Früher: Bin mal eben Zigaretten holen. Heute: WhatsApp-Nachrichten werden gelesen, aber nie beantwortet. Eine Betroffene und ein Ghost über das Ende ohne Abschied

Es gibt Regeln, die stehen nicht im Knigge und trotzdem sind sich alle einig. Finger weg von den Ex-Partnern guter Freunde zum Beispiel. Und: Personen, mit denen man Betten, Geheimnisse oder Zahnbürsten teilt, ist man eine Erklärung schuldig, wenn man diese Dinge künftig nicht mehr mit ihnen teilen möchte. Mindestens aber eine SMS oder einen Abschiedsbrief.

Trotzdem gibt es sie: die Verlobten, die sich ohne Erklärung ins Ausland absetzen, die Kommilitonen, die einfach nicht mehr auf WhatsApp-Nachrichten antworten und in keiner Vorlesung mehr auftauchen. Oder die guten Freunde, die sich ohne Erklärung neue gute Freunde suchen.

Weil sich die Verlassenen so fühlen, als habe sich ihr Gegenüber wie ein Geist in Luft aufgelöst oder womöglich nie wirklich existiert, nennen die Amerikaner das Phänomen ghosting. Seit 2015 steht ghosting als feststehender Begriff im englischen Wörterbuch Collins. Die Erläuterung: Das Beenden einer Beziehung durch den plötzlichen Kontaktabbruch. Zusätzliche Info: Auch Sean Penn soll schon Opfer geworden sein.

Verschwunden sind Menschen zwar auch früher schon ("Ich bin mal eben Zigaretten holen"). Das unverfängliche Kennenlernen über Onlinedatingportale, vermuten Experten, begünstige das Verschwinden ohne Abschiedsgruß. Trotzdem ist längst nicht jede Ghosting-Geschichte eine, die online begonnen hat. 

Eine Betroffene und ein Ghost erzählen vom Ende ohne Abschied:

Claudia*, 32, Studentin in Regensburg

Unser letzter Abend zusammen war auch der schönste. Es war der Sommer vor zwei Jahren. Seit vier Monaten haben Christian und ich uns regelmäßig getroffen und endlich durfte ich beim heiligen Fußballgucken dabei sein. Wir waren in seiner Wohnung in Regensburg, der Abend war ausgelassen. Nach dem Spiel hat er mich gepackt, hat mich zu sich auf den Schoß gezogen und mir gesagt, dass er mich lieb hat. Ich habe noch bei ihm übernachtet und dann habe ich ihn nie wiedergesehen.

Wir haben uns auf einem Onlinedatingportal kennengelernt. Klar, da ist halt alles ein bisschen unverbindlicher, weiß ich ja auch, aber wir waren schon weit darüber hinaus. Wir haben uns jedes Wochenende gesehen und unter der Woche haben wir uns auf WhatsApp geschrieben. Ich habe seine Mutter kennengelernt, war bei ihm zu Hause, wir haben geknutscht, miteinander geschlafen – alles wie in einer Beziehung, nur genannt haben wir es so nicht.

Als er sich nach diesem Wochenende nicht gemeldet hat, habe ich mir erst mal gar keine Sorgen gemacht. Da war ich noch sicher, dass er mal wieder Stress auf der Arbeit hat. Meistens hat er sich nach so einer kurzen Funkstille dann entschuldigt und irgendeine Anekdote erzählt.