Für Mindestlohn, für Flüchtlinge – und sonst? In Paris hadern junge Linke mit den Alten, sich selbst und der Frage: Ist die Polizei mein Feind?

Wer jung und rechts ist, weiß, wie es vorangehen soll: Frauen an den Herd, Schwule nicht ins Standesamt, Ausländer raus. Partei gründen, gewählt werden, durchregieren. Die Rechten sind stark in Europa, auch in Frankreich.

Aber was heißt es, jung und links zu sein? Für Mindestlohn, klar, und für Flüchtlinge. Aber heißt es Arbeitskampf und Steinewerfen? Oder vernünftig sein und realistisch? Um das herauszufinden, sitzen sie bei den Nuits Debout auf der Pariser Place de la République. Seit dem 31. März kommen sie jeden Tag, sprechen über Gott und die Welt; aber meistens über die Welt, denn an Gott glauben sie eher weniger, die Linken.

Anaïs Marrast ist 23 und kommt jeden Tag zu diesem klapprigen Metallpavillon, an dem ein Pappschild mit der Aufschrift "Empfang Nuit Debout" hängt. Zu ihr kommen Passanten, die wissen wollen, was auf dem Platz passiert. Zu ihr kommen die Kommissionen der Nuit Debout, für die sie auf einer weißen Tafel notiert, wann und wo über was gesprochen wird. Anaïs hat auf ihrem blauen Trenchcoat ein leuchtend rotes Filzquadrat befestigt, ein Zeichen der linken Solidarität. Bei ihr laufen die Fäden zusammen, der Empfang ist die Schaltstelle der Nuit Debout. 

Der blaue Pavillon des Empfangs von Nuit Debout. Hier laufen alle Fäden zusammen. © Hannes Schrader

Links sind sie hier alle, sagt Anaïs. 2012 hat sie, wie alle, François Hollande gewählt, den Sozialisten. Aber wie alle erst im zweiten Wahlgang und auch nur, weil sie den Konservativen Nicolas Sarkozy nicht wollte. Im ersten Wahlgang hat sie einen echten Linken gewählt, natürlich, den Kandidaten der Kommunisten.

Aber um Präsidentenwahlen und Parteien geht es hier am République gar nicht, nicht um politische Bündnisse. Es geht um das große Ganze. Um das System, um die Verfassung, um die Republik. Darum, ein mündiger Bürger zu sein und alles zu verändern, irgendwie, denn so wie jetzt kann es doch nicht weitergehen, ist doch klar, oder?

Von den jungen Rechten wollen sich die jungen Linken nicht einmal abgrenzen, zu weit sind die beiden Welten voneinander entfernt. Doch das Label links reklamieren in Frankreich viele für sich: Es gibt ein linkes Establishment, die Alt-Linken, starke Gewerkschaften und eine junge, sich durchaus als links verstehende Elite. Zu gern würden diese Gruppen die Nuit Debout für sich nutzen. Und genau ihnen wollen die Menschen auf der Place de la République etwas Neues entgegensetzen.

Das Establishment

Das Schöne an den Nuit Debout sei, sagt Anaïs, dass alle gleichberechtigt seien und mitreden könnten. Eine Partei gründen, Institutionen schaffen, das würde ja bedeuten, sich dem System zu unterwerfen, das sie abschaffen wollten. Es würde heißen, Hierarchien zu schaffen, eine Chefin zu wählen oder einen Chef, Ämter zu schaffen und Leitungsstrukturen. Der Gedanke gefällt ihr gar nicht, sagt Anaïs.