Lehrer ist ein Halbtagsjob? Dieser Referendar arbeitet meist 60 Stunden pro Woche, vor Unterrichtsbesuchen bekommt er nicht mehr als drei Stunden Schlaf.

Name: anonym
Alter: 28
Position: Referendar
Branche: Lehramt an Gymnasien
Unternehmensgröße: 100 Kollegen, 1.000 Schülerinnen und Schüler

Ich werde nicht ganz uneigennützig Lehrer, und das meine ich nicht der Ferien wegen. Lernen finde ich einfach geil. Mit der Fremdsprache Englisch, die ich unterrichte, kann ich fast die ganze Welt verstehen und bereisen. Bio, mein anderes Fach, begeistert mich, weil es erklärt, wie unser Körper und damit unsere Lebensgrundlage funktioniert. Dadurch, dass der Zeitgeist der Pädagogik mittlerweile mehr das Individuum in den Vordergrund rückt, ist Schule auch nicht mehr so steif wie noch vor 50 oder sogar 20 Jahren. Die Kinder sollen im Unterricht lieber zum Sprechen motiviert werden, anstatt ihnen mit der Holzhammermethode einzuimpfen, dass bei "he, she, it" das "s" auch mit muss. Wobei das natürlich auch wichtig zu wissen ist. Aber eben nicht nur.

Weil ich der Erste in meiner Familie bin, der Abitur gemacht hat, ist es mir wichtig, einen sicheren Job zu haben. Ich möchte später mal nicht so doll auf’s Geld gucken müssen, wenn ich oder meine Familie mal in den Urlaub fahren möchten. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Als Referendar in NRW verdiene ich 1.343 Euro brutto und damit etwa 1.100 Euro netto. Damit komme ich nur aus, weil ich noch für 350 Euro in einer WG auf 12 Quadratmeter lebe und meinem Studi-Lifestyle treu geblieben bin, abgesehen vom Feiern und dem sozialen Leben leider. Das ist wirklich das letzte, wofür ich gerade Zeit und Energie habe.

Wie auch, wenn ich praktisch sieben Tage die Woche minimal 45 meistens aber eher 60 Stunden arbeiten muss. Zweimal die Woche gehe ich zum Fußball, das ist alles, was ich mir gerade gönnen kann. Sonst lebe ich für die Arbeit und bin froh, wenn ich sechs Stunden am Tag schlafen kann.

Ähnlich wie bei fertig ausgebildeten Lehrkräften verbirgt sich auch bei uns Referendaren die meiste Arbeit nicht im Stundenplan. Offiziell muss ich zwar nur 14 Stunden in der Woche unterrichten, dazu kommt dann aber noch ein vierstündiger Seminartag und eine Vorbereitungszeit von drei bis vier Stunden pro Unterrichtseinheit sowie 45 Minuten Korrekturzeit pro Klassenarbeit.

Unterrichtsbesuche sind der Gipfel der Perversion

Das heißt, dass ich fast jeden Tag nach drei bis vier Zeitstunden in der Schule noch mal locker sechs am Schreibtisch draufschlagen muss. Auch am Wochenende. In dieser Zeit muss ich für meine 9. und 10. Klassen Material sichten, vor allem im Sinne des "kooperativen Lernens" Gruppenarbeitsphasen gestalten und sicherstellen, dass sich die Unterrichtseinheit in das, was die Kinder im gesamten Schuljahr lernen müssen, einfügt.

Ich persönlich arbeite dabei aus ökonomischen wie ökologischen Gründen gerne mit dem Schulbuch, weil ich dann nicht so viel kopieren muss. Auch wenn das für Referendare eher verpönt ist, weil man zeigen soll, dass man auch selber Arbeitsblätter konzipieren kann. Das gilt vor allem in Unterrichtsbesuchen, die meines Erachtens den Gipfel der Perversion darstellen. Wirklich jeder weiß, dass der Anspruch an diese und die Realität im Schulalltag nicht zusammenpassen. Das sind Kunststunden, die wir dort vorbereiten und abhalten sollen.

In NRW muss man während des Referendariats elf solcher Unterrichtsbesuche abhalten, was im Vergleich zu anderen Ländern aber echt okay ist. Nichtsdestotrotz sind diese Unterrichtsbesuche, in der mein Unterricht von mehreren Personen besucht und im Anschluss eine Stunde besprochen wird, der reinste Horror. Auf meinen letzten UB, wie wir Referendare das abkürzen, habe ich mich fünf Tage lang vorbereitet. Das hieß, dass ich zunächst fünf Tage vorarbeiten musste, damit ich überhaupt Zeit dafür hatte.