Früher wollte ich die Welt verändern, der Friedensnobelpreis war mein Lebensziel. Außer mich selbst änderte ich nichts. Aber ich darf nicht aufgeben.

"Aktivismus? Ich engagiere mich nicht mehr. Seit zwei Jahren versuche ich, emotional zu überleben", sagte eine Kommilitonin kürzlich zu mir. Wir sprachen darüber, wofür wir stehen und kämpfen wollen, und merkten: Wir fühlen uns ohnmächtig.

Ohnmacht ist genau das richtige Wort.

Ich schrieb einen kleinen pinken Klebezettel und klebte ihn über meinen Schreibtisch. Direkt über meinen Laptop. Dahin, wo ich ihn ständig sehen kann, sobald ich meinen Blick von den Nachrichten, die über den Bildschirm flackern, hebe: "Generation Ohnmacht". Zur Erinnerung an ein Gefühl, das unsere Generation ausmacht, das ich gut kenne und dem ich nicht verfallen will. Ohnmacht ist genau das richtige Wort.

 
In der Schulzeit leistete ich "politischen Widerstand", indem ich gegen Lehrer und Lehrerinnen im Klassenraum kämpfte, die für mich der Inbegriff von Spießigkeit und Ungerechtigkeit waren, mir den Friedensnobelpreis als Lebensziel setzte und aufgeregt und voller Tatendrang meinem Freiwilligendienst in einem Krankenhaus im ostafrikanischen Tansania entgegenblickte. Denn dort würde ich die Welt verändern, ganz sicher.

Ich stand im Supermarkt und brach in Tränen aus

Ein Jahr später kehrte ich nach Deutschland zurück, mit dem Gefühl, einen Teil der Welt nun "Zuhause" zu nennen, der allen anderen egal schien. Nichts hatte ich verändert – außer mich selbst. Ich stand im Supermarkt und brach in Tränen aus, weil ich mich nicht zwischen 20 Spaghettisorten entscheiden konnte.

Ich erzählte, ich hätte gerade das beste Jahr meines Lebens gelebt. Dabei war ich instabil wie nie zuvor.

Ich brach in Tränen aus, als ich in nach nichts schmeckende Bananen biss, rassistische Witze hörte und die Nachrichten sah. Ich erzählte allen, dass ich gerade das beste Jahr meines Lebens gelebt hatte. Dabei war ich instabil wie noch nie zuvor. Ich suchte lange nach einem Wort für dieses Gefühl. Irgendwann wurde es: Ohnmacht.

Ohnmacht im Angesicht all der Möglichkeiten, die ich hatte – und andere nicht. Die Ohnmacht des Wissens, dass ich ganz alleine nichts daran ändern würde. Es interessierte Coca Cola nicht, ob ich sie boykottierte. Es war egal, ob ich meinen Fernseher auf den Sperrmüll stelle. Dass ich Millionen von Petitionen unterschreiben könnte und sich trotzdem nichts ändern würde.