It's a match: Die Dating-App Tinder ist im Berliner Wahlkampf angekommen. Da präsentieren sich sowohl der schwule SPD-Kandidat als auch der verheiratete CDU-Politiker.

Alexander, 29, ist anders als die anderen Singles auf Tinder. Kein geölter Bizeps, kein Schlafzimmerblick, keine lässige Zigarette im Sonnenuntergang.

Alexander Freier-Winterwerb trägt Wahlkampf-Lächeln, dazu ein helles Hemd und ein dunkles Jackett. Rechts oben verrät die Zeile spd.berlin.de worum es ihm wirklich geht: Im September will der 29 Jahre alte Student für die SPD ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. Dafür braucht er Stimmen, auch die der Jungen. Schließlich ist Berlin voll davon.

Wischt man sich tiefer in Freier-Winterwerbs Profil hinein, erfährt man weniger über ihn, mehr über seine Themen: "Berlin... bleibt schwul" steht da auf blauem Hintergrund und auf der nächsten Kachel weiß auf lila Freier-Winterwerbs private Telefon-Nummer und seine E-Mail-Adresse. Politik auf Augenhöhe, lautet sein Wahlspruch und deshalb hängen auch seine Plakate ein weniger tiefer als die meisten.

Die Botschaft auf Tinder ist dieselbe: Sprich mit mir, wähl mich.

Nur erreichen will er auf der Dating-Plattform jemand anderen als mit seinen Plakaten: die, die statt Häkchen in der Wahlkabine lieber Likes in sozialen Netzwerken setzen. Die Generation Y, angeblich so freiheitsliebend wie unpolitisch, geboren zwischen 1980 und 1995, gehört nicht zur Kernklientel der meisten Politiker: Sie sind nicht nur wenige, sondern auch nur schwer zum Wählen zu motivieren. Bei der vergangenen Bundestagswahl 2013 gingen die 18- bis 39-Jährigen unterdurchschnittlich häufig wählen.

Super, da habe heute noch ich in der Zeitung von dir gelesen und jetzt sind wir ein Match.
Wähler

Welche Konsequenzen das haben kann, hat im Juni ganz Europa mit ungläubigen Augen verfolgt, als die mehrheitlich ergraute Wählerschaft Großbritanniens sich von einem Tag auf den anderen aus der EU wählte. Das im Nachhinein erkannte Dilemma: Die Mehrheit der unter 25-Jährigen stimmte zwar für den Verbleib in der EU. Doch nur eine Minderheit der Jungen stimmte überhaupt ab. 

"Bei den älteren Wählern weiß ich genau, wo ich sie treffe. In der Fußgänger-Zone oder bei uns am Wahlstand", sagt Freier-Winterwerb, mit  29 Jahren selbst noch einer der jungen Kandidaten. Die Jungen aber seien schwer zu erreichen. "Deshalb wollte ich einfach mal etwas anderes ausprobieren", sagt Freier-Winterwerb. Die Wähler dort abholen, wo sie sind, heißt das im Politiker-Sprech.

Damit ist Freier-Winterwerb nicht der Erste. Auch in der Schweiz, Großbritannien und den USA haben Politiker schon versucht, über die Dating-App Wählerstimmen zu gewinnen. In Berlin können Nutzer außerdem zum Beispiel den CDU-Politiker Florian Nöll (33, zwei Kinder und verheiratet) beim Tindern finden.

Potenziell gibt es auf der App viel zu holen. Etwa zwei Millionen Nutzer zählte die amerikanische Dating-Plattform Anfang 2016 in Deutschland,  das Durchschnittsalter knapp unter 25. Hier trifft sich eine Schnittmenge von unterschiedlichen jungen Menschen, wie man sie vermutlich in keinem Berliner Club treffen würde. Die Sportlichen, die Zocker, die in Ausbildung, die mit Abitur, die mit Hund, die mit Katzenhaarallergie, DJs genauso wie Unternehmensberater.

Manchmal, deutlich seltener, geht es auch um Politik, um Kita-Plätze, die Jugendarbeit in Treptow oder die Demokratie im Allgemeinen.

Alexander Freier-Winterwerb ist zufrieden mit seiner Ausbeute: Über 600 Matches hat er schon gesammelt, etwa jeder zehnte Nutzer schreibt ihm auch. Flirtversuche gebe es zwar, die moderiere er aber schnell ab. Einen Freund hat Freier-Winterwerb, er ist auf der Suche nach Wählerherzen. Und erntet dafür vor allem Zuspruch, sagt er: "Super, da habe heute noch ich in der Zeitung von dir gelesen und jetzt sind wir ein Match."

Manchmal, deutlich seltener, geht es auch um Politik, um Kita-Plätze, die Jugendarbeit in Treptow oder die Demokratie im Allgemeinen. Neulich habe ihn ein junger Mann aus dem Irak auf Tinder angeschrieben und fragte: "Ich würde mich gerne in der SPD einbringen, darf ich das denn?" Freier-Winterwerb erklärte ihm im Chat wie das geht, mittlerweile sei der junge Iraker SPD-Mitglied. "So’ne Geschichten passieren da",  erzählt Freier-Winterwerb gut gelaunt und kommt dabei ins Berlinern.

Ist das mehr als ein PR-Gag? Kann man Mittzwanziger, die sich primär für den Oberkörper des anderen Geschlechts interessieren zum Wählen bewegen, indem man sich auf deren Display zwischen potenzielle One-Night-Stands drängelt?

"Wahlkampf auf Tinder zu machen, hat einen Überraschungsmoment", sagt Kay Hinz, Wahlkampfforscher an der Universität Düsseldorf. Wie jede gute Guerilla-Aktion lebe sie auch davon, dass traditionelle Medien darüber berichten. Auf den ersten Blick also ein Erfolg: Freier-Winterwerb erfährt durch seinen Auftritt große Aufmerksamkeit.