In Bayern rühmte ich mich als Hippie und Revoluzzerin, in Jena bin ich die Quoten-Konservative. Mit meinem Pseudorebellentum kann ich hier niemanden beeindrucken.

In meiner Schule war ich der Hippie der Jahrgangsstufe. Mit meinen Fairtrade-T-Shirts, einem Palästinensertuch um den Hals und ein paar selbstorganisierten Demonstrationen gegen Atomkraft fühlte ich mich wie eine echte Revoluzzerin. Zugegeben, die Konkurrenz war auch nicht groß, denn als Vegetarierin galt ich schon als Exotin.

Mein linkes Image gefiel mir: Ich kam mir aufmüpfig vor und stand jeden Morgen in dem Glauben auf, die Welt zu bewegen. Dass mein Protest damals ein Sturm im Wasserglas war, störte mich nicht, denn es fiel mir gar nicht auf. Ich hörte Punk und identifizierte mich mit den wütenden Lyrics – obwohl ich die Musik nur dann laut aufdrehte, wenn ich Kopfhörer trug, aus Sorge, meine Eltern könnten die blasphemischen Zeilen hören.

Sogar mit den Autoritäten legte ich mich an: Einmal beklagte sich der stellvertretende Schulleiter bei mir. Auf den Plakaten für die Unterstufenparty, die ich mitorganisierte – Motto: Flower-Power – waren Peace-Zeichen abgedruckt. In seinen Augen verstieß das gegen die politische Neutralität der Schule. Um die Plakate trotzdem aufhängen zu dürfen, schrieben meine Mitschüler und ich unter jedes Peace-Zeichen: "Dieses Symbol ist parteiunabhängig und soll keine politische Ideologie propagieren." Mein Sarkasmus erschien mir als die wildeste Form des Protests, Steine wurden meiner Meinung nach nur in Fernsehserien geworfen.

Bei der Abstimmung für die Abizeitung wurde ich in der Kategorie "Rettet die Welt" gewählt. Mit dieser Krönung meines Rebellen-Daseins verließ ich wohlgemut meine CSU-wählende Heimat und zog nach Jena, in der Erwartung, dort links unter Linken zu sein.

Stattdessen wurde ich von der Quoten-Linken zur Quoten-Konservativen.

In Bayern links zu sein ist leicht – die Stadt Jena stellt deutlich höhere Ansprüche. Ihr Wesen ist von der linken Studentenkultur geprägt: Alle sind links, vom hoch engagierten SPD-Bürgermeister bis zum Stadtjugendpfarrer, der mit seinem Rauschebart aussieht wie Karl Marx und auf jeder Anti-Nazi-Demo wie dieser predigt.

In Thüringen wurde mit Bodo Ramelow der erste Ministerpräsident der Linken in Deutschland gewählt. In Jena versteht man, woher die Stimmen für ihn kamen. Hier kann es vorkommen, dass einem fremde Leute spontan beim Umzug helfen, und wenn man sich bedankt, klopfen sie einem auf die Schulter und sagen: "Solidarität ist eine Waffe!"

Mit meinem Pseudorebellentum konnte ich hier niemanden beeindrucken. Ich hatte schon verloren, weil ich aus dem Bundesland Seehofers kam. In den vier Jahren, die ich nun in Jena lebe, habe ich keinen Tag ohne Bayernwitz erlebt. Als ich kürzlich einem Freund von meinem Schulleiter erzählte, kommentierte er trocken: "Wegen deiner Geschichten stelle ich mir Bayern inzwischen wie Saudi-Arabien vor."

In Diskussionen mit Kommilitonen bin meist ich diejenige, die vergleichsweise konservativ argumentiert. Den Begriff Politik definierte ein Mitstudent in einem Seminar mit: "Politik ist der Kampf zwischen den Klassen." Ich schlug stattdessen eine Definition von Carl Schmitt vor, der mit der NSDAP sympathisierte, aber einige wichtige Anstöße für die Politikwissenschaft lieferte. Ich hätte genauso gut Hitler selbst zitieren können, die Reaktionen wären nicht empörter ausgefallen.

Meine Ansichten, mit denen ich früher Konservative provozierte, galten nun als provozierend konservativ. Erzähle ich in Jena, dass ich Vegetarierin bin, fragen mich die Leute, warum ich nicht vegan lebe. In Bayern war alles links von der CSU schon alternativ, in Jena werden hitzige Debatten darüber geführt, ob die Linkspartei links genug ist.

Dadurch begann ich, an meiner politischen Identität zu zweifeln: Zuvor konnte ich meine Haltung bequem unter dem Schlagwort "links" zusammenfassen, nun fühlte ich mich ideologisch obdachlos.