Für den Kurz-vorm-Burn-out-Lifestyle nicht genug und zum hippen Freigeistleben zu viel. Warum will eigentlich niemand einen Nine-to-five-Job?

Neulich abends traf ich Tom. Ich weiß nie, wie Tom gerade aussieht, weil Tom keine Selfies postet, sondern Flugzeuge auf Rollfeldern oder Sonnenuntergänge hinter Bürotürmen. Tom ist seit drei Jahren Unternehmensberater, er ist oft wochenlang nicht in der Stadt, seine Arbeitstage haben nie weniger als zwölf Stunden. Sagt er.

Wie schaffst du das eigentlich alles, fragte ich ihn.
Tom sagte: Genau wie du. Ich schlafe wenig.

Ich schlafe wenig? Ich schlafe gern und viel und am liebsten allein in meinem Queensize-Bett. Würden alle so viel schlafen wie ich, die Welt wäre eine gerechtere, klügere, glücklichere, und Angela Merkel würde bessere Politik machen. Wie kommt Tom bloß darauf?

Meine Arbeitszeiten sind okay, ich arbeite nicht wenig, aber auch nicht ständig zu viel. Ich bin gegen halb neun Uhr im Büro und gehe meistens um sechs nach Hause. Seit wir einen Kicker haben, mache ich öfter mal Pause – so wie früher die Raucher. Nach halb sechs habe ich Zeit für meine Freunde, für Affären, manchmal sogar für eine Beziehung. Alles ziemlich normal.

Aber weil ich mit 26 Jahren Redakteurin bin – fest angestellt und unbefristet –, gelte ich unter meinen Freunden als einigermaßen erfolgreich. Und die Gleichung in Toms Kopf lautet: Wer erfolgreich ist, arbeitet viel. Und wer viel arbeitet, ist erfolgreich.

60, 70, ja: 100 Stunden!

Wenn ich am Wochenende mit meinen Freunden unterwegs bin, rufen die sich Wochenarbeitsstunden zu. 60, 70, ja: 100 Stunden! Ich bin dann immer sehr still, tippe geschäftig in mein Handy und rechne: 60 Stunden, das wären zwölf Stunden pro Tag bei einer Fünf-Tage-Woche. 100 Stunden wären 14 Stunden pro Tag bei einer Sieben-Tage-Woche. Ich wünschte, ich könnte so viel schlafen, wie die arbeiten!

Das Problem meiner Freunde ist: Ihnen fehlt nicht die Work-Life-, sondern eine Überstunden-Sleep-Balance. Mein Problem ist: Ich sage nichts und tue so, als ginge es mir genauso.

Vergangene Woche sagte eine Bekannte: "Mann, wie anstrengend, war heute wieder bis halb neun im Büro. Na ja, das kennst du ja." Ich nickte und lächelte. Mein Arbeitstag war auch anstrengend, dauerte aber nur bis halb sechs. Das beeindruckt niemanden. 

Es reicht nicht mehr, einen tollen Job zu haben und dafür auch ein bisschen mehr zu arbeiten. Mein Job ist zum Immer-kurz-vorm-Burn-Out-Lifestyle nicht anstrengend genug und zum Freigeistleben viel zu geregelt. Normal sein ist out. Entweder in Yale studieren oder drei Orchideenfächer abbrechen. Jetset oder Couchsurfing. Berlin-Mitte oder Moabit. Ich wohne im Prenzlauer Berg.

Während die einen – als hätte es die Finanzkrise und den Wolf of Wall Street nie gegeben – leistungshungrig ihrer ersten Reha entgegenackern, winken die anderen von vornherein ab, wenn es um die Arbeit geht.

Und ich gelte plötzlich als Spießer.

Deshalb trifft es mich, wenn sie sagen: "Cooler Job. Aber für mich wär' das nix. Den ganzen Tag am Schreibtisch. Und dann so viel arbeiten. Also ich lebe jeden Tag, als ob es mein letzter wäre."

Ein schöner Gedanke. Aber würde ich jeden Tag so leben und dann überraschend doch nicht sterben, dann wäre ich am nächsten Morgen pleite, hässlich, schwanger, verkatert, HIV-positiv. Und im Kopf nie ein Stück weiter.

Ich will lieber so leben, als ob ich 101 Jahre alt werde. Das ist jeden dritten Tag ziemlich spießig. Dann, wenn ich besonders früh schlafen gehe.