Überstunden sind nichts Ungewöhnliches, die Arbeit schlägt auf das Immunsystem und den Rücken und die Bezahlung ist ein Witz. Trotzdem liebt diese Erzieherin ihren Job.

Name: Anonym
Alter: 27
Position: Erzieherin/Facherzieherin für Krippen- und Kleinkindpädagogik
Branche: Soziale Arbeit

Eines hat mein Beruf vielen anderen voraus: Die Vereinbarkeit mit der Familie gelingt. Dafür ist die Bezahlung auch nach landesweiten Streiks noch immer nicht angemessen. Von meinem Gehalt könnte ich keine Familie ernähren.

Bereut habe ich meine Entscheidung trotzdem nie. In der 11. Klasse des Gymnasiums war ein zweiwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung Pflicht. Während viele meiner Mitschüler motzten, kam mir das sehr entgegen, da ich mich ohnehin für die Arbeit in einem Kindergarten interessierte. Am Ende des Praktikums flossen Abschiedstränen – mein Berufswunsch stand fest. Trotzdem machte ich das Abitur, wodurch die Ausbildung zur Erzieherin verkürzt war. Bedingung war eine sechswöchige Praxiseinheit direkt nach den mündlichen Prüfungen. Während andere erst mal Party und Urlaub machten, begann für mich direkt das Arbeitsleben.

An meine Ausbildungszeit denke ich gerne zurück. Im Gegensatz zum Gymnasium war ich stets Klassenbeste, hatte Spaß am Unterricht und musste meist nicht viel für die Prüfungen lernen. Meine Wahlfächer waren Krippen- und Theaterpädagogik, außerdem lernte ich Gitarre spielen. Wirklich praktisch wurde es leider erst im letzten Ausbildungsjahr. Dieses sogenannte Anerkennungsjahr brachte mich an meine Grenzen. Die 40 Stunden Arbeit als Erzieherin müssen dokumentiert werden, hinzukommen Hausaufgaben und Lehrproben, sowie ein etwa 50-seitiger Tätigkeitsbericht. Rückblickend eine angemessene Vorbereitung auf meinen kaum weniger stressigen Berufsalltag.

Kein Tag ist wie der andere. In unserer Einrichtung betreuen rund 20 Fachkräfte etwa 100 Kinder von eins bis sechs Jahren, darunter solche für Sprachförderung und Musiklehrer. In meinen beiden Krippengruppen sind etwa 20 Kinder im Alter von eins bis drei. Überstunden sind nichts Ungewöhnliches, neben der Betreuungszeit fallen Elterngespräche und die Vorbereitung von Festen an. Das Immunsystem ist permanent belastet und bereits jetzt macht sich mein Rücken bemerkbar. Trotzdem liebe ich meine Arbeit.

In meinen ersten beiden Ausbildungsjahren verdiente ich nichts, im dritten 940 Euro netto im Monat. Anfangs erwog ich, nach meiner Ausbildung Erziehungswissenschaft zu studieren, allerdings hätte es mich beruflich nicht viel weiter gebracht, gehaltstechnisch sowieso nicht. Eher wäre ich überqualifiziert gewesen. Außerdem hat man in einer leitenden Position kaum noch mit den Kindern zu tun. Das kommt für mich nicht in Frage, lieber verzichte ich auf ein höheres Gehalt. Was ich mir vorstellen kann, ist ein Diplom in Montessori-Pädagogik. Auch das ist leider eine Geldfrage, weil es selbst bezahlt werden muss und mehrere Tausend Euro kostet.

Nach der Ausbildung wurde ich übernommen, für 1.490 Euro netto. Heute, in meinem fünften Berufsjahr, sind es 1.700 Euro netto. Diese Entwicklung verdanke ich auch den bundesweiten Streiks. Verglichen mit anderen pädagogischen Berufen wie dem Lehramt ist die Bezahlung trotzdem nach wie vor ein Witz. Schließlich haben wir Erzieherinnen und Erzieher auch einen Bildungsauftrag.

Bald erwarte ich mein erstes Kind. Ich werde voraussichtlich zwei Jahre in Elternzeit gehen, zum Glück wird das finanziell funktionieren, weil mein Freund genug verdient. Alleinerziehend ginge das nicht. Danach werde ich entweder ein zweites Mal Mutter werden oder wieder in Teilzeit einsteigen. Hier kommt man mir sehr entgegen, ich kann völlig frei entscheiden, ab wann ich in welchem Umfang arbeiten möchte. Mein Arbeitgeber ist froh, wenn ich überhaupt zurückkomme. Erzieher werden händeringend gesucht.