Das Abtreibungsgesetz wird nicht verschärft – ein Erfolg? Zwei Polinnen erzählen, wie auch das aktuelle Gesetz Frauen in die Illegalität zwingt.

"Zum Arzt gehe ich erst gar nicht"

Für mich macht es keinen Unterschied, ob das neue Abtreibungsgesetz angenommen wurde oder nicht. Ich bin schwanger. Und ich will abtreiben. Das ist hier illegal und das war es schon, seit ich denken kann. Ich bin nicht vergewaltigt worden und ich habe auch nicht mit meinem Cousin geschlafen. Das heißt, für mich ist eine Abtreibung in Polen nicht erlaubt.

Vor einer Woche habe ich den dritten Schwangerschaftstest gemacht, er war zum dritten Mal positiv. Zum Arzt gehe ich erst gar nicht. Ich habe so schlimme Geschichten gehört. Von Ärzten, die Frauen dann ein Baby in die Hand drücken und fragen: "Und dieses kleine Geschöpf willst du töten?" Das ist grausam.

Vor einem Jahr habe ich hier in Krakau mein Studium angefangen. Ich mag mein Leben hier, aber ich habe auch hart dafür gekämpft. Meine Eltern wollten nicht, dass ich weit weg von Zuhause studiere. Ich kellnere drei Mal die Woche, um mir die Miete für mein WG-Zimmer leisten zu können. Ein Kind würde bedeuten, dass ich das alles wieder verliere. Mein WG-Zimmer, das Studentenleben, meine Freunde. Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist. Deshalb habe ich auch fast niemandem von meiner Schwangerschaft erzählt. Nur meine Schwester und meine beste Freundin wissen Bescheid. Sie werden mir helfen. Eine Freundin meiner großen Schwester hat auch schon mal mit einer Pille abgetrieben. Es beruhigt mich, zu sehen, dass man danach noch ein normales Leben führen kann. Ich hoffe alles wird schnell gehen. Dann will ich es wieder vergessen.

Ich werde zu meiner Freundin nach England fliegen. Sie sagt, dass alles dort einfacher ist. Es gibt Angebote in Kliniken extra für Frauen, die nicht in England leben, und freiwillige Übersetzer. Dann wird es wohl so um die 200 Pfund für eine Pille kosten. Zusammen mit dem Flugticket ist das sehr viel Geld für mich. In der Bar verdiene ich drei Euro die Stunde, mein WG-Zimmer kostet 150 Euro im Monat. Das heißt, die Abtreibung kostet mich ungefähr so viel wie zwei Monate Lebensunterhalt.

Abtreibung ist kein Thema, über das man in Polen viel spricht, auch unter jungen Leuten nicht. Ich glaube, die meisten machen es heimlich. Die Gefahr, dass Verwandte davon mitbekommen, ist zu groß. Unter den älteren Polen ist es ganz normal, Abtreibungen zu verurteilen. Sie sind alle sehr katholisch.

21-jährige Studentin in Krakau

"Wir bestellten eine Pille im Internet"

Es gab diesen Moment in meiner Pubertät, kurz nachdem ich meine Periode bekam und mir klar wurde: Scheiße, jetzt kannst du schwanger werden. Du musst alles tun, um nicht schwanger zu werden. Denn ich wusste, wenn ich schwanger werde, bin ich am Arsch. Als Teenager hätte ich das Geld für eine illegale Abtreibung nicht gehabt. Ich hätte mich umgebracht.

Ein paar Jahre später habe ich einer Freundin geholfen, zu Hause mit einer Pille abzutreiben, die wir online bestellt haben. Es war schrecklich. Sie blutete so viel und wir wussten nicht, ob das normal war. Die ganze Zeit habe ich gedacht: Entweder wir gehen jetzt ins Krankenhaus und dann wissen die Ärzte was los ist. Oder sie verblutet hier. Am Ende ist alles gut gegangen. Aber diese Erfahrung wünsche ich niemandem.