Denk positiv, trink Smoothies und mach Yoga, während der Planet brennt. Wenn du dich schlecht fühlst, bist du das Problem. Kann diese Wellness-Ideologie schaden? Ja.

You can read the English Version on "The Baffler", where this article was originally published.

Der späte Kapitalismus ist wie die Liebe deines Lebens: Er sieht um einiges weniger trostlos aus, wenn du ihn durch einen Instagram-Filter betrachtest.

Der Generationenvertrag bricht langsam in sich zusammen und so entsteht dieser moderne Wahn nach sauberem Essen, gesundem Leben, persönlicher Produktivität und der "radikalen Selbstliebe" – unserem Beharren darauf, trotz aller Widersprüche ein sinnhaftes Dasein führen zu können, indem wir nur positiv nach vorne blicken, unserem Glück folgen und ein paar Kniesehnen strecken, während der Planet brennt.

Selbstliebe ist leider noch keine Währung, die Vermieter als Miete akzeptieren.

Je angsteinflößender die wirtschaftliche Zukunft wirkt, desto öfter geht es in der öffentlichen Debatte um individuelle Erfüllung, als wäre das ein verzweifelter Versuch, uns einzureden, dass wir noch Kontrolle über unser Leben hätten.

Coca-Cola ermuntert uns dazu, "Glück zu wählen". Politiker nehmen sich Auszeiten, während die Demokratie in Schutt und Trümmern liegt. Lifestyle-Blogger behaupten vor Hunderttausenden Followern, dass Freiheit erreicht ist, wenn eine weiße Frau alleine Yoga am Strand macht. Ein solches Bild (siehe @selflovemantras auf Instagram) sagt uns: "Je inniger deine Selbstliebe ist, desto reicher bist du." Das ist ein charmantes Gefühl, aber Selbstliebe ist leider noch keine Währung, die Vermieter als Miete akzeptieren.

Kann all dieses positive Denken also schaden? Carl Cederström und André Spicer, Autoren des Buchs The Wellness Syndrom, sind davon überzeugt. Sie argumentieren, dass versessene Rituale zur Selbstsorge auf Kosten des gemeinschaftlichen Engagements gehen. So wird jedes soziale Problem zu einer persönlichen Frage. "Wellness", sagen sie, "wurde zur Ideologie."

Der Anspruch, dass Selbstliebe mit der richtigen Einstellung jederzeit möglich ist, hat eine offensichtliche politische Komponente. Einige Monate, nachdem er zum Führer der bis dato rechtesten Regierung der jüngeren britischen Geschichte gewählt wurde, begann David Cameron, Joghurt-Werbegesicht und einstiger PR-Mann, die unglückselige "Glücksagenda".

Sie wäre vielleicht besser angekommen, wenn der damalige Premier sich nicht gleichzeitig für einen radikalen Abbau von medizinischer Versorgung, Sozialhilfen und höherer Bildung eingesetzt hätte – also genau jenen Strukturen, die einfache Briten brauchen, um ihr Leben zu bewältigen. Dank Camerons Änderungen im Sozialhilfesystem wurde Arbeitslosigkeit zur psychischen Krankheit. Wir befinden uns in der längsten und schlimmsten Rezession der Geschichte – dennoch sollten laut einer Studie in der Zeitschrift Medical Humanities Arbeitslose ihren "psychischen Widerstand" behandeln, indem sie Kurse besuchen, die ihnen helfen, ihrer Verelendung positiver gegenüber zu stehen. Sie bekommen eine SMS nach der anderen, die sie darin belehrt, "dem Leben mit einem Lächeln zu begegnen". Erfolg sei "die einzige Option".