Den Karriereverweigerern geht es nicht darum, Arbeit grundsätzlich zu verweigern. Arbeit ist gut, sagen sie, solange sie selbstbestimmt sei. Den Unterschied erklärt Hendrik mit einer Anekdote aus Frankreich, wo er während der Nuit-Debout-Proteste Interviews  geführt hat, um die Arbeitssituation junger Franzosen zu verstehen.

Ein gutes Leben ist so eigentlich unmöglich.
Hendrik Sodenkamp

In Paris lernte er eine junge Frau kennen, die für ihre winzige Wohnung – für Paris nicht ungewöhnlich – 800 Euro bezahlt. Die Französin studiert und ist im queer-feministischen Spektrum aktiv, Typ engagierte Akademikerin. Um ihre Studentenwohnung zu finanzieren, arbeitet sie am Abend als Domina. Nicht weil es ihr Spaß macht, sondern weil man als Domina schnelles Geld verdient. "Es gibt Frauen, die finden Gefallen daran, Männer spielerisch zu knechten. Die sollen das mit Freude machen", sagt Hendrik. "Aber niemand soll Domina werden, nur um einem reichen Eigentümer Geld in den Hals zu werfen." Selbstbestimmung und Geld verdienen schließe sich zwar nicht aus, doch sei durch den ökonomischen Druck kaum einer mehr in der Lage, sich frei für einen Beruf zu entscheiden. "Ein gutes Leben ist so eigentlich unmöglich", sagt er.

Trotzdem arbeitet er jetzt wieder. Aber eben nicht, um Theaterabonnenten zu befriedigen, sondern für die große Sache. "Weniger arbeite ich jetzt auch nicht, aber ich bin inhaltlich wirksam", sagt der 27-Jährige. Seit eineinhalb Jahren widmet Hendrik sich der Umsetzung des Kapitalismustribunals: Das ist ein vom Haus Bartleby initiierter Gerichtsprozess, der in einem zweiwöchigen Verfahren versucht hat zu ermitteln, welche Regeln es in einer zukünftigen Ökonomie nicht mehr geben darf. Auf einer Internetseite haben etwa 400 Leute zuvor Anklagen geschrieben. Auf der Anklageliste stehen neben Peter Hartz der Chemiekonzern BASF, die gesamte Bundesregierung, die Europäische Union. Heute wird Hendrik noch zu einem Crowdfunding-Event gehen, Mails schreiben, Leute einladen.

Die Mitglieder des Hauses treffen sich im goldenen Café Rix. © Hannes Schrader

Links oben, nicht links unten

Hendrik lebt von der Substanz, wie er es nennt. Die Substanz ist Geld, das seine Großeltern ihm seit Kindestagen auf ein Sparbuch eingezahlt haben. Seit das alleine nicht mehr reicht, arbeitet er in der Gastronomie, bald wechselt er zu den Berliner Verkehrsbetrieben. Nicht, weil er darin Erfüllung findet, sondern weil er den ökonomischen Druck mit seinen Interessen abwägen musste. "Dass es städtische Infrastruktur und öffentlichen Verkehr gibt, finde ich gut", sagt Hendrik.

Ich bin nicht glücklich darüber, dass ich so wenig Geld habe.
Hendrik Sodenkamp

Die Anklagen des Kapitalismustribunals sind in ihrem Kern links; mit typisch linken Weltverbesserern, die mittellos, aber prinzipientreu jeden Konsum verachten, haben die Karriereverweigerer trotzdem nichts zu tun. Genauso missverstanden fühlen sie sich mit dem Etikett "arm, aber glücklich". Hendrik und die anderen wollen den prekären Umständen entfliehen. Das Ziel, so sagt es Hendrik, sei links oben, nicht links unten.

"Ich bin nicht glücklich darüber, dass ich so wenig Geld habe", sagt er. Die Karriereverweigerer zelebrieren deshalb das gute Leben, auch wenn sie es sich eigentlich nicht leisten können. Wenn Hendrik und die anderen Mitglieder sich treffen, dann meistens im Café Rix, ein Kaffeehaus mit vergoldeten Wänden, wo Stuck die Decke ziert und Zeitungen in hölzernen Stäben stecken. Die Karriereverweigerer verkehren dort zum vergünstigten Hauspreis, den nur Stammgäste zahlen.

Das Haus Bartleby, derzeit noch ein kleines Ladenbüro in Berlin-Neukölln, stellen sie sich künftig eher als Schloss vor. "Wir wollen einen Ort des gepflegten Müßiggangs schaffen", sagt Hendrik. Kollege Anselm Lenz hat dem rauschenden Lebensstil gleich ein ganzes Buch gewidmet. Es heißt Das Ende der Enthaltsamkeit, und auf den letzten Seiten findet sich eine Rezeptesammlung für Cocktails. Die Grundzutat aller Getränke: Champagner.

Luxus für alle. Arbeit nur für die, die mögen. Passt das zusammen? Eine Welt, in der keiner für seine Miete arbeiten muss, aber alle ein Anrecht auf Champagner haben, klingt mehr nach einer Utopie im Sinne des großen Gatsby als nach einer politischen Idee.

Aber auch wenn nach Ende des Kapitalismustribunals keine Gesetze neu geschrieben werden, Praktikanten weiterhin auf der Karriereleiter ausrutschen, dann haben die Karriereverweigerer doch zumindest wichtige Fragen gestellt: Warum arbeiten wir? Und wer hat gesagt, dass unsere Arbeitswelt so aussehen muss, wie sie aussieht? Produzieren wir Dinge, weil wir sie brauchen? Oder nur, weil sich damit Geld verdienen lässt?

Ein Vorschlag

Einen Masterplan für die Ökonomie der Zukunft hat auch das Haus Bartleby nicht. "Sicher ist, dass sich an den ökonomischen Grundverabredungen etwas ändern muss", sagt Hendrik.

Man müsse nur nach Frankreich blicken oder sich an die Occupy-Proteste vor fünf Jahren erinnern: Viele verspüren ein diffuses Unwohlsein mit der derzeitigen Ökonomie. Wer oder was Schuld daran trägt, wollen sie mit dem Kapitalismustribunal zeigen.    

Im kommenden Jahr arbeiten Hendrik und die anderen Mitglieder des Hauses Bartleby 28 Präzedenzfälle aus den Verhandlungen heraus und stellen sie Sommer 2017 im Haus der Kulturen der Welt vor. Das Kapitalismustribunal und der daraus abgeleitete Rechtstext seien ein Angebot an jede zukünftige verfassungsgebende Entität, so formuliert es Hendrik. Ein Vorschlag, nicht mehr und nicht weniger.