Er begann als Praktikant mit 2.000 Euro im Monat, schon am dritten Tag verrieten ihm seine Kollegen sein künftiges Gehalt. Das Gehaltsprotokoll eines Unternehmensberaters

Name: anonym
Alter: 26
Position: Strategieentwicklung
Branche: Medien
Unternehmensgröße: zwischen 4.000 und 5.000 Mitarbeiter

"Nach meinem Studium bin ich den Kommerzweg gegangen: Ich wollte in die Unternehmensberatung und bewarb mich für verschiedene Praktika. Am Ende bekam ich drei Zusagen und entschied mich für eine Stelle, die mich thematisch am meisten interessierte. Das Gehalt stand schon in den Angebotsunterlagen drin: 2.000 Euro im Monat. Groß verhandeln konnte ich nicht. So wichtig war mir das aber nicht. Ich wusste, es war nur ein Praktikum. 

Meine neuen Arbeitskollegen haben von Anfang an ganz offen über ihr Gehalt gesprochen. Gleich am dritten Arbeitstag kam ein Kollege auf mich zu und sagte mir, wie viel man dort verdient. Das hat mich überrascht. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Leute von Anfang an so ehrlich mit dem Thema umgehen. Für Praktikanten ist das total hilfreich. Jetzt wusste ich, was mich erwartet, falls ich übernommen werde. Irgendwann habe ich auch mit anderen Mitarbeitern darüber gesprochen – die meisten waren in meinem Alter. Große Unterschiede gab es bei ihren Gehältern nicht. Die älteren Kollegen waren viel verschwiegener.

Es nützt auch nichts, sich mit einem Profifußballer zu vergleichen.

Sechs Wochen bevor mein Praktikum endete, bot mir die Firma eine Festanstellung an. Ich sagte zu. Die Projekte gefielen mir und mit den Leuten kam ich gut zurecht. Mein Einstiegsgehalt konnte ich nicht wirklich bestimmen. Fast alle bekamen 55.000 Euro im Jahr. Waren die Leistungen gut, konnte es alle sechs Monate eine Gehaltserhöhung geben. Dafür traf ich mich mit meinem Chef und sollte meine Arbeit einschätzen: Was lief gut? Was nicht? Dann bekam ich Feedback und wurde gegebenenfalls befördert. Unter Druck hat mich das nicht gesetzt, sondern eher angespornt. Ich wollte schnell Karriere machen, mehr Verantwortung übernehmen und Projekte leiten. Die Gehaltserhöhungen waren ein schöner Nebeneffekt.

Großen Verhandlungsspielraum beim Gehalt gab es nicht, das haben die meisten Erfahrungen der Kollegen gezeigt. Ich wusste, es gab strikte Hierarchien. Man muss zum Berufseinstieg realistisch bleiben. Warum sollte ich am Anfang meiner Karriere mehr verdienen als andere Menschen in meiner Firma, die schon länger dort arbeiten? Ich habe gerade mal einen Uniabschluss, die schon ein paar Jahre Berufserfahrungen. Es nützt auch nichts, sich mit einem Profifußballer zu vergleichen oder einem Lehrer. Das Gehalt hängt von der Ausbildung und Branche ab.

Unternehmensberatung bedeutete auch: 55 bis 65 Stunden pro Woche arbeiten. Um neun Uhr kam ich ins Büro und blieb bis acht, manchmal zehn Uhr abends. Wenn es eine wichtige Deadline gab, saßen wir bis tief in die Nacht da und gingen erst um vier Uhr morgens nach Hause. Solche Arbeitszeiten sind in der Branche normal. Nach fast drei Jahren wurde mir die Spätschichten zu viel – vor kurzem habe ich gekündigt.

Seitdem arbeite ich bei einem Medienkonzern in der Strategieentwicklung. Hier redet keiner über sein Gehalt. Ich weiß nicht, wie viel meine Kollegen verdienen. Würde ich es erfahren, könnte das unangenehm sein: Entweder mein Kollege verdient viel weniger und fragt sich, warum. Oder ich merke, dass ich mich völlig unter meinem Wert verkauft habe und bin sauer.

Bei der Gehaltsverhandlung wurde mir ein Jahresgehalt von 80.000 Euro angeboten. Das war weniger als bei meiner alten Firma, wo ich zum Schluss fast 90.000 verdient habe. Weniger Geld als vorher wollte ich nicht unbedingt bekommen. Nach einer kurzen Verhandlung habe ich mit meinem neuen Arbeitgeber einen Kompromiss ausgehandelt: Jetzt kriege ich ein fixes und ein variables Gehalt. Letzteres hängt von meiner Leistung ab und wird am Ende des Jahres ausgeschüttet. Dadurch verdiene ich im Prinzip genauso viel wie in meinem alten Job.