In dieser WG werden nicht nur Putzpläne, sondern auch Businesspläne zusammen geschrieben. Zu Besuch bei fünf Hamburger Gründern, die ihre Wohnung zum Büro gemacht haben.

Jeden Morgen hat Manuel die Wahl: Arbeite ich heute lieber vom Stehtisch kaum zwei Meter vom eigenen Bett entfernt oder am Esstisch mit der Tageslichtlampe? Oder doch lieber mit dem Laptop in der Hängematte auf der Terrasse? An manchen Tagen wechselt Manuel Dingemann seinen Platz alle paar Stunden. Auf 180 Quadratmetern über einem Restaurant in der Hamburger Schanze teilt er sich mit vier anderen Selbstständigen nicht nur Kühlschrank und Badewanne, sondern auch Schreibtisch und Ideen. Seit einem Jahr leben die fünf Gründer in einem Co-Living-Projekt.

Jeder hier hat sein eigenes Baby, wie sie es nennen: Manuel, 30, produziert Videos für nachhaltige Unternehmen. Natalie, ebenfalls 30, vermarktet lokalen Apfelsaft, Lara, 27, schreibt Kinderbücher und will sich bald als PR-Beraterin selbstständig machen. Außerdem leben und arbeiten hier ein Schiffbauingenieur und eine Beraterin. Was alle fünf vereint: Sie lieben ihren Job, arbeiten viel und wollen dabei nicht alleine sein.

Co-Living kann man sich wie eine Bürogemeinschaft und eine Wohngemeinschaft unter einem Dach vorstellen. Co-Working für Fortgeschrittene. Manuel und die anderen haben einen Putzplan wie normale WGs, aber sie kommunizieren im Alltag über Slack wie normale Start-ups. Sie feiern am Wochenende Partys und beugen sich schon beim Frühstück gemeinsam über das Webdesign von Manuels neuer Homepage. Die Idee ist: Wer viel Zeit miteinander verbringt und ähnliche Ziele hat, kann sich besser unterstützen und weiterbringen.

Lara hatte das Skript für ihr Kinderbuch Anna Kaninchen und König Brokkoli schon seit Jahren in der Schublade, aber nie den Elan, sich um einen Verlag zu kümmern. Hier, wo es völlig normal ist, dass Konzepte geschrieben, Akquisen gemacht, Kunden gewonnen und verloren werden, hat sie das Projekt wieder in Angriff genommen und eine Illustratorin gefunden. Die Arbeit der anderen hat Lara ermutigt. "Und wenn ich sagen würde, ich möchte gerne ein Einhorn werden, dann doktorn wir hier so lange zusammen rum, bis ich ein Einhorn werde", sagt Lara und lacht. Auf dem Co-Living-Balkon bei Apfelsaft in den Sorten Boskop, Elstar und Holsteiner Cox darf man auch mal träumen.

Ihren Ursprung hat die Co-Living-Bewegung in Kalifornien. Eines der ersten Wohnprojekte ist das Rainbow Mansion,  das fünf NASA-Ingenieure 2006 in der Start-up-Hochburg Cupertino gegründet haben. Die Gemeinschaftsvilla hat sich seitdem zu einer elitären Brutstätte für Gründer, Kreative und Geeks entwickelt und ist Vorbild für Freiberufler, die sich nach mehr Gründergeist im Leben sehnen: Regelmäßig organisieren die Bewohner Hackathons, Pitching Wettbewerbe oder laden prominente Gastredner wie etwa den Apple-Mitbegründer Steve Wozniak ein.

Wie fast alle originellen Ideen aus Kalifornien hat die Co-Living-Idee Nachahmer in Europa gefunden. In Kopenhagen haben sich 21 junge Unternehmer vor zwei Jahren ein "Nest" geschaffen, so nennen sie die vier Wohnungen und vier Gemeinschaftsräume zum Schlafen und Arbeiten. In Berlin gibt es Wohngemeinschaften speziell für spanische Gründer und über Airbnb können Geschäftsreisende Zimmer mit Zugang zum gemeinsamen Arbeitszimmer buchen. Berliner Selbstständige, denen der deutsche Winter zu grau ist, flüchten sich zum Arbeiten in spanische Fincas oder auf Kreuzfahrtschiffe. Sie nennt man digitale Nomaden. Was die Kreativen, Techies und Gründer überall auf der Welt eint, ist die Unabhängigkeit von einem festen Büroplatz, denn zum Arbeiten brauchen sie kaum mehr als einen WLAN-Zugang und eine Steckdose.  

Doch wer sein Geld vor allem am Laptop verdient und Kollegen, wenn es denn welche gibt, nur über Skype erreicht, droht mit seiner Arbeit zu vereinsamen. Deshalb gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt Co-Working-Spaces. Ein Unternehmen, das die Sehnsucht nach dem Wir-Gefühl früh erkannt hat, ist das New Yorker Start-up WeWork.

WeWork betreibt 80 Gemeinschaftsbüros weltweit, seit Mai auch zwei in Berlin. Ihr Markenzeichen: Zum Schreibtisch und WLAN-Anschluss gibt es noch eine Bier-Flatrate oben drauf.

Weil die Verbindung aus Gründergeist und Freibier gut ankommt, testen die Unternehmer nun in den USA auch ein kommerzielles Co-Living-Angebot. Für etwa 2.000 Dollar im Monat können sich Selbstständige in das Gründer-Hotel auf der Wall Street einmieten, Zugang zum Yogastudio, Konferenzraum und Waschsalon inklusive. Hier sollen Ideen entstehen, Gründer wollen sehen und gesehen werden.