Sie hatte an einer renommierten Schauspielschule studiert und schon Preise gewonnen. Sie wusste, wo es langgeht, dachte sie. Dann kam ihr erstes Gehalt.

Name: anonym
Alter: 29
Position: Freie Schauspielerin
Branche: Theater
Ehemalige Unternehmensgröße: 45-55 Schauspieler im Haus

"Nach meinem Schauspielstudium bin ich ziemlich hochnäsig in meinen ersten Job marschiert. Ich hatte an einer renommierten Schule studiert, viel experimentiert und mit meinen Kommilitonen Preise gewonnen. Schon im Studium stand ich auf der Bühne vom Thalia Theater. Ich wusste, wo es langgeht. Dachte ich zumindest.

Als ich eine Stelle an einem guten Stadttheater bekam, wurde ich allerdings ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Zwar wurde ich von Kollegen und dem Publikum gut aufgenommen. Aber die Kostüme waren altbacken, das Licht furchtbar, die Stücke langweilig und unmodern. Am Anfang bekam ich die Mindestgage für Schauspieler: 1.650 Euro brutto im Monat. Das Gehalt handelt die Genossenschaft für Bühnen-Angehörige mit den Theatern aus. Für Anfänger ist es an den meisten Theatern gleich. Trotzdem: Bühnentechniker verdienen oft mehr als wir Schauspieler.

Die Arbeitsbedingungen an kleineren Theatern sind krass: Im Jahr hatte ich sieben Produktionen und vier bis fünf Vorstellungen in der Woche. Bei meinem nächsten größeren Theater war das anders: Dort hatte ich nur zehn Vorstellungen im Monat. Ein festes Pensum gibt es nicht, gearbeitet wird oft sieben Tage die Woche. Probezeiten sind von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr. Vier Stunden Mittagspause klingen gut, aber dazu kommt es oft nicht. Da kommt eine Assistentin und will noch schnell eine Anprobe machen. Schon ist deine Mittagspause weg oder auf eine Stunde geschrumpft. Das Theater ist ja ein künstlerischer Betrieb – da kann ich kaum den Bürokraten geben und auf meine Mittagspause beharren.

Sonntagvormittags hatte ich oft ein bisschen Freizeit. Spontan verreisen oder zur Hochzeit von Freunden fahren war trotzdem schwer: Mein Urlaubsanspruch waren sieben Tage – im Jahr. Nur im Sommer, wenn das Theater schließt, hatte ich sechs Wochen am Stück frei. Wenn ich während der Spielzeit wegfahren wollte, musste ich das lange vorher mit dem Theater besprechen: Wie lange bin ich fort, wo halte ich mich auf? Die konnten mir das auch verweigern, wenn es nicht passte. Zum Beispiel an Weihnachten. Einmal musste ich da ein Stück spielen. Extra Gage für Arbeit an Feiertagen habe ich nicht bekommen.

Nach zwei Jahren brauchte ich eine Veränderung und sprach an einem größeren Theater vor. Ein paar Tage später rief der Intendant an und erklärte mir, dass er mich sehr gut fand. Allerdings wären alle Stellen schon besetzt, er würde sich später noch einmal melden. Zwei Stunden später rief er wieder an und erklärte mir, dass er extra für mich eine Stelle geschaffen hätte.

Dann fing er sofort zu verhandeln an und bot mir die Mindestgage an. Ich war völlig überrumpelt und machte einen Anfängerfehler nach dem anderen. Als ich meinte, dass ich mehr als vorher verdienen wollte, fragte er mich nach meinem letzten Gehalt. Da ich dankbar war, dass er für mich eine zusätzliche Stelle eingerichtet hatte, wollte ich nicht zu viel flunkern und sagte 1.700 Euro. Am Ende bekam ich ein Monatsgehalt von 1.800 Euro und ärgerte mich. Man darf bei den Verhandlungen ruhig 500 Euro dazu mogeln, sonst bekommt man am Ende kaum mehr Geld als vorher. Später fand ich heraus, dass das Ensemble zu dem Zeitpunkt noch gar nicht komplett besetzt war – das mit der extra Stelle stimmte also gar nicht.

Der Start in die neue Spielzeit war nicht gut. Die Premiere, bei der ich die weibliche Hauptrolle hatte, war ein totaler Flop. Die Kritiken zerrissen uns. Unser Regisseur hatte einfach kein Konzept. Ich machte weiter, versuchte mich zu beweisen. Doch die Chance, moderne Stücke und starke Frauenfiguren zu spielen, bekam ich viel zu spät. Anfangs sollte ich liebliche Mädchen spielen, die sich über Männer identifizieren. Das ist einfach nicht meine Stärke. Nach einem Jahr wusste ich, dass mein Vertrag nicht verlängert werden würde.

Als der Vertrag nach zwei Jahren auslief, habe ich frei weitergearbeitet. Das war wie ein Befreiungsschlag. Man verdient viel mehr Geld bei weniger Arbeit und kann sich die Stücke frei aussuchen. Pro Abend und Auftritt verdiene ich ungefähr 400 Euro. Bei vier Auftritten im Monat habe ich fast mein altes Gehalt wieder drin. Allerdings muss ich als Gastschauspielerin öfters pendeln. Seitdem ich vor ein paar Monaten ein Kind bekommen habe, wird das immer schwieriger. Vielleicht werde ich mich bald wieder nach einem festen Job umschauen – vielleicht sogar wieder bei einem kleinen Stadttheater. Aber nur, wenn die Atmosphäre dort stimmt."