Dozenten und Studierende, die sich in der Vorlesung langweilen? Professor Porombka hat ein Mittel dagegen. Welches? Da gilt leider Spoilerverbot.

Gerade ist die sechste Staffel von Game of Thrones angelaufen. Und alle sitzen vor den Bildschirmen. Vor Kurzem war die wichtigste Frage auf dem Campus, ob Jon Snow wohl wirklich tot ist. Gefolgt von der Frage, wie die schöne Drachentochter Daenerys Targaryen die Söhne der Harpyie überwinden will. Erst danach ging es um Sachen, bei denen man sich nicht ganz so gut auskennen muss. Und die zum Glück auch nicht ganz so kompliziert sind. Literatur der Weimarer Klassik zum Beispiel.

Aber da muss man gar nicht eingeschnappt sein. Meine Kollegen und ich können von Game of Thrones nur lernen. Das Prinzip der Serie: unser Schlüssel für gelingende Seminare und Vorlesungen. Die funktionieren ja ähnlich. Jede Woche gibt es eine neue Folge, jedes Semester eine neue Staffel. Wer ein Studium absolviert, hat am Ende die Total-Edition-Sammler-Box im Regal. Mit allen Prüfungsleistungen als Bonusmaterial. Ob man besteht oder nicht, wird allerdings vorher nicht verraten. Da gilt Spoilerverbot.

Was macht Serien denn so unschlagbar? Der Witz ist, dass jede Woche fast dasselbe passiert. Aber immer verschiebt sich alles gerade so weit, dass es Folgen für weitere Folgen hat. Und die sind so dramatisch, dass man unbedingt wieder einschalten muss.

Nach jeder neuen Folge gibt es Diskussionen darüber, wie es bisher lief und wie es weiter laufen mag. Wer sich in den einschlägigen Foren für Serienfans umschaut – wo viele Leute unterwegs sind, die wir unterrichten – darf erstaunt sein. Hier wird philologische Fachkenntnis mit analytischem Scharfsinn und einem ausgeprägten Sinn für Detailkritik verbunden. Einige Studenten schreiben allein in den Kommentarspalten bei Facebook ganze Seminararbeiten. Vielleicht sollte ich dort mal direkt die Note eintragen: "Stephan Porombka hat auf Ihren Kommentar geantwortet: <3"

Aber im Ernst. Man muss sich an der Uni wirklich nicht schämen, wenn man Game-of-Thrones-Fan ist oder gern Adventure Time schaut. Denn Serien üben uns darin ein, den großen Rahmen wahrzunehmen. Zugleich stellen wir uns auf dauernde Veränderungen ein. Wobei das Ende offen bleibt. Als Seriengucker lernen wir damit umzugehen, dass alles immer weitergeht.

Wer so ein Erzählprinzip zum Beispiel für die Einführung in die Weimarer Klassik oder die Thermodynamik hinbekäme, könnte seine wöchentliche Einschaltquote vervielfachen. Und die Leute kämen wieder, auch wenn sie in der Pause zum Pinkeln oder zum Rauchen verschwinden. Sie würden sogar dafür zahlen, wenn die neue Staffel von Die Perspektive in der Malerei der Renaissance für Lehramt oder Formalismus und Prinzipiendenken im Verfassungsrecht gestreamt wird.

Die einzelnen Seminarstunden müssten allerdings perfekt verkettet werden. Man könnte dann bis zu vier Handlungsstränge parallel laufen lassen. Wichtig wäre nur, dass sie nicht alle am selben Plotpunkt stehen. Das ist langweilig. Da zappen die Studierenden weg. Nein, es muss immer irgendwas zu Ende gehen. Währenddessen muss immer irgendwas anderes auf seinen Höhepunkt zulaufen. Und der dritte Strang muss neu verknotet werden. Am besten mit dem vierten Strang, der eigentlich schon an Fahrt aufgenommen hat, nun aber eine überraschende Wendung nimmt.

Mehr muss man als Dozent nicht wissen. Man muss es nur gut umsetzen können. Aber das können die Studierenden ja eigentlich erwarten. Sie legen ja immerhin den episch weiten Weg vom Küchentisch zur Universität zurück, um einer wirklich guten Story zu folgen.

Womit wir auch schon bei den Anforderungen für eine erfolgreiche Teilnahme sind. Bitte schauen Sie dafür auf den Seminarplan unter "Was von Ihnen erwartet wird". Wenn wir Professoren uns nämlich an Serien wie Game of Thrones orientieren, dann verstehen Sie sich bitte auch als Figur, die an jeder Folge mit vollem Einsatz teilnimmt. Und das heißt: Sie müssen selbst richtig guten Stoff zu einem Drama liefern, das sich in Echtzeit vor den Augen aller abspielt.

Wenn Sie ein Referat halten, muss es an den Nerven reißen. Sonst ist es nicht gut. Ein Thesenpapier muss das Format einer Erklärung des leider allzu früh verstorbenen Tyrannen Joffrey Baratheon haben. Wenn Sie diskutieren, sollten Ihre Beiträge die Gewitztheit und Schärfe des kleinwüchsigen Tyrion Lennister erreichen. Seien Sie so erhaben wie die Drachenkönigin. Hintertreiben Sie die Seminardiskussion als rote Priesterin. Und zeigen Sie Mut wie Ygritte, die Tochter des freien Volkes.

Rechnen Sie aber jederzeit damit, dass Sie auf ganz und gar unangenehme Weise aus der Staffel rausgeschossen werden. Fürchten Sie um Ihre rechte Hand. Überlegen Sie sich immer, auf wessen Seite Sie stehen. Und tauchen Sie immer so im Seminar auf, dass wir alle denken, dass Sie noch in anderen Serien mitspielen, von denen wir nur ahnen können, dass es auch dort um etwas richtig Großes geht: um die große Liebe, um die große Theorie, um die entscheidende Formel, den Studiengang, den Fachbereich, die Universität, das Humboldt'sche Bildungsideal, was auch immer.

Wenn Sie sicherstellen wollen, dass wir Professoren uns auch später noch an Sie erinnern, dann hinterlassen Sie uns doch ein Bild von sich wie das von Jon Snow am Ende der fünften Staffel, der leblos im Schnee liegt und in Richtung Himmel blickt, und keiner weiß, wie es weitergeht. "Steh auf, Jon Snow", werden wir Ihnen zurufen. Und wir werden kaum erwarten können, dass es endlich weitergeht.