Freunde und Hobbys opfern, 60 Stunden pro Woche arbeiten, um ganz oben anzukommen? Von einem, der an unser System von Arbeit nicht mehr glaubt. Aber an Luxus für alle.

Jetzt musst du dich knechten. Diesen einen Monat noch das Konto überziehen, einmal deine Eltern noch um einen Vorschuss bitten, das letzte Mal einen schlecht bezahlten Nebenjob schönreden. Und dann, irgendwann in der Zukunft, frag lieber nicht genau, wann, wirst du belohnt: mit der richtigen Stelle, ganz weit oben, mit Geld, mit Anerkennung, Ruhm.

Und was machst du so?

So lautet das Versprechen, an das Hendrik Sodenkamp nicht mehr glaubt. Vor eineinhalb Jahren schmiss Hendrik, heute 27, das Literaturstudium und den Job am Theater. Und wurde Karriereverweigerer.

"I would prefer not to" heißt der Leitspruch des Hauses Bartleby, Zentrum für Karriereverweigerung in Berlin, dem Hendrik beigetreten ist. Gesagt hat diesen Satz der Titelheld in einer Erzählung von Herman Melville: Der Schreiber Bartleby kopiert per Hand die Akten einer New Yorker Anwaltskanzlei im 19. Jahrhundert, unermüdlich wie eine Maschine, bis er eines Tages die Arbeit verweigert und bekannt gibt: "I would prefer not to." Ich möchte lieber nicht.

Karriere ist zum Synonym für Erfolg im Leben geworden. "Und was machst du so?" bestimmt den sozialen Stellenwert. Die Karriereverweigerer wollen sich vom "kapitalistischen Wachstums- und Karrierefetisch" befreien.

Karriere ist dabei nicht zu verwechseln mit Dienstwagen und einem sechsstelligen Jahreseinkommen. Nicht nur Banker, Anwälte und Unternehmensberater opfern Freunde und Hobbys, um 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Das Versprechen, von dem Hendrik spricht, kennt keine Grenzen. Es existiert in allen Branchen: auch in der Kunst, im Journalismus, in der Musikbranche, im Theater.

Hendrik, gepflegtes Haar, grauer Trenchcoat, zarte Hände, die beinahe pausenlos Zigaretten drehen, wollte immer etwas machen, das einen Wert hat. Nach dem Zivildienst ging er als Praktikant ans Schauspielhaus in Hamburg. Ein geistreicher, ein zweckfreier Raum, so hoffte er. Kurz darauf wurde Hendrik persönlicher Assistent von Carl Hegemann, heute Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne. Hegemann ist einer, der es geschafft hat. Sein Assistent zu sein: eine Auszeichnung in der Logik der Theaterkarrieristen.

Enttäuschung an der Uni

Hendrik war damals schon nah dran, aber nie ganz da. Als Praktikant musste er Kinder hüten, damit Produktionen stattfinden konnten. Immer wollte er möglichst scharfsinnig und kritisch wirken, musste glänzen, um andere Praktikanten auszustechen. Dann entschied er sich, zu studieren, um seinem Traumjob näherzukommen. Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft in Berlin. "Ich hatte gehofft, dass das für den Dramaturgenberuf sinnvoll sei", sagt Hendrik. Vielleicht fehlte ja nur ein Abschluss.

An der Universität beschlich ihn schnell das Gefühl, das er schon vom Theater kannte. "Die Diskurse drehten sich nur um sich selbst, wurden nur geführt, weil sie hoffentlich berufsfördernd waren", erinnert er sich. Credits sammeln, gute Noten, dann Karriere. Acht Semester studierte er, dann wurde er auf eine Vortragsreihe des Hauses Bartleby aufmerksam. "Das hat mich begeistert. Es hat mir in meinem Unbehagen den letzten Impuls gegeben", sagt Hendrik. Kurz darauf brach er das Studium ab.