Professoren warnten Johanna vor nicht-linken Texten. Lukas wurde vom Anarcho zum FDP-Funktionär. Dennis zweifelt. Von drei Studenten, die nicht mehr ganz so links sind

"Ist der Staat wirklich an allem schuld?"

"Mit 14 war ich böse auf die ganze Welt. Die Eltern sind spießig und symbolisieren Macht. So wollte ich nicht enden. Also ließ ich mir einen Irokesen schneiden. Mit blauen, weißen und roten Strähnen – den Farben der französischen Nationalflagge. Alles Revolutionäre kommt aus Frankreich, dachte ich. Dass ich einmal die FDP wählen und Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Bayern werde, hätte damals niemand gedacht.

Meine Freunde und ich haben uns viel über Kommunismus und Anarchismus unterhalten – viele Ideen auch vermischt. Auf den Lederjacken trugen wir den roten Kommunismusstern. Daneben prangerte ein Anarchismussymbol. Unsere Ideen über eine gerechtere Welt haben wir über Blogeinträge und Punklieder bekommen. Jegliche Form von Herrschaft und Macht haben wir abgelehnt. Globalisierung fanden wir doof.

Später kam ich dann ins Jugendparlament und bin einer lokalen Jugendpartei beigetreten. Dort habe ich die typischen Standardthesen vertreten: Der Kapitalismus ist ungerecht. Oder: Wir brauchen endlich einen Umsturz, um das System zu verbessern.

Ständig über das System zu schimpfen, reichte mir nicht mehr.

So ging das im Philosophiestudium weiter. Oft saß ich mit meinen Kommilitonen da und diskutierte bei Rotwein über soziale Gerechtigkeit. Der Irokese und die Lederjacken waren inzwischen einem schwarzen Rollkragenpulli gewichen, die Argumente etwas besser geworden. Einmal unterhielten wir uns über eine faire Umverteilung von Steuern. Wir brüllten uns an, bis wir heiser waren und die Nachbarn klingelten. Dabei wollten wir alle das Gleiche und versuchten uns nur mit unseren linken Argumenten zu übertrumpfen.


Als ich für ein Auslandssemester auf die Philippinen ging, habe ich Leute getroffen, die nicht dauernd Hilfe vom Staat erwartet haben. Die Menschen, die es dort nach oben schaffen wollten, hatten ein ganz anderes Problem: Nicht der zu schwache Staat stand ihnen im Weg. Sondern die Bürokratie. An der Uni lernte ich jemanden kennen, der aus ganz einfachen Verhältnissen kam. Seine Eltern verkauften Mangos und wohnten mit ihren Kindern in einem zehn Quadratmeter großen Zimmer. Er hatte es geschafft, an einer Uni genommen zu werden, Wirtschaft und Jura zu studieren und parallel noch als Dozent zu arbeiten. Er wollte sich nicht auf den Staat oder die Sozialhilfe verlassen, sondern hat pausenlos gearbeitet. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt. Und ließ mich zweifeln: Ist der Staat wirklich immer an allem schuld?

Nach dem Auslandssemester wusste ich: Ständig über das System zu schimpfen, reichte mir nicht mehr. Wenn ich wirklich was verändern will, muss ich in eine Partei eintreten. Nur welcher? Ich fing an, alle möglichen politischen Schriften zu lesen – Marx, John Stuart Mill, Rousseau und viele mehr. Das waren wunderbare Bettlektüren, ich wurde schnell müde davon. Ich habe auch mit meinem Großvater, der in der CDU ist, diskutiert und mir alle Grundsatzprogramme der Parteien durchgelesen – was letztlich furchtbar langweilig war.

Am Ende hat mich der Liberalismus am meisten überzeugt. Um sich wirklich frei zu entfalten und glücklich zu werden, sollte der Mensch über dem Staat stehen. Und nicht andersherum. Ich selbst sollte frei über mein Leben entscheiden dürfen. Die einzig vernünftige liberale Partei in Deutschland war die FDP, fand ich. Die Partei machte zwar vieles falsch, aber ich wollte nicht meckern, sondern etwas verändern. Also trat ich ihr bei.

Lukas Köhler, 29, hat vor einem Jahr promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Philosophie in München.

An der Uni in die linke Ecke gedrängt

"Es war wie in einer Sekte"

"Politisch aktiv war ich in der Schulzeit nicht. Anders als meine Kommilitonen: Die meisten haben sich schon früh für Politik interessiert und ihre Jugend in alternativen Sommercamps verbracht. Marx hatten die meisten von ihnen gelesen – zumindest behaupteten sie das. Bald muss es eine politische Revolution in Deutschland geben, da waren sie sich einig.

Am Anfang war ich völlig euphorisch. Meine Kommilitonen schienen so offen und tolerant zu sein. Wenn wir abends was trinken gingen, führten wir tiefgründige Gespräche und hinterfragten fast alles. Langsam passte ich mich ihrem Denken und Handeln an. Einerseits, weil ich das spannend fand. Andererseits, um ihnen zu gefallen. Dazu gehörte: Genau auf meine Sprache zu achten und Wörter zu gendern. Und: Auf einen ökologischen Lebensstil zu achten und gewisse Supermärkte zu meiden.

Sollten wir nicht-linke Texte lesen, wurden wir explizit darauf hingewiesen – fast gewarnt.

Allerdings hatte ich immer öfters das Gefühl, verurteilt zu werden. Als ich das erste Mal ein paar Freunde in meine Wohnung einlud, stolperte der erste herein und rief: "Wenn alle in einer Einzimmerwohnung leben würden, müsste Leipzig doppelt so groß sein!" Die fetteste Bude habe ich nicht. Könnten sie so leben, würden sie sicherlich nicht Nein sagen. Gesagt habe ich aber nichts. Dafür war ich in dem Moment zu verunsichert.

Später am Abend saßen wir alle an meinem Küchentisch. Ich saß mit dem Rücken zum Kühlschrank. Darauf thronte eine Schale mit ein paar Bananen. Auf einmal beugte sich ein Kommilitone zu den anderen und sagte: "Leute, die Bananen kaufen, kann ich wirklich nicht verstehen." Ich schwieg. Und kam mir so blöd vor. Warum musste er in der dritten Person über mich reden? Als ob ich ein kleines Kind wäre, das nichts begreift. Natürlich wusste ich, dass Bananen oder Ananas nicht hier in den Vorgärten wachsen. Aber dass es ein No-Go ist, die zu kaufen, war mir damals nicht bewusst.

Die meisten Professoren in meinem Studium waren politisch auch eher links orientiert. Sollten wir nicht-linke Texte lesen, wurden wir explizit darauf hingewiesen – fast gewarnt. So müssen sich Sekten anfühlen, dachte ich nach einer Weile. Eine Sekte, wo ich nicht meinen eigenen politischen Standpunkt entwickeln kann.

Irgendwann wurde mir der Druck zu groß. Ich beschloss, das Studium abzubrechen. Seitdem geht es mir viel besser. Ich brauche einfach noch etwas Zeit, um mir in Ruhe alles durchlesen und mich politisch zu festigen. Auf die Frage meiner Kommilitonen, warum ich aufgehört habe, antwortete ich ehrlich. Endlich kann ich offen mit ihnen über meine Erfahrungen reden. Gefallen muss ich ihnen nicht mehr. Ihre Reaktion hat mich total erstaunt: Einige meinten, sie fühlten sich ebenfalls von Kommilitonen und Professoren in die linke Ecke gedrängt. Gesagt haben sie aber nichts. Ich dachte die ganze Zeit, dass es nur mir so geht.

Johanna S., 20, hat Politikwissenschaften in Leipzig studiert.

Muss es immer das Binnen-I sein?

"In meinen Seminaren gibt es Redelisten"

"Mein politisches Interesse war früher eher ein Zufallsprodukt. Es begann während einer Autofahrt, als ich 15 war. Mein Vater saß am Steuer, im Hintergrund lief das Radio. Gerade kamen die Nachrichten. Irgendein Lokalpolitiker stammelte unbeholfen in das Mikro, keiner verstand ihn. Da nannte mein Vater ein paar Politiker, die sehr gut reden könnten. In einem Nebensatz fiel der Name Gregor Gysi, und ich wurde neugierig.

Zu Hause tippte ich Gysis Namen bei YouTube ein und klickte mich durch ein Video nach dem anderen. Ich war völlig begeistert: Er konnte komplexe Zusammenhänge ganz einfach darstellen. Für mich als jungen politischen Laien war sein Gerede leicht verständlich. Vor allem seine Ideen über soziale Gerechtigkeit fand ich gut. Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Ich fing an, mir alle möglichen Videos auf dem Kanal der Linken anzuschauen und ließ mich von ihren Meinungen zuballern.

Hinterfragt habe ich mein einseitiges Weltbild damals nicht. Weder in der Schule noch zu Hause habe ich darüber gesprochen. Mein Umfeld war politisch uninteressiert. Also schrieb ich meine Ideen auf und veröffentliche sie auf einem Blog. Dort schimpfte ich über imperialistischen Bestrebungen der USA, die "raubtierkapitalistische" FDP und die – in meinen Augen – homophobe und reaktionäre CDU/CSU. Zum Glück habe ich das Blog irgendwann gelöscht. Im Nachhinein ist es total peinlich, was ich da aufgeschrieben habe.

Dann kam ich in die Oberstufe. Meine Sozialkundelehrerin erklärte uns, dass wir in den Schularbeiten verschiedene Meinungen anschauen müssen, bevor wir zum Schluss ein Fazit ziehen. Ich wollte gute Noten schreiben und nahm ihren Tipp ernst. Anstatt linke Kampfblätter zu lesen, abonnierte ich große Tageszeitungen und den Cicero. Ich lernte, eigene Standpunkte zu entwickeln. Trotzdem fühlte ich mich links weiterhin gut aufgehoben.

Aber wird das weibliche Geschlecht wirklich benachteiligt, wenn wir nicht in jedem Satz das Binnen-I, Gender_Gap oder Asteriskus* verwenden?

Das änderte sich an der Uni. Im ersten Semester belegte ich einen Kurs über die DDR. Nach jeder Sitzung konnte ich spüren, wie ich weiter in die politische Mitte rutschte und zum Sozialdemokraten wurde. Viele Kommilitonen fanden: Der Marxismus als Weltanschauung ist gut, die DDR hatte ihn nur schlecht umgesetzt. Das sah ich nicht so. Der ostdeutsche Staat hatte den Bürgern ihre politische Freiheit genommen. Was wir heute brauchen, ist kein sozialistischer Staat, sondern eine Demokratie, die den Bürgern politische Freiheit lässt. Mit einigen Auflagen: zum Beispiel stärkere Arbeitnehmerrechte, Millionärssteuer, eine staatliche Rente, von der jeder leben kann, und kein Zweiklassensystem in der Gesundheitsvorsorge.

An der Uni fühle ich mich trotzdem manchmal wie eine Berliner Version von Franz Josef Strauß. Die Uni-Linke diskutiert nicht dringende Probleme in der Gesellschaft, sondern verliert sich in abstrakten Systemdebatten. Sie finden, dass staatliche Herrschaft zwangsläufig zu Rassismus und Sexismus führt. Der Kapitalismus beute die meisten aus – vor allem Minderheiten und Frauen würden benachteiligt. Reformen helfen nicht, sagen sie, der Kapitalismus muss abgeschafft werden. Das ist doch total undifferenziert. Ich sehe das anders: Wir brauchen Reformen, die Gerechtigkeit schaffen. Und wenn wir nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen können, sind wir noch lange nicht alle rassistisch.

Auch das Thema Gender-Anpassung sehe ich kritisch. Ich bin zwar ein totaler Befürworter von Emanzipation. Aber wird das weibliche Geschlecht wirklich benachteiligt, wenn wir nicht in jedem Satz das Binnen-I, Gender_Gap oder Asteriskus* verwenden? In Uni-E-Mails heißt es oft "jemensch" statt "jemand", um die Sprache möglichst neutral zu halten. In meinen Seminaren gibt es Redelisten. Melden sich zwei Frauen und ein Mann, kommt der Mann zum Schluss dran. Das haben unsere Dozenten so festgelegt. Da mache ich nicht mehr mit. Dafür bekomme ich oft schiefe Seitenblicke, aber das ist mir mittlerweile egal.

Eins hat mir jedenfalls die Zeit an der Uni schon gebracht. Endlich habe ich einen konkreten Berufswunsch. Ich würde gerne über politischen Extremismus forschen. Schwerpunkt: Linksextremismus."

Dennis Klinke, 19, studiert in Berlin Politikwissenschaften.