch mit Stolz zu tun. Stolz, Ehre und Loyalität, das sind Tugenden, hinter denen ich stehe. Wenn man jetzt sagt "Ehre? Dann solltest du eine fremde Arbeit nicht als deine ausgeben!", dann stimmt das auch wieder, aber man muss eben abwägen. Ich war zu der Zeit, als er die Arbeit schrieb, im Urlaub. Deshalb war das schon okay. Es kamen auch noch genug Scheine, um diese Note wieder auszubügeln.

ZEIT Campus ONLINE: Du hast dir aber noch weitere Arbeiten schreiben lassen?

Johannes: Ja, mehrere Hausarbeiten und meine Bachelorarbeit. Alles beim selben Autor.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Johannes: Es gab verschiedene Motivationen: Mal Unlust, weil ich im Urlaub war. Mal Antipathie gegenüber einer Dozentin, bei der mir alles egal war. Bei einer Hausarbeit war es auch Talentfreiheit. Ich bin kein absoluter Querkopf, aber ich denke ziemlich viel darüber nach, ob etwas Sinn ergibt oder nicht. Das war mein Beweggrund. Es war nicht reine Faulheit, falls man mir das unterstellen wollte. Es war immer ein Abwägen.

ZEIT Campus ONLINE: Mindestens bei der Bachelorarbeit hättest du ein Thema auswählen können, das Sinn ergibt, und einen Betreuer, der dich unterstützt.

Johannes: Ja, aber als die Bachelorarbeit anstand, hatte ich eine sehr interessante Stelle als Werkstudent in einem Logistikunternehmen. Ich denke immer sehr effizient und sehr praktisch, das hat dem Chef gefallen. Also hat er mich gefragt, ob ich nicht eine Projektbegleitung machen will, bei der ich das ganze Unternehmen und alle Abläufe kennenlerne. Ich wollte immer in Richtung Consulting, deshalb war das eine tolle Chance.

ZEIT Campus ONLINE: War bei der Bachelorarbeit etwas anders, als bei den Hausarbeiten?

Johannes: Der Autor bekam mehr Zeit und mehr Geld, 800 Euro. Wenn man sich überlegt, wie wichtig so eine Bachelorarbeit ist, war das okay. Außerdem musste ich alle zwei Wochen ins Bachelorkolloquium. Da musste ich meine Arbeit präsentieren, meine These entwerfen, meine Gliederung darstellen, also offensichtlich ein bisschen Ahnung von dem Thema haben. Zu dem Zeitpunkt wollte mein Ghostwriter eigentlich seine eigene Bachelorarbeit schreiben, aber er hatte so viele Anfragen von anderen, dass er das erst mal verschoben hat.

ZEIT Campus ONLINE: Moment, er schrieb deine Bachelorarbeit vor seiner eigenen?

Johannes: Ja. Er wusste, wie das geht und hatte einen Tacken kriminelle Energie. Einmal habe ich gesehen, wie eine ältere Kommilitonin mit ihm sprach. Er hat mir kurz zugenickt und dadurch war klar, dass ich jetzt nicht an seinen Tisch kommen sollte. Das war wie beim Dealer auf dem Schulhof.

"Alles auswendig lernen – wo ist da der Leistungsgedanke?

ZEIT Campus ONLINE: Wenn du sagst, dein Ghostwriter habe kriminelle Energie …

Johannes: Na ja, kriminell ist das falsche Wort, da müssen wir jetzt ein bisschen aufpassen, das hat einen anderen Charakter. Aber es hat diesen Beigeschmack, denn er bietet ja etwas an, das er nicht anbieten darf.

ZEIT Campus ONLINE: Du selbst brauchtest diese kriminelle Energie aber auch – um dich bewusst über Regeln hinwegzusetzen und eine Arbeit abzugeben, die du gar nicht verfasst hast.

Johannes: Nein, ich würde nicht sagen, dass es mit krimineller Energie zu tun hat, sondern mit bewusstem Leben. Man muss sich bewusst sein, welche Rolle man spielt und was man erreichen kann. Man muss Ziele haben und eine gewisse Motivation aufbringen. Das heißt auch abzuwägen: Muss ich meine Credit Points machen und deshalb zwölf Stunden für die Uni arbeiten? Oder reichen sechs Stunden und den Rest verbringe ich mit Freunden oder mit einem Nebenjob? Soll ich mir ein bisschen mehr Zeit für mein Studium nehmen, oder meinen Bachelor burnoutmäßig in sechs Semestern machen, und rumrennen und jammern: "Oh, ich hab keine Zeit, ich kann nicht mal essen"? Nein. Auf dieses Gerede habe ich keine Lust, das stört mich, weil ich weiß, dass es anders auch geht.

ZEIT Campus ONLINE: Hattest du nie Angst, dass du dich selbst um etwas betrügst? Um einen Lerneffekt, zum Beispiel?

Johannes: Was bringt es mir, eine Leistung zu erbringen, die nicht richtig gemessen wird, weil der Professor die Arbeit nicht liest? Da verschwende ich doch meine Zeit und mein Wissen. Klar steckt auch ein pädagogischer Wert dahinter, wenn du lernst, dich mit einem Thema auseinanderzusetzen und darüber zu schreiben. Aber meine Leistung war zu der Zeit schon viel höher, nämlich in dem Unternehmen, in dem ich gearbeitet habe.

ZEIT Campus ONLINE: Du willst sagen: Es steckt keine kriminelle Energie dahinter, sondern bloß unternehmerisches Denken?

Johannes: Das ist Effizienzdenken, ja.

ZEIT Campus ONLINE: Es gibt Studenten, die sich keine Ghostwriter leisten können, selbst wenn sie wollten. Ist es nicht unfair, dass die sich durchquälen müssen, während du einen bequemeren Weg gehst?

Johannes: Das habe ich mich auch gefragt, weil mich der Aspekt der Moral wirklich sehr interessiert. Aber nicht, dass der Eindruck erweckt wird, mir wurde was geschenkt: Was ich gemacht habe, hätte jeder andere Student auch tun können. Meine Bachelorarbeit kostete 800 Euro, das ist nicht viel Geld, wenn man arbeitet. Ich habe keinem etwas gestohlen.

ZEIT Campus ONLINE: Hast du noch einen Master gemacht?

Johannes: Nein, ich wurde in dem Unternehmen übernommen, mit dem ich damals zusammengearbeitet habe. Dort wird meine Leistungsfähigkeit wirtschaftlich gemessen. Dieser Leistungsgedanke hat mir an der Uni immer gefehlt. Da hatte ich manchmal Trottel neben mir sitzen, die wussten noch nicht mal, wie man Nudelwasser zum Kochen bringt. Und dann schreiben die eine 1,0 in der Klausur, weil sie einen Leitz-Ordner mit Textmarkern vollgemalt und alles auswendig gelernt haben. Das ist doch keine Leistung! Wo ist da der Leistungsgedanke?

ZEIT Campus ONLINE: Leistung in deinem Sinne wäre: die Fähigkeit, kreative Lösungen finden?

Johannes: Nein, nicht unbedingt. Meine Leistung war nicht, dass ich mir die Bachelorarbeit gekauft habe, sondern dass ich in meinem Job gut bin. Das ist es, was mir am Monatsende das Geld einbringt. Das ist meine Leistung. Aber es war nicht die Leistung, die im Bachelorsystem gewollt ist.

ZEIT Campus ONLINE: Wenn dein Chef von deinem Ghostwriter wüsste – meinst du, es würde ihn stören?

Johannes: Wenn er der Einzige wäre, der davon weiß – und er kennt ja die Leistung, die ich jeden Tag vollbringe und die durch dieses Wissen nicht getrübt wird – dann denke ich, dass er mit Sicherheit nichts dagegen hätte.