Wieso sich kein Flüchtling bei ihm beworben habe, wollte der Unternehmer von Ali wissen. 300 Bewerbungen habe er bekommen. Keine einzige von einem Flüchtling.

"Wenn man den Medien glaubt, sind da doch so viele Akademiker dabei. Bei mir hat sich aber keiner gemeldet. Wieso wollen die nicht arbeiten?"

Ali macht, was er immer macht: Er hört zu, schätzt, was sein Gegenüber sagt:

"Ich finde es toll, dass du dir vorstellen kannst, Flüchtlinge einzustellen."

Dann wird er persönlich: Er erzählt von seinem Onkel, der auch damals 1995 mit ihm nach Deutschland gekommen und bis heute in therapeutischer Behandlung ist, weil ihm die Jahre der Duldung – die Jahre der Ungewissheit, ob er bleiben und sich integrieren darf oder wieder zurück muss – immer noch so stark belasten. Seine Botschaft ist: Hab Geduld mit denen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind.

Warum spricht er mit Menschen, die ihn hassen?

Wieso tut ein 22-Jähriger das? Wieso spricht er mit Menschen, die ihn beschimpfen und dafür auf die Straße gehen, ihn dorthin zurückzuschicken, wo er geboren wurde? Warum ist er mittwochabends nicht beim Fußball, in der Bibliothek oder bei Freunden?  

Weil Ali es ernst meint mit dem friedlichen Zusammenleben. Er steht einmal in der Woche auf dem Gießener Marktplatz und verteilt kostenlose Umarmungen. Nicht wegen Pegida und AfD, sondern weil er weiß, dass Integration nicht ohne die eigenen Nachbarn funktioniert.

Im Alter von zwei Jahren kam Ali mit seinen Eltern aus einer türkischen Kleinstadt nahe der syrischen Grenze nach Deutschland und lebte jahrelang als Geduldeter, bis die Fluchtgründe der Familie endlich anerkannt wurden. Seine Eltern waren nie zur Schule gegangen – weder in Deutschland noch in der Türkei. Dass er heute Deutsch und Ethik auf Lehramt studiert, hat er auch seinen Nachbarn und Freunden zu verdanken. Den Deutschen.  

Von seinen Nachbarn wurde Ali damals oft zum Mittagessen eingeladen, an Weihnachten geht er noch heute zur Familie eines Freundes. Wenn er als kleiner Junge bei Schulkameraden übernachtet hat, haben sie ihn sonntags auch mal mit in die Kirche genommen. Auch davon erzählt er seinen Anrufern.

Dem Unternehmer leuchtet ein, dass die Deutschen auch auf die Neuen zukommen müssen. "In diesem Moment habe ich ihn förmlich nicken gehört", sagt Ali.

Ali, brauchen wir eine Obergrenze?

Aber man könne doch nicht alle reinlassen, wendet der Herr ein.

"Wenn 80 Prozent der Flüchtlinge ohne Pässe kommen, dann sind das doch nicht alles Kriegsflüchtlinge. Wieso müssen wir die Arbeitslosen aus Marokko und Tunesien aufnehmen? Wo soll man da die Grenze ziehen?"

80 Prozent der Flüchtlinge ohne Pässe? Ali bezweifelt die Zahlen. Aber auf die Frage nach der Obergrenze hat er keine beschwichtigende Erzählung aus der Familie oder dem Freundeskreis. Diesmal weiß er auch keine Antwort. "Da hat er mich echt zum Nachdenken gebracht", sagt er nach dem Telefonat: Wo zieht man eigentlich die Grenze? Wem soll Deutschland Asyl gewähren? Wird Integration vielleicht leichter, wenn es eine Obergrenze gibt?

Der ehemalige Flüchtling und der AfD-Wähler telefonieren eine Stunde miteinander und denken gemeinsam darüber nach, wo man in der Flüchtlingskrise Grenzen ziehen müsse.

Zum Abschied bedankt sich der Herr für das angenehme Gespräch. Er will nächste Woche noch mal anrufen und bis dahin die Statistik über die Anzahl der Flüchtlinge ohne Papiere heraussuchen.

Ali ist nach seiner dritten Sprechstunde zufrieden. Ob der Anrufer künftig wirklich mehr Geduld mit Flüchtlingen haben wird, weiß er nicht. "Ich will auch niemanden bekehren, nur zum Nachdenken anregen", sagt er. Und das gelte natürlich auch für ihn.