Ein Student wird zum Gesicht des Protests gegen Pegida. Weil Eric Hattke sich für Flüchtlinge engagiert, erhält er Morddrohungen. Warum tut er sich das an?

Eric Hattke geht mit federnden Schritten durch die Dresdner Altstadt, bis eine Schulter gegen seinen schmalen Körper knallt. Nicht stark genug, um ihn straucheln zu lassen, aber stark genug, dass er für einen Moment stutzt.

Vielleicht war es ein Versehen in der vollen Dresdner Altstadt an diesem Samstagnachmittag, vielleicht aber auch Absicht. Denn Hattke ist in Dresden fast so bekannt wie Lutz Bachmann. Der Unterschied: Bachmann hetzt gegen Flüchtlinge, Hattke setzt sich für sie ein. Dafür wird der 25-Jährige von Pegida-Anhängern verachtet und von Neonazis bedroht.

Hattke ist ein Philosophie-Student mit Zahnspange und bartlosem Gesicht. Zu einer Person des öffentlichen Lebens wurde er am 8. Dezember 2014.

Es war die Phase von Pegida, in der sich nicht mehr nur ein paar Hundert, sondern einige Tausend Menschen allmontäglich trafen, um fahnenschwenkend durch die Stadt zu ziehen. Auch außerhalb Sachsens begriff man zu dieser Zeit, dass sich diese Gruppe grummeliger Ostdeutscher nicht so schnell müde laufen würde.

Hattke spürte, wie Pegida die Stimmung in der Stadt vergiftete, und sah, dass viele Studenten nichts dagegen taten. "Das macht eine Demokratie kaputt", sagt Hattke. Es sei schlimm, wenn Menschen sich gleichgültig verhielten, obwohl sie anders dächten.

Deshalb setzte er sich an seinen Computer und schrieb eine E-Mail. Hattke verantwortete damals im Studentenrat die Öffentlichkeitsarbeit, dadurch hatte er einen mächtigen Hebel: den Mail-Verteiler der Hochschule.

In einem 600-Wörter-Pamphlet rief er die Studenten dazu auf, auf die Straße zu gehen. "Was Pegida fordert und unterstützt, ist und bleibt Gewalt gegen Menschen. Zeigt, dass nicht ganz Dresden so denkt wie Pegida", schrieb er. Dann drückte er auf Senden. Empfänger: alle 35.000 Studenten der TU Dresden.

Drei Tage später, am 8. Dezember, zogen 10.000 Pegida-Anhänger durch die Stadt, fast doppelt so viele wie in der Woche zuvor. Erstmals jedoch trafen sie auf 9.000 Gegendemonstranten, unter ihnen Tausende Studenten. Jetzt wussten die Dresdner, wer Hattke war.

Respekt vor einem Bubi

Frühstück auf dem Dresdner Altmarkt. Hattke mag keinen Kaffee, er gießt das zweite Päckchen Capri-Sonne ins Saftglas und schneidet ein Stück vom Pizzabrötchen ab. Was da vor ihm steht, könnte das Frühstück eines Schuljungen sein. Hattke schaut immer wieder vom Teller auf und scannt die Umgebung.

Dadurch, sagt er, fallen ihm Leute auf, die ihm gefährlich werden könnten, bevor sie ihn erkennen. Ein Mittfünfziger-Pärchen außerhalb der Hörweite zeigt auf ihn. Sie tuscheln, runzeln die Stirn. Hattke erwidert den Blick, lächelt und winkt.

"Auf den ersten Blick sehe ich aus wie ein Bubi", sagt er. Er wisse, wie seine Zahnspange und die schmalen Schultern auf andere wirken. Wenn er vom Friseur oder der Saturn-Verkäuferin geduzt wird, ärgert ihn das. Trifft er Gleichaltrige zum ersten Mal, fragt er lieber zwei Mal, ob man eigentlich per Du sei oder per Sie. "Viele sprechen mir den Respekt ab, weil ich so jung aussehe", sagt Hattke.

Mit der Öffentlichkeit kamen die Drohungen

Durch den Demo-Erfolg im Dezember 2014 hat sich Hattkes Leben radikal geändert. Beim Netzwerk Dresden für Alle wurde er Sprecher, mit anderen Engagierten organisierte er ein multikulturelles Abendessen auf dem Altmarkt, Monate später ein Sportevent, um für eine Flüchtlingsambulanz Spenden zu sammeln. Und mit der Öffentlichkeit kamen die Drohungen.

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