Nach der Geburt ihres Sohnes fühlt sich Lisa erschöpft und ausgelaugt. Wenig später fällt sie durch eine Prüfung. Hätte ihr der neue Mutterschutz geholfen?

Lisa Nothnagels Kind war ein Wunschkind. Sie wollte noch im Studium schwanger werden, viel Zeit für ihren Sohn haben. Doch schon die Entbindung war nicht einfach, während der Nachgeburt verlor die 24-Jährige viel Blut. Mutter und Kind durften tagelang nicht allein gelassen werden – denn die Ärzte fürchteten, wegen ihrer schlechten Blutwerte könnte Lisa jederzeit umkippen. Auch die Erwartungen an sich selbst, dass nun die schönste Zeit ihres Lebens beginnen sollte, erdrückten sie. Und dann waren da noch die Prüfungen, sechs Wochen nach der Geburt.

Lisa studiert Law in Context an der TU Dresden, damals im sechsten Bachelorsemester. Sie glaubte, dass sie die Geburt gut überstehen würde, also meldete sie sich Wochen zuvor für zwei Klausuren an. Rechtsdurchsetzung, Europarecht – viel zu üben, wenig zu lernen. Das müsste sie auch mit Baby schaffen, dachte Lisa.

Doch als die Prüfungstermine näher rückten, fühlte sie sich noch immer ausgelaugt und erschöpft. Allmählich bereute sie, sich für die Klausur angemeldet zu haben. Mit Energydrinks lernte Lisa jeweils die letzte Nacht auf Lücke. Das Ergebnis: Einmal bestanden, einmal 5,0.

Hätte ihr der neue Mutterschutz geholfen?

Das Gesetz dazu stammt aus dem Jahr 1952. Erst vor Kurzem billigte das Kabinett den Entwurf, der künftig auch Studentinnen, Schülerinnen und Praktikantinnen helfen soll. Bisher garantiert der Mutterschutz lediglich Arbeitnehmerinnen, vom Job freigestellt zu werden – sechs Wochen vor der Geburt und acht Wochen danach. Die rund 20.000 Schülerinnen und Studentinnen, die laut Familienministerium jedes Jahr schwanger werden, sind außen vor.

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) plante zunächst, dass der Mutterschutz verpflichtend gilt. Studentinnen hätten Prüfungen dann nicht schreiben dürfen. Ein Kompromiss sieht nun vor: Der Mutterschutz soll zwar künftig für Studentinnen gelten, diese dürfen aber freiwillig auf den Mutterschutz verzichten, etwa wenn sie eine wichtige Prüfung vor oder nach der Geburt schreiben möchten. Eine gute Lösung für Unis und Studentinnen?

Bürokratie vs. Rückhalt

"Der gesetzliche Mutterschutz könnte den Ablauf für schwangere Studentinnen und Hochschulen verkomplizieren", sagt Manuela Lang, Sozialberaterin des Studentenwerks Dresden. Studentinnen hätten fortan die Pflicht, ihre Schwangerschaft bei der Hochschule zu melden. Für Prüfungsleistungen, die sie trotzdem ablegen wollen, müssten sie schriftlich erklären, auf den Mutterschutz zu verzichten. "Ein Mehraufwand mit ungewissem Nutzen", findet Lang. "Schon jetzt unterstützen Hochschulen schwangere Studentinnen umfassend." Ohne Weiteres könne man sich etwa für ein oder zwei Semester beurlauben lassen und trotzdem Prüfungsleistungen erbringen, wenn man das möchte.

Warum half das Lisa nicht? Sie nahm kein Urlaubssemester, weil sie sich die Strapazen zutraute. Dann schleppte sie sich lieber zu den Prüfungen, als davon zurückzutreten – aus Scham und Überforderung. Von einem Arzt wollte sie sich nicht krankschreiben lassen. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, ihre Beschwerden notfalls dramatisieren zu müssen – nur damit sie die Prüfungen umgehen könne. Bei der Hochschule wiederum fürchtete sie Bürokratie. Sie ist sich sicher, dass ihr der Mutterschutz damals geholfen hätte.

"Das Gesetz gibt den Studentinnen einen besseren Rückhalt und ein anderes Selbstgefühl", sagt Christina Rahn, die Koordinatorin des Familien-Service der Goethe-Universität Frankfurt. Zwar komme damit viel Arbeit auf die Verwaltungen zu. Das lohne sich aber: "Es werden endlich einheitliche Regelungen an den Hochschulen geschaffen, die bundesweit gelten", so Rahn. "Künftig genießen die Studentinnen ein Recht, für das sie nicht erst fragen müssen."