Dem Druck der Masse wiederstehen. Dinge dann tun, wenn sie zu tun sind. Fehler machen. Und: Bloß kein Stress! Die inoffizielle Studienordnung der ersten sechs Semester

Jeder Studiengang listet die Prüfungen und Module auf, die man für einen Abschluss bestehen muss: Einführung in die Philosophie, Statistik III, Arbeitsökonomie. Nirgendwo stehen die inoffiziellen Herausforderungen der ersten sechs Semester, die mindestens genauso wichtig sind ­­­– und meistens schwieriger. Eine inoffizielle Studienordnung.

1. Semester: Konformität

An der Uni lockt die Freiheit. Endlich die Enge des Schulhofs hinter sich lassen, in der jeder über jeden Bescheid weiß. Weg von Eltern und Klassenkameraden. Dorthin, wo einen niemand kennt, wo man sein kann, wie man ist.

Aber reicht es, so zu sein, "wie man ist"? Gucken die anderen komisch? Man will dazugehören und passt sich wieder an. Also kauft man sich die Jeans und die Schuhe, die auf dem Campus getragen werden, sagt "reziprok" und "redundant" statt "gegenseitig" und "überflüssig". Weil die Kommilitonen das auch so sagen. Man verschluckt seine Meinung, wenn sie nicht in die Gesprächsrunde passt.


Das ist normal: Wenn viele Menschen an einen neuen Ort kommen, suchen sie Orientierung. Aber die Konformität sollte einem nicht die Luft abschnüren. Denn der Campus ist größer als der Schulhof, voller Querdenker und Menschen, die Querdenker akzeptieren. Man muss sie nur finden. Sich nicht bequemlichkeitshalber mit dem Nebensitzer im Vorlesungssaal anfreunden, sondern aktiv Freunde suchen, die inspirieren: Bei Gruppen mitmachen, die die eigenen Interessen teilen. Die Kommilitonin ansprechen, die etwas Mutiges im Seminar gesagt hat. Oder den Typen mit den unmöglichen Jeans, um den die meisten einen Bogen machen.

2. Semester: Stress

Drei Wochen vor den Prüfungen: Die Lernunterlagen stapeln sich auf dem Schreibtisch, zwischen Kaffeetassen und Tellern, dahinter man selbst mit schweren Augen und surrendem Kopf. Hieß es nicht immer, an der Universität habe man besonders viel Zeit für sich?

Man ist im Stress. Oder? Nicht unbedingt: Nur weil man viel zu tun hat, heißt es nicht, dass man gestresst ist. Ein straffer Zeitplan kann anspornen. Nur wenn die Herausforderung zu groß scheint, macht sie Angst – und hemmt das Gehirn.

Ganz ruhig. Was kann schon passieren? Deadlines lassen sich verlängern, Prüfungen schieben – notfalls ins nächste Semester. Auch wenn es sich kurz vor den Prüfungen anders anfühlt: Die Zukunft ist nicht verbaut, wenn man ein (oder zwei) Semester an die Regelstudienzeit hängt. Deshalb nächstes Semester: früher anfangen. Und jetzt: Schreibtisch aufräumen, damit man das Licht am Ende des Lerntunnels sieht – oder wenigstens die Schreibtischlampe.

3. Semester: Prokrastination

Eigentlich wollte man diesmal wirklich pünktlich mit der Hausarbeit anfangen. Gleich heute Nachmittag, nur vorher noch mal ganz kurz Facebook checken. Und plötzlich ist es 20 Uhr. Jetzt noch anfangen? Lohnt sich nicht. Das mach ich morgen! Aber morgen muss erstmal die WG geputzt werden. Und übermorgen nimmt einen die Lieblingsserie vor dem Laptop gefangen. Kurz vor der Abgabe hat man deshalb wieder schlaflose Nächte, der Drucker streikt und die Tippfehler wuchern im Text, weil keine Zeit mehr war, um die Arbeit nochmal gegenlesen zu lassen.

Die größten Kämpfe an der Uni führt man gegen sich selbst. Studien zeigen, dass jeder zweite Student dazu neigt, die Dinge lieber morgen als heute zu erledigen. Nach Schätzungen von Psychologen prokrastinieren etwa 20 Prozent der Bevölkerung häufig. Grund für die Aufschieberei: Die Erwartungen an sich selbst sind zu hoch. Und die Angst zu versagen zu groß.

Heute drei Paragraphen Einleitung schreiben

Deshalb auch anfangen, wenn zuerst nichts Sinnvolles aufs Papier kommt. Nichts lähmt so sehr, wie die Angst vor dem ersten Wort. Weil sich das Gehirn nach schnellen Erfolgsergebnissen sehnt (deswegen macht Facebook auch so süchtig: Klick – Resultat), den großen Berg Arbeit in kleine Häppchen aufteilen. Das Unbehagen schrumpft dann zusammen mit der Menge der anfallenden Arbeit. "In einer Woche die Hausarbeit schreiben" scheint kaum zu bewältigen. "Heute drei Paragraphen der Einleitung schreiben" schon eher.