Kant, darf ich meinem Mitbewohner Torte klauen? Nietzsche, darf ich meinen Prof belügen? Was fünf große Philosophen zu den kleinen Problemen des Lebens sagen würden.

Eine Juristin hilft bei Problemen mit dem Vermieter, ein Elektrotechniker schließt die Lampen an, wenn man trotzdem umziehen muss. Aber Nietzsche erklärt, ob man seinen Prof anlügen darf, um aufs Festival zu fahren. Und Heidegger hat sich schon Gedanken über kaputte WG-Spülmaschinen gemacht. Philosophen denken seit Jahrtausenden über die größten Probleme der Menschheit nach – aber auch über die kleinen, die einen täglich beschäftigen. Hier lösen sie fünf.

1. Die Lüge zulassen

Du möchtest auf ein Festival fahren, aber leider ist zur selben Zeit eine Exkursion deines Seminars. Du brauchst eine Ausrede. Deine Tante könnte gestorben sein, ist sie aber nicht. Du hast gar keine Tante. Oder doch?

Laut Friedrich Nietzsche ist die Lüge allgegenwärtig, weil Sprache nichts mit dem zu tun habe, was sie ausdrückt: Das Wort "Tante" könnte jede Tante bezeichnen, dabei gibt es sehr viele verschiedene Tanten auf der Welt. Aber selbst wenn du von einer bestimmten Tante – Tante Klara – ausgehst, taugt das Wort nicht für ihre Beschreibung. Stellst du jemandem deine Tante vor, gibst du folgende Laute von dir: "Das ist Tante Klara." 

Aber erfasst sie das wirklich? Nein, die Laute sind nur Ergebnis einer Übertragung, die das Sein deiner Tante nicht erfassen kann. "Tante Klara" zu schreiben kommt einer zweiten Übertragung gleich, womit wir uns immer weiter von der wirklichen Tante entfernen. Es ist laut Nietzsche also egal, ob du eine Tante hast oder nicht, ob sie tot ist oder lebt: Alle Sprache ist Lüge. Deine neue fiktive Tante Klara ist also eine sprachphilosophisch clevere Ausrede. Ob sie moralisch richtig ist, ist aber eine ganz andere Frage.

2. Das Zeug endlich reparieren

Die WG-Spülmaschine ist kaputt. Mit jedem von Hand abgewaschenen Teller wird dir der Verlust schmerzlich bewusst. Als die Spülmaschine noch funktionierte, hat sie niemand wahrgenommen, aber jetzt scheinen die Tage, bis der Installateur kommt, nicht zu vergehen. Warum?

Eine funktionierende Spülmaschine ist unauffällig, eine kaputte aufdringlich. Martin Heidegger nennt dieses Phänomen die "Unzuhandenheit" des Zeugs. Sobald die Spülmaschine nicht mehr läuft, verweist sie penetrant auf ihre verloren gegangene Funktion. Das ist unangenehm, aber nützlich.

Die dreckigen Teller wären dir egal, weil der Toaster noch toastet.

Denn würde dir im Gegenteil jedes funktionierende Ding auffallen, wärst du zwar glücklich über jede Umdrehung der Waschmaschine, jede Flamme aus dem Feuerzeug und jede intakte Zahnbürste – aber das kaputte Zeug würdest du übersehen: Die dreckigen Teller wären dir egal, weil der Toaster noch toastet. Die Waschmaschine könnte auch noch kaputtgehen, aber auch das würde dich nicht stören, weil dein Korkenzieher noch funktioniert.

Früher oder später würdest du mit dieser Wahrnehmung verwahrlosen. Fortschritt wäre in so einer Welt undenkbar, und auch das Bestehende ständig in Gefahr. Glücklicherweise drängt dich die Unzuhandenheit, Störungen zu beheben. Sie ist außerdem ein guter Gradmesser dafür, was wirklich wichtig ist: Je mehr deine WG unter der defekten Spülmaschine leidet, umso schneller ruft jemand den Reparaturservice an.

3. Das Kirschtorten-Problem lösen

Es ist Sonntag. Du bist hungrig, hast aber nicht daran gedacht, rechtzeitig einzukaufen. Im Kühlschrank liegt ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Es gehört deinem Mitbewohner. Darfst du es essen?

Wenn du vernünftig bist, richtest du dich nach dem Klassiker: Immanuel Kants kategorischer Imperativ. Der geht immer. "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Für das Torten-Problem stellt sich also die Frage: Kannst du wollen, dass Schwarzwälder Kirschtorten grundsätzlich von Mitbewohnern gestohlen werden? Die Antwort ist klar: Nein.

Würde der Diebstahl legitimiert, ließe kein Mitbewohner mehr Schwarzwälder Kirschtorte im Kühlschrank stehen, denn sie würde ja ohnehin gestohlen. Und wenn du dir ein so kleines Stück abschneidest, dass dein Mitbewohner den Diebstahl nicht bemerkt? Auch das wäre nach Kant unmoralisch, denn es geht um die Intention: ob du ein unbemerkbar kleines oder das gesamte Stück Torte klaust, ist egal. Die Intention wäre in beiden Fällen, Kuchen zu stehlen.

Als Utilitarist hättest du damit kein Problem, denn dann würden für dich die Konsequenzen der Handlung zählen. Dem Utilitaristen geht es um das Vermehren von Glück und das Vermeiden von Leid. Als quantitativer Utilitarist gälte: Das Stehlen eines unbemerkbaren Stücks Kuchen würde dein Glück mehr vergrößern als Leid bei deinem Mitbewohner verursachen.

Der qualitative Utilitarist bezieht auch den Grad des Glücks in die Rechnung mit ein: Dein Mitbewohner hat bereits so viel Torte gegessen, dass ihm jetzt schlecht ist? Dann würde dein Glück das Unglück seines Verlusts übertreffen. Mahlzeit!