Alkohol ist der Instagram-Filter, den die moderne Frau über ihr Leben legt. Mit einem Scotch in der Hand wirkt sie kühn – während sie sich das Patriarchat schöntrinkt.

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Seit kurzer Zeit bin ich trocken und rudere durch den Alkohol, der mich allgegenwärtig umgibt. Es ist Sommer und Whole Foods hat seine Läden mit Rosé gepflastert. Rosé schmeckt toll mit Fisch! Und mit Erdbeeren! Und mit veganem Proteinpulver! (Okay, Letzteres habe ich mir ausgedacht.) 

Auf einer Geschäftsreise wappne ich mich für die von der Firma gesponserte Weinprobe. Nicht hinzugehen, ist keine Option. Mein Plan ist, mit einem Glas Soda und Limette durch den Raum zu wandern, sicherzugehen, dass die fünf Leute, denen diese Veranstaltungen wichtig sind, mich sehen und dann zu gehen, bevor die Sache zu ausschweifend wird. Sechs Weine und vier Biersorten gibt es am Catering-Stand zur Auswahl. Ich frage nach Wasser mit Kohlensäure und bekomme einen ausdruckslosen Blick. Okay, dann vielleicht Wasser? Die Barkeeperin grinst entschuldigend. "Ich glaube, in der Lobby gibt’s einen Wasserspender", sagt sie.

Den gibt es tatsächlich. Aber er ist kaputt. 15 Minuten lang mische ich mich mit leeren Händen unter meine Kollegen und wehre gut gemeinte Angebote ab, mir etwas von der Bar zu holen. Beim fünften Mal wird mir klar, dass ich in Tränen ausbrechen werde, sollte mir noch eine einzige Person Alkohol anbieten. Ich gehe und weine ohnehin. Später bestelle ich beim Zimmerservice Vanilleeis, um mich aufzuheitern.

"Die Leute lieben dieses Eis mit einem Schuss Bourbon", sagt die Person, die meine Bestellung entgegennimmt. "Möchten Sie sich nicht ein bisschen was gönnen?"

Doppelt und dreifach besoffen

Das ist der Sommer, in dem mir klar wird, dass alle um mich herum besoffen sind. Aber es dämmert mir auch, dass die Frauen um mich herum doppelt und dreifach besoffen sind – eine moderne, urbane Frau zu sein, bedeutet anscheinend, viel zu trinken. Das ist keine neue Idee – fragt mal die Protagonistinnen von Sex and the City.

Und wenn es keine akzeptable Weise gibt, zu sein, was man ist, dann trinken manche Frauen vielleicht mal ein bisschen. Oder sehr viel.

Eine Frau mit einem Single-Malt-Scotch ist kühn und anspruchsvoll und verbannt dich wahrscheinlich aus ihrem Leben, wenn du ihr blöd kommst. Eine Frau mit PBR-Bier ist cool und schämt sich nicht fürs Rülpsen. Eine Frau, die MommyJuice-Wein trinkt, zeigt damit, dass sie mehr ist, als der unbezahlte Job, den sie geboren hat. Was Frauen trinken steht für Freizeit, für Konversation und dafür, sich um sich selbst zu kümmern – ihr wisst schon, Luxus, den wir uns eigentlich nicht leisten können. Wieso ist mir das vorher nie aufgefallen?, frage ich mich. Du warst zu besoffen, antworte ich mir. Aber in diesem Sommer sehe ich klar. Ich erkenne, dass Alkohol das Öl in unseren Motoren ist; das, was uns zum Schnurren bringt, wenn wir eigentlich andere Geräusche von uns geben wollen.

Auf jeden Fall Wein

An einem Tag in diesem Sommer trage ich denkbar unpraktische (aber süße, so süße) Schuhe und stolpere auf dem Bauernmarkt, zerschmettere mein Handydisplay, versaue mit meinen blutigen Knien meine Lieblingsjeans und schürfe mir die Handflächen auf. Natürlich poste ich das bei Facebook, sobald ich mich wieder aufgerappelt habe. Drei Frauen, die nicht wissen, dass ich mit dem Trinken aufgehört habe, kommentieren in Windeseile:

"Wein. Sofort."

"Verkaufen die da auch Wein?"

"Auf jeden Fall Wein. Und vielleicht neue Schuhe."

Habe ich erwähnt, dass es morgens ist? An einem Wochentag? Das ist kein nächtlicher Bauernmarkt. Und diese Frauen sind nicht die Art von mitgenommenen, unterdrückten Kreaturen, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie trinken, um den Tag zu überstehen. Sie sind ziemlich cool, die Sorte Mensch, über deren First-World-Problems man sich lustig macht. Warum müssen die trinken?

Vielleicht weil selbst coole Frauen Frauen sind. Und es gibt keinen einfachen Weg, eine Frau zu sein. Denn, wie ihr vielleicht gemerkt habt, gibt es keinen akzeptablen Weg, eine Frau zu sein. Und wenn es keine akzeptable Weise gibt, zu sein, was man ist, dann trinken manche Frauen vielleicht mal ein bisschen. Oder sehr viel.

Wir brauchen eine Frau

Ein Jahr bevor ich trocken werde, bittet man mich, DIE Frau bei einer Expertengruppe meiner Firma zu sein. (Der Pitch war tatsächlich: "Wir brauchen eine Frau.") Drei Männer und ich erzählen Sommerpraktikanten von Unternehmenskultur. Im Publikum sind zwei Praktikantinnen und als die Zeit für Fragen gekommen ist, sagt die eine:

"Ich habe gehört, dass es hier für Frauen schwierig sein kann, Erfolg zu haben. Können Sie mir erzählen, wie es für Sie war?"

Als DIE Frau gehe ich davon aus, dass die Frage an mich gerichtet ist. "Wenn du zäh und hartnäckig bist und dir ein dickes Fell anziehst, wirst du deinen Weg finden", sage ich. "Ich habe das auch geschafft."

Ich sage ihr nicht, dass sie sich an ständigen Unterbrechungen, Unsichtbarkeit, Mikro-Aggression, fehlenden Vorbildern und ihrer eigenen lebenslangen Konditionierung vorbei arbeiten muss. Mein Job bei dieser Veranstaltung ist, meine Firma gut zu präsentieren, also lasse ich ein paar Sachen aus. Vor allem den Fakt, dass ich jeden Abend mindestens eine Flasche Wein trinke, um den Tag von mir zu waschen.

Aber sie ist eine Frau. Sie hat wahrscheinlich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, bevor sie überhaupt lesen konnte. Sie dankt mir und setzt sich wieder.

"Ich bin da anderer Meinung", sagt der Mann neben mir. "Ich finde, wir sind eine tolle Firma für Frauen."

Wie von allein öffnet sich mein Mund ein Stück.

Der Mann neben ihm nickt. "Absolut", sagt er. "In meinem Team sind zwei Frauen und sie verstehen sich super mit allen."

Natürlich, denke ich, sage aber nichts. Das nennt man Tarnung.

Typ Nummer 1 fährt fort: "In meinem Team ist eine Frau, die letztes Jahr ein Kind bekommen hat. Sie ist in Mutterschutz gegangen, wiedergekommen, und ihr geht’s gut. Wir unterstützen Mütter."

Typ Nummer 3 steigt ein, damit wir auch wirklich 100 Prozent männliche Einschätzung zum Thema bekommen: "Das Ding ist", sagt er, "dass wir hier leistungsorientiert sind. Und Leistung kennt kein Geschlecht." Er lächelt mich an und ich starre zurück. Kurz davor, diese Veranstaltung für meine eigene Agenda an mich zu reißen, kann ich nur stilles Unheil bieten. Aber sein Lächeln zittert; ich weiß, dass ich eine Schicht seiner Selbstgefälligkeit durchdrungen habe.

Wir haben’s geschafft. Das ist das gute Leben. Nichts muss sich ändern.

Was soll ein Mädchen machen, wenn ein Haufen Typen ihr gerade vor Publikum gesagt hat, dass sie keine Ahnung davon hat, wie es ist, sie selbst zu sein? Ich könnte sie auf einen Kaffee einladen, jeden einzeln, und ihnen erzählen, wie sich das angefühlt hat. Sie würden vielleicht sogar zuhören. Ich könnte den Organisatoren sagen, dass das der Grund ist, warum man niemals nur eine von uns auf der Bühne haben sollte. Ich könnte mir ein Superheldenkostüm kaufen und den Rest meines Lebens der Rache an Mansplainern widmen.

Stattdessen trommele ich ein paar Freundinnen zusammen und wir geben viel zu viel Geld in einer Hipsterbar aus, wo wir Manhattans trinken, Tapas essen und über die letzten blöden, absolut nicht geschlechterblinden Dinge reden, die uns in Meetings, auf Geschäftsreisen und in Feedbackgesprächen passiert sind. Sie stoßen auf mich an, weil ich ein Opfer für die Gemeinschaft der Frauen erbracht habe. Und als wir uns gut und taub fühlen, nehmen wir ein Uber nach Hause und denken: Guckt euch an, was wir alles erreicht haben! Diese Bar mit den schönen Lichtern. Das Essen in Miniaturform. Dieses schwarze Auto mit Chauffeur. Wir sind zäh genug, damit klarzukommen, dass man uns jeden Tag ignoriert und unterbricht und unterschätzt, und lachen einfach gemeinsam darüber. Wir haben’s geschafft. Das ist das gute Leben. Nichts muss sich ändern.