Der Vorschlag, mit einem gratis Interrail-Ticket Jugendliche für Europa zu gewinnen, stößt politisch auf Begeisterung. Die Idee zweier Studenten könnte Europa verändern.

Das hier beschriebene Projekt #FreeInterrail ist eine von drei ausgewählten Ideen von "Z2X – Das Festival der neuen Visionäre", veranstaltet von ZEIT ONLINE. Die drei Projekte werden von ZEIT ONLINE und der Crowdfunding-Plattform Startnext weiter begleitet und bei Bedarf auch finanziell unterstützt.

Sie ist entweder frustriert und perspektivlos oder zu bequem und mit sich selbst beschäftigt, um etwa den Brexit zu verhindern: Die Jugend Europas gilt als Problemfall. Doch abseits von Programmen gegen Jugendarbeitslosigkeit gab es politisch wenig Ideen, wie man den Jüngsten in der Europäischen Gemeinschaft auf die Beine helfen könnte. Bis sich in der vergangenen Woche Manfred Weber, der Chef der konservativen EVP-Fraktion, im Europäischen Parlament an EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker wandte. "Wir wollen dieses wundervolle Europa an unsere Jugend weitergeben", sagte der CSU-Politiker. "Jeder junge Europäer sollte zu seinem 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket erhalten, damit er die Schönheit und Vielfalt Europas entdecken kann."

Als Weber in Anschluss auf Twitter versprach, sich für das geschenkte Interrail-Ticket einzusetzen, lasen das auch zwei Studenten in Berlin. Und wurden hellhörig. Denn Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer waren es, die diese Idee vor knapp einem Jahr in die Welt gesetzt hatten. Unermüdlich haben die beiden seither um Unterstützung für #FreeInterrail geworben – in der deutschen Politik, im Europaparlament und den Medien, unter anderem in einem Artikel in der ZEIT. Entsprechend froh sind sie über die Welle von Berichten in Deutschland, Europa und sogar jenseits des Atlantiks, die auf Webers Statement folgten. Immer mehr Europaabgeordnete greifen die Idee seither auf. Und in einer Umfrage des ZDF stimmte ihr bereits eine Mehrheit der Deutschen zu.

"Wie viele gute Ideen für unsere Gesellschaft bleiben auf der Strecken, weil Menschen sie nicht laut aussprechen und für sie in die Bresche springen?", sagt Martin Speer bei einem Treffen in Berlin. Erst Anfang September hatten Vincent Herr und er ihren Vorschlag beim Festival Z2X von ZEIT ONLINE den knapp 600 Teilnehmenden im Alter zwischen 20 und 29 vorgestellt. Durch Reisen Europa kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und Weltoffenheit zu fördern – auch für junge Menschen, die sich ein Interrail Ticket nicht leisten könnten – überzeugte zum Abschluss der Konferenz so viele Z2Xer, dass #FreeInterrail als eines von drei Projekten ausgewählt wurde, die ZEIT ONLINE seither weiter unterstützt.

Z2X
Diese Ideen wollen wir weiterverfolgen
Ein globales Trinkgeld einführen, Flüchtlinge retten und einen Ort für politische Diskussion – diese Ideen haben die Jury und die Besucher des Festivals Z2X überzeugt.

Angefangen hatte das Projekt mit einer Reise im Jahr 2014. Im Süden Europas war die Arbeitslosigkeit als Folge der Finanzkrise vor allem unter Jugendlichen gestiegen. Mit ihr wuchsen Frust und Zukunftsangst, von einer verlorenen Generation war die Rede. Herr und Speer wollten sich selbst ein Bild machen. Also fuhren sie los, durch Europa, 14 Länder in sechs Wochen, vor allem mit dem Zug. "Wir wollten Leute kennenlernen und wissen, wie es jungen Europäern geht", sagt Herr. Seit sich die beiden 2008 beim Studium im US-amerikanischen Illinois kennengelernt haben, denken sie zusammen über politische und gesellschaftliche Fragen nach. Als Aktivisten-Duo mit dem Namen "Herr und Speer" wollen sie die Welt etwas besser machen – und werben dafür professionell und kreativ Unterstützung ein. Ihre Europareise Finding young Europe wurde von den Stiftungen Mercator und Heinrich-Böll finanziert.

Unterwegs begegnete den beiden überall Verunsicherung und Frust. "Selbst in Schweden waren die Jugendlichen frustriert", sagt Herr. Das vorherrschende Gefühl sei gewesen: Es nützt ja doch nichts. Politische Beteiligung hielten viele Jugendliche kaum für möglich, oder sie hatten das Gefühl, nicht gehört zu werden. "Es war wie ein Minderwertigkeitskomplex, das Gefühl keinen Einfluss zu haben", erzählt der 27-Jährige. Dabei hätten sie auf ihrer Reise so viele kreative, intelligente junge Menschen mit Ideen getroffen. Doch der Frust überwog. "Viele versuchten es gar nicht erst."

Bei einer Veranstaltung im März 2014 in Wien, unter dem Eindruck einer frustrierten Jugend und eines sich selbst blockierenden Europas der verschenkten Potenziale, diskutierten Herr und Speer mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse. "Bei diesem Gespräch entstand die Idee des kostenlosen Interrail-Tickets", sagt Herr. Ein Gutschein für jeden Europäer zum 18. Geburtstag, für vier Wochen den Kontinent zu bereisen – auf Kosten der EU-Kommission. Das könnte das europäische Wir-Gefühl und gegenseitige Verständnis füreinander stärken und dem aufkeimenden Nationalismus entgegenwirken, so ihre Hoffnung. Die Idee war da, wenn auch vorerst nur in den Köpfen der drei.