Zu wenig Zeit und erst recht nicht regelmäßig: So lauteten die Ausreden unserer Autorin, warum sie sich nicht mehr engagierte. Bis sie das Airbnb des Ehrenamts fand.

Eine der fiesen Nebenwirkungen des Älterwerdens ist, dass jede Uhr auch zur Stoppuhr wird. Zeit, über die man früher kaum nachdachte, wird zu einem Wirtschaftsgut, das man "spart", "investiert" und dessen ständigen Mangel man beklagt. Seitdem der Brotverdienst den Löwenanteil der Wachzeit einnimmt, ist Freizeit zu einer Ressource geworden, über deren Verteilung viele wachen wie über ihren Kontostand.

In der Schule habe ich noch ehrenamtlich Deutschunterricht gegeben und kostenlose Nachhilfe an Kinder von Migranten. Im Studium dann nur noch sporadisch. Irgendwann beschränkte sich mein Beitrag zur Verbesserung der Welt auf eine monatliche Überweisung an Unicef. Der Grund: Zeitmangel. Diesen Umstand erörtere ich häufig mit meinen Freunden bei Bier. Ein Leben, in dem man jederzeit für eine Nachtschicht am Laptop bereit sein muss – oder in ein paar Monaten nach London ziehen könnte – ließe einfach kaum Spielraum für feste Verpflichtungen. Für Yoga und Pokémon Go finden die meisten von uns aber doch Zeit – oder eben für bierselige Gespräche. Noch vor ein paar Jahren drehten sich die in der Mensa um die Ungerechtigkeit der Welt und darum, was auf unserer Erde alles anders werden soll.

Versteht mich nicht falsch, Bier und Zeitverplempern ist essenziell für geistige Gesundheit. Aber trotzdem: Warum ist ausgerechnet das Ehrenamt der Rationalisierung der Zeit zum Opfer gefallen? Ich glaube, die Antwort liegt nicht nur in der vermeintlich fehlenden Zeit, sondern im Gefühl, dass das Engagement nur ein Tropfen auf dem heißen Stein wäre. Was bringen ein paar Stunden in der Suppenküche im relativ wohlhabenden Deutschland, angesichts von Flüchtlingsströmen, Krieg und all der Ungerechtigkeit, die auf dieser Welt passiert? Wäre das nicht alles einfach Gewissensbesänftigung?

Für die Philosophin Susan Neiman, die das großartige Buch Warum erwachsen werden geschrieben hat, gehört zum Erwachsensein dazu, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen – auch wenn klar ist, dass man den Idealzustand nie erreichen wird.

"Erwachsen sein heißt, nach besten Kräften in seinem Teil der Welt darauf hinzuwirken, den Idealen näherzukommen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, wie sie tatsächlich ist", schreibt sie.

Würde ich jetzt immer noch meine Tage damit verbringen, alles auf der Welt scheiße zu finden, wäre das also ziemlich pubertär. Aber die Vorstellung, dass man irgendwann zu alt für Ideale ist, ist genauso wenig erwachsen – sondern faul und bequem.

Was Neiman schreibt, hat mir den lähmenden Perfektionismus genommen, dass ich entweder etwas ganz Großes machen oder es sonst gleich ganz bleiben lassen kann. Und mit ein bisschen Herumfragen und Recherchieren war das Problem, dass ich selten weiß, wie meine nächste Woche aussehen wird, schnell gelöst. Nicht nur unser Leben ist flexibler geworden, auch das Ehrenamt muss nicht mehr jeden Dienstag um 18.30 Uhr stattfinden. Die Seite vostel.de gilt als das Airbnb des Ehrenamts. Man gibt einfach nur ein, wann man Zeit hat, was genau man machen will (etwa Umwelt, Kultur, Flüchtlinge), in welchem Stadtteil und wie gut man Deutsch kann. Dann muss man nur noch eines der vorgeschlagenen Ehrenämter buchen. Bis jetzt funktioniert die Seite nur für Berlin.

So bin ich an einem Mittwochabend in der Küche einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin gelandet. Ich habe mehr als 200 Schnitzel auf Teller verteilt und mehr als 200 Mal "Bitte schön!" und "Guten Appetit!" gesagt, als ich sie über die Essensausgabe geschoben habe. Ich habe Tische abgewischt und Teller in die Spülmaschine geräumt, ein bisschen Verstecken mit der achtjährigen Irakerin gespielt, und Ahmed den deutschen Ausdruck "ins Fettnäpfchen treten" beigebracht. Die Weltkrisen sind davon kaum kleiner geworden. Ich kann noch nicht mal sagen, dass ich mich danach besser gefühlt habe. Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum. Ich habe Menschen kennengelernt, die für mich vorher eine abstrakte Zahl waren und mir das Gefühl gegeben haben, dass mich die Welt da draußen angeht.

Ich hänge leider immer noch öfter bei Facebook als bei vostel.de herum. Aber ich versuche, so oft es geht aus der Ichblase zu kommen: mal einen Kumpel im Rollstuhl durch den Park schieben oder für die ältere Nachbarin einkaufen. Das sind alles Kleinigkeiten. Vielleicht tatsächlich ein Tropfen auf heißem Stein. Aber sie sind der erste Schritt in die Richtung, nicht davon paralysiert zu sein, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte.