Gelsenkirchen ist der härteste Ort, um jung und links zu sein. Taner Ünalgan schüttelt für die SPD Hände in Altersheimen und trägt Anzug. Mit 23. Ja, genau.

Der Ultimaker 2 in der Gelsenkirchener Stadtbücherei druckt einen schwarzen Halter für Dartpfeile und Taner Ünalgan findet das toll. "Kann der auch ein SPD-Logo machen?" fragt er den Herrn, der ihm den neuen 3D-Drucker erklärt. "Ja, rot gibt es auch." Taner freut sich.

Taner ist Student. Und volle Kanne Kommunalpolitiker. Er sitzt als jüngster Stadtverordneter für die SPD im Gelsenkirchener Stadtrat. Mit 23 schüttelt er am Wochenende Hände im Altenheim und bläst Lufballons für ein Fest des Jugendclubs auf. An diesem Samstag geht er noch zum internationalen Kulturfest im Zeichen der Sardelle: Die Sardelle Hansi Hamsi erzählt in einem Theaterstück von ihrer aufregenden Reise von Gelsenkirchen ins Schwarze Meer und zurück.

Ja, genau.

Taner, findest du cool, was du machst? "Ich kann mir nichts Cooleres vorstellen, als sich dafür zu engagieren, etwas zu verbessern", sagt Taner.

Was für eine uncoole Antwort. Und was für eine arrogante Frage.

"Parteien sind out", sagt Wolfgang Merkel. "Die Parteien machen die Gesetze", sagt Taner.

Aber wer jung und links ist, will doch was anderes, oder? Junge Linke, sagt der Parteienforscher Wolfgang Merkel, engagieren sich lieber bei Amnesty International und Attac. "Parteien sind out", sagt Merkel.

"Die Parteien machen die Gesetze", sagt Taner. "Die angemessene Besteuerung von Spitzenverdienern wird im Bundestag beschlossen, nicht auf der Demo", sagt er. "Es gibt so ein Buch, Generation Beziehungsunfähig, oder so. Da geht es darum, dass die Leute angeblich keine Beziehungen mehr führen können. Das ist doch totaler Quatsch! Wenn ich jemanden liebe, dann bin ich mit der Person zusammen, fertig, aus." Es geht jetzt schon noch um die SPD? "Na klar, die Parallelen sind doch offensichtlich." 

Noch Fragen?

Schon.

Taner steht im Supermarkt. Im Zeitschriftenregel neben ihm fragt ZEIT Campus auf dem Titel: Wo will ich leben? – "In Gelsenkirchen", sagt Taner. Die Neon schreibt: Abhauen! – "Nö", sagt Taner. An diesem Freitagabend geht er auf ein Grillfest eines benachbarten Ortsvereins: Bratwurst mit Senf, kühles Bier und lauter karierte Kurzarmhemden mit Herren um die 60, die alle ein bisschen aussehen wie Peer Steinbrück. 

Tätowierte Rosen und Vormittagsbier

Gelsenkirchen liegt im Ruhrpott, riecht nach Fleischwurst am Bahnhof, rauchenden Rentnern mit tätowierten roten Rosen, nach fettigen Haaren und Vormittagsbier. Auf der Einkaufsstraße werden mehr Rollatoren als Kinderwagen geschoben, ein Straßenmusiker singt zur Gitarre "Forever young, I want to be forever young".

Echt? Hier?

"Ich finde es schön hier", sagt Taner, während er durch die Innenstadt spaziert. Er trägt weißes Hemd, glatt gebügelt, graues Sakko und Bundfaltenhose. Politikerrüstung. Im Knopfloch blitzt ein kleiner runder Anstecker mit dem blauen Logo der Stadt.

Taner sagt "Pattei" und "toller Tüpp", wenn er über jemanden spricht, der sich engagiert. Als er auf dem Bundesparteitag der SPD eine Rede hielt, sagten ihm drei Genossen, er hätte sich angehört wie Sigmar Gabriel, wenn man die Augen schloss. "Zum Glück haben sie gesagt, dass sie die Augen zu hatten."