Unser Autor schlug sich als Schokoriegel verkleidet durch die Krise. Wie viele Spanier hoffte er auf den Wechsel. Doch nun regiert wieder das Establishment.

Mit seinem Buch Yo, Precario (Ich bin das Prekariat) wurde der Autor Javier López Menacho in Spanien als junge Stimme der Krise bekannt. Darin beschreibt er, wie er sich nach dem Studium als Tagelöhner in Barcelona durchschlug – unter anderem verkleidet als Schokoriegel. Vor den Wahlen im Dezember hatte er noch Hoffnung, dass sich etwas am System ändern könnte. Jetzt steht fest: Die Konservativen bleiben an der Macht. Hier schreibt er über drei Begegnungen mit Enttäuschten

I

Ich bin in der Sommeruniversität der Kapitalismuskritiker, das erste Politcamp meines Lebens. Die Anticapitalistas ist eine politische Partei in Spanien, die es bereits vor der linken Protestpartei Podemos gab. Später trat sie ihr bei und wurde ihr Linksaußenflügel. Im Ferienlager  spricht man über alle aktuellen Themen, die im Moment für Linke von Bedeutung sind: Die Pariser Nuit debout, Jeremy Corbyn, der Populismus in Lateinamerika, das Versagen Griechenlands, die dritte Feminismuswelle, Umweltschutz im 21. Jahrhundert …

Ich bin in keiner Partei und komme mehr als Autor und Journalist, denn als Aktivist hierher. Aber ich teile eine fundamentale Losung: Die Welt kann dem Niedergang nicht weiter folgen, den der entfesselte Kapitalismus vorgezeichnet hat. Eine Woche lang nehme ich an Konferenzen und Diskussionen teil, schaue Dokumentar- und Politfilme, gehe aber auch in den Swimmingpool, spiele Volleyball oder statte der Bar einen Besuch ab. Ich bin schon ein paar Tage hier, als ich mit drei Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren, die wie ich aus Andalusien stammen, ins Gespräch komme.

Sie sind auch in ihrem ersten Politcamp. Ich bin neidisch auf die Energie und die Schlagkraft, die ihrem Alter innewohnt – diese unschuldigen und gleichsam entschlossenen Blicke. Ich frage sie, wie sie die Situation in Spanien sehen, wohin wir seit vergangenen November steuern. Schlecht, sagen sie, Mariano Rajoy wird an der Macht bleiben. Es regiere die Mutlosigkeit.

Weil Podemos es bei der vergangenen Wahl nicht geschafft hatte, zweitstärkste Partei zu werden, ist sie jetzt ist abhängig von der sozialistischen Arbeiterpartei PSOE, die vor ihr landete. Entweder, die Sozialisten bilden mit Podemos und anderen Kräften eine Regierung, oder sie lassen Rajoy weiter regieren, indem sie sich bei der Abstimmung enthalten. Man wusste bereits vor der Entscheidung, wie diese ausfallen würde: für Rajoy.

Die drei Jugendlichen verstehen die Arbeiterpartei als Teil einer "Kaste", als Teil der Wirtschaftseliten, deren Politikstil auf Klientelismus, dem Ämterwechsel zwischen Wirtschaft und Politik, oder Lobbyismus beruht, und zwar sowohl im Öffentlichen wie im Privaten. Sie sehen keine Chance für eine Alternative zu Rajoy und nehmen deshalb ihre Rolle als Opposition ein. Weshalb ich mich gleich frage: Wie wird die Welt da draußen sein, wenn nicht mal diese Jungs sich eine Regierungsalternative vorstellen können? Die drei jungen Andalusier reklamieren nichts weniger als die Totalität: entweder Realitätswechsel oder nichts, entweder ein Bruch des Systems oder bescheidene und erbauliche Opposition. Die Jugend, sage ich mir, wer will ihr die Unschuld nehmen?

II

Alle drei Monate kehre ich heim nach Jerez, um meine Familie zu besuchen. Es ist September und endlich kann ich im Haus meines Vaters essen, ein Paradies für fettiges Essen. Mein Vater ist ein 70-Jähriger, dessen Familientradition immer eng mit dem Sozialismus verbunden war. Beim Essen sprechen wir immer über dieselben Themen: die Rolle der Arbeiterpartei in einem Spanien, das auseinanderbricht. Mein Vater sagt, dass es die sozialistische Partei war, die die großen sozialen Errungenschaften nach Spanien gebracht hat. Er verteidigt deren Mäßigung gegenüber einer "zu radikalen" Podemos. Ich antworte ihm, dass der PSOE das "S" und das "O", also das Sozialistische und die Arbeiter, abhanden gekommen sind und dass keine andere Partei ihre Wähler stärker betrogen hat als diese dem Sozialliberalen verschriebene und zur Elitetruppe verwandelte PSOE. An dem Punkt ist die Debatte vorbei. Sie endet zwischen der Hoffnung meines Vaters, dass die Arbeiterpartei den Gründergeist der Partei wiederbeleben kann, und meiner Skepsis gegenüber einer Partei, die eine Sache sagt und genau das Gegenteil macht. Ein zerbrochenes Kräftegleichgewicht für meine Mutter, früher PSOE-Wählerin, nun Anhängerin von Podemos. "¡Sí, se puede!", sagt sie im Spaß zu mir. Das ist unser "Yes we can". Wir sind zwei gegen einen.

"Aber Vater, nimm' Andalusien als Beispiel. Siehst du nicht wie Susana Díaz regiert?"

Susana Díaz ist die rechte Populistin der PSOE, die Präsidentin der andalusischen Regionalregierung, die einen früheren Generalsekretär auf dem Landesparteitag kaltgemacht hat, was ihre Parteimitglieder und das halbe Land beschämt hat. Dort kommt das Schlechteste der Politik auf einen Haufen: Verrat, Verdrehungen, Machtübernahmen, Beleidigungen, Verleumdungen. Kurz: Die Hunger Games der spanischen Politik.