Wohlhabende und emanzipierte Frauen verkaufen ihren Körper online. Wie neue Escort-Apps und -Websites versuchen, aus Prostitution einen Lifestyle zu machen.

Wer sich durch Anaïs' Bilder klickt, denkt nicht an Sex. Er denkt vielleicht an Zigarettenwerbung, Sekt-Mate am Kanal und gemeinsam durchzechte Nächte.

Auf einem hält sie eine Knarre in der Hand und guckt so entschlossen wie Uma Thurman in Kill Bill.

Klick. Sie sitzt im bunten Sommerkleid auf dem Boden und schließt die Schnalle ihrer Sandalen.

Klick. "Lass dich bloß nicht von meiner süßen Erscheinung täuschen. Ich habe einiges im Gepäck, was dich um den Verstand bringen wird."

Klick. "Anaïs jetzt buchen."

Klick?

Anaïs verkauft ihren Körper im Internet: für 250 Euro die Stunde oder 2.000 Euro am Tag kann man die 26-Jährige mieten. Anaïs ist hauptberuflich Unternehmerin, aber sie ist auch eines von neun Models, das für die Escortagentur Wayfare in Berlin arbeitet.Sie begleitet Menschen gegen Bezahlung, die nicht aussehen wollen, als würden sie dafür bezahlen. Männer, die nicht alleine auf eine Messe, in die Oper, die Kneipe und später alleine ins Bett gehen wollen.

Sex soll drin sein, aber nicht draufstehen

Aber Wayfare will nicht einfach eine Nacht mit einer Prostituierten verkaufen, sondern eine gute Zeit mit einer Frau, die Charakter hat: Idunn, die Filme von Pedro Almodóvar liebt, sich untenrum nicht rasiert, dafür aber die Augenbrauen. Oder Camille, die Nippelpiercing trägt und eigentlich Chef Pâtissière von Beruf ist. Anaïs, die gerne jagen geht.

Gegründet hat die Agentur eine 27-jährige Studentin, die sich, wenn es ums Geschäft geht, Olympia nennt. Sie hat selbst sechs Jahre lang als Escort gearbeitet und im Januar ihr Studium unterbrochen, um die Plattform zu schaffen, die sie immer vermisst hat. "Als Escortmodel wird von dir erwartet, dass du lange Haare, tolle Wimpern und große Brüste hast, aber bloß keine Tattoos oder Piercings. Das wollte ich ändern", sagt Olympia, die sagt, sie habe alles ausprobiert – vom High-Class-Escort bis zur Callgirl-Nummer –, aber kein Angebot gefunden, von dem sie sich im Netz repräsentiert fühlte.

Mehr Filter, weniger Blingbling.

"Ich wollte eine Website schaffen, bei der sich Leute nicht schämen, sie zu öffnen, weil goldene Buchstaben auf schwarzem Hintergrund schon verraten, dass man gerade etwas Geschmackloses tut", sagt Olympia. Die Website von Wayfare sieht deshalb aus wie ein Instagram-Account. Mehr Filter, weniger Blingbling. Ein Escortservice nicht für den 60-jährigen Saint-Tropez-Urlauber mit Anwaltskanzlei in Düsseldorf, sondern den Typ Startup-Gründer aus Berlin.