Die Alten haben den jungen Briten die Wahl geklaut? Falsch. Die Jungen haben sie nicht überzeugt! Wir sind nicht laut genug, nicht wütend genug.

Fuck, sie haben es echt getan.

Das habe ich gedacht, als heute Morgen die Nachricht über den Brexit auf meinem Handy stand. Gestern war ich mir noch sicher: Ist eine knappe Kiste, aber wird schon alles gut gehen.

Ist es nicht. Brexit, euer Ernst?

Als David Cameron und Nigel Farage in den vergangenen Wochen über die EU stritten, ob der Brexit richtig ist oder falsch und rot anliefen, wenn es um das viele Geld ging, das Großbritannien überweise, staunte ich.

Kommentatoren analysierten Finanzmärkte, deren Kurse fallen würden, die Kosten des Brexit und Brüsseler Regulierungswut.

Was wollen die mit diesen sperrigen Worten, mit denen sich über alles reden, aber nichts sagen lässt? Die haben doch keine Ahnung. Von meinem Europa sprechen die nicht.

Die Idee, die ich lebe

Mein Europa ist die Freiheit, die ich spüre, wenn ich jedes Jahr im Sommer mit dem Auto nach Südwesten fahre und am Straßenrand das Schild sehe: France. Auf blauem Grund umrundet von goldenen Sternen.

In meinem Europa steht kein Grenzer, der mich mürrisch mustert, bildet sich kein Stau an Grenzposten, der mich und meine Freunde auf dem Weg in den Urlaub aufhalten könnte. Sondern nur ein Schild, ein leiser Gruß aus Brüssel, dessen Bürokraten mir wünschen: Hab es schön.

Das ist die Idee Europas, die ich lebe: Ich kann morgen für einen Job auswandern, muss in keine Wechselstube, und dank der EU stehen bald keine Sonderposten mehr auf meiner Handyrechnung, weil ich meine Mutter aus dem Ausland anrufe

Diese Idee haben die Alten mir heute weggenommen. In einer Umfrage einige Tage vor der Abstimmung wollten 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in der EU bleiben. Von den über 65-Jährigen waren es nur 33 Prozent.



Es ist den Alten gut ergangen mit der EU und dem Frieden in Europa, aber anstatt in Würde abzutreten, gehen sie als Schreihälse. Und wir, die Jungen, müssen es ausbaden. Herzlichen Dank auch.

Ist es wirklich so einfach?

Detaillierte Zahlen zur Wahlbeteiligung nach Altersgruppen bei der Brexit-Abstimmung gibt es noch nicht. Aber in der Wahl zum britischen Unterhaus im Mai sind nur 43 Prozent der 18- bis 24-jährigen zur Wahl gegangen. Von den über 65-jährigen waren es 78 Prozent.

Ich habe 2014 bei der Europawahl gewählt, aber ich war in der Minderheit: In Deutschland haben nur 15,1 Prozent der 18- bis 29-Jährigen abgestimmt. Viele wollen Europäer sein, doch ihre Stimme erheben sie nicht. Sie geben sie nicht mal ab.

Niemand hat die europäische Flagge bei Facebook gehisst

Ich habe in Frankreich studiert, in meinem mündlichen Abi ging es um die deutsch-französische Freundschaft. Ohne Europa geht es nicht.

Doch dafür, dass mir Europa so wichtig ist, habe ich erstaunlich wenig über den Brexit nachgedacht. In meinem Facebook-Postfach lag keine Einladung zu einer Spontandemo, um die europäische Solidarität zu feiern. Niemand hat die europäische Flagge im Profilfoto gehisst, keiner postete ein Bild von einer Menschenmenge vor der britischen Botschaft.

Für meine Freunde und mich war die Abstimmung in Großbritannien kein Thema. Dass Länder rein wollen in die EU, um an unserer Idee mitzubauen, klar. Aber raus?

Bis gestern dachte ich, Europas Zukunft entscheidet sich nicht durch die Abstimmung zum Brexit oder die Europawahl, sondern wird gemacht, indem man sie lebt.

Bis gestern dachte ich, mein englischer Freund James, den ich in meinem Erasmus-Jahr kennengelernt habe, schütze meine Idee von Europa viel besser, als jeder Bürokrat es könnte. James lebt mit seiner französischen Freundin in Passau, hat in England und Frankreich studiert und arbeitet jetzt in Deutschland. Heute Morgen hat er seine Freundin gefragt, ob sie ihn heiraten will, damit er sicher sein kann, bleiben zu dürfen.

Bis gestern dachte ich, um mein Europa zu schützen, wäre es genug, in den Urlaub und ins Erasmus zu fahren.

Bis gestern dachte ich: Läuft bei uns.

Falsch gedacht.

Ich genieße die Vorzüge eines vereinten, freien Europas – warum stehe ich dann nicht auf und verteidige sie? Weil mein Europa unsichtbar ist. Das macht es so wunderbar selbstverständlich. Und so verwundbar.

Niemand wacht morgens auf mit dem Gedanken: Yeah, wieder ein Tag Frieden!

Wir waren nicht laut genug, nicht wütend genug.

Die Alten haben den Jungen die Wahl geklaut? Wir haben sie nicht überzeugt! Wir waren nicht laut genug, nicht wütend genug. Vielleicht weil wir zu viel damit beschäftigt waren zu feiern, zu reisen und zu tanzen. Während die alten Männer mit roten Köpfen in den Talkshows standen, haben wir beim Bier über sie gelacht. Brexit, euer Ernst? Ja, sagen die Alten, unser Ernst.

Und jetzt? Werden wir kämpfen müssen für unser Europa. Denn die Alten werden nicht mehr lange mit dieser Zukunft leben müssen, wir schon.

Ich wüsste jetzt gern eine Antwort darauf, wie das gehen soll. Ich habe keine. Heute nicht, und morgen vielleicht auch noch nicht. Aber wenigstens bin ich aufgewacht.