Mit diesem Text löst ihr meine Generation Y als die meistkommentierte aller Zeiten ab. Herzlichen Dank. Und viel Spaß mit allen, die ab jetzt euer Leben bestimmen.

Liebe Generation Z,

heute Abend werde ich stellvertretend für die Generation Y die Füße hochlegen, mir ein Likörchen einschenken und auf Netflix alle Jane-Austen-Filme anschauen, die ich finden kann, und kein Journalist wird danach einen Essay über den Rückzug der Generation Y ins Private schreiben. Denn ich will mein Leben zurück. Und habe deshalb entschieden, dass ihr ab heute dran seid. Mit diesem Text werdet ihr meine Generation ablösen, als die meistkommentierte aller Zeiten. Herzlichen Dank. Viel Spaß. Es wird die Hölle.

Ihr seid, sagen Forscher, um das Jahr 1995 oder danach geboren. Bis gestern habt ihr noch nach der Schule auf dem Sofa gelümmelt und drei YouTube-Videos gleichzeitig geschaut – so macht ihr das als Digital Natives doch, oder? –, aber ab heute seid ihr nicht mehr ganz normale Jugendliche, sondern mitverantwortlich für den Untergang des Abendlandes. Wir waren noch unpolitisch, ihr werdet schuld sein, wenn Frauke Petry 2021 Bundeskanzlerin wird. Oder, etwas realistischer: Wenn das Zwei-Grad-Klima-Ziel verfehlt wird, dann nur, weil ihr zu viel nach Malle geflogen seid. Oder ist Malle out? Dann halt Ibiza.

Ihr denkt, ich übertreibe? Hier eine unvollständige Liste, wofür meine Generation und ich verantwortlich gemacht wurden: den Untergang der Ehe, des Handschlags, des Sex, der Autoindustrie und der Papierserviettenindustrie.

Wir sind schuld daran, dass die Briten nicht mehr zur EU gehören wollen, dass die Glühbirne abgeschafft wurde und die Gurken im Supermarkt nicht mehr krumm sein dürfen. Die letzten zwei habe ich mir gerade ausgedacht, aber ihr habt es geglaubt, oder? Wenn in den vergangenen Jahren etwas schiefgelaufen ist und die EU es nicht war, war es die Generation Y.

Wir sind laut Google: arbeitsskeptisch, arbeitssüchtig, faul, unberechenbar, ein Mythos, prekär, langweilig, aufgewachsen in einer unsicheren Welt, gut ausgebildet, stark angepasst, gestresst, spießig und Egotaktiker.

Jetzt sind wir raus. Over und vor allem: out. Tschakka!

Ich kriege mein Leben zurück! Endlich kann ich mir einen Zopf wachsen lassen und ihn zum Dutt binden, ohne dass am nächsten Tag alle über den man bun sprechen. Ich kann mir morgen einen Nörgelrentnerbademantel und Adiletten bestellen, ohne eine Einladung zur Fashion Week befürchten zu müssen. Und endlich kann ich unironisch meine Freunde zum Canasta einladen, ohne eine Schlagzeile zu provozieren. Make Canasta great again!

Was Werbefuzzis ihren Kunden über euch erzählen, wird festlegen, wo ihr einkauft, wie und was ihr zum Frühstück esst.

Jetzt seid ihr dran, euch von anderen sagen zu lassen, wer ihr seid, wie ihr euch zu verhalten habt und wofür ihr alles verantwortlich seid. Aber hört genau zu. Denn was diese Leute über eure Generation denken, bestimmt, wie ihr einkaufen, leben und arbeiten werdet. Was Angela Merkel heute über euch erzählt wird, entscheidet, wie viel Geld ihr in ein paar Jahren verdient. Was Werbefuzzis ihren Kunden über euch erzählen, wird festlegen, wo ihr einkauft, wie und was ihr zum Frühstück esst.

"Generation Y" haben sich ein paar Werbeleute des Magazins AdAge ausgedacht. Warum? Weil sie hofften, ihren Kunden irgendwas über angebliche Zielgruppen erzählen zu können.

"The Final Generation"

Über uns haben sie erzählt, dass wir keine Autos und Häuser mehr haben wollen und keinen festen Arbeitsplatz mehr brauchen. Der Beweis: Wir kaufen keine Autos und keine Häuser mehr und haben keine langfristigen Arbeitsverträge. Klar kann man deshalb annehmen, dass wir das nicht wollen. Es ist aber so: Wir fahren kein Auto und haben kein Haus, weil wir es uns nicht leisten können.

Aber Worte wie Probezeit und Laufzeitvertrag sind halt langweilig. Stattdessen wird lieber etwas über die scheue Generation Y geschrieben, die verwöhnt werden muss, um arbeiten zu wollen. Eine kleine, bestens ausgebildete Minderheit dominiert in der Generationendebatte: "Was wir wirklich wollen", schreibt die Journalistin Kerstin Bund in ihrem Buch über "uns", und behauptet im Klappentext, wir könnten es uns leisten, anspruchsvoll gegenüber Arbeitgebern zu sein, denn wir seien begehrt. Ach so? Die Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union liegt übrigens bei 18 Prozent.

Ein angesehener Jugendforscher nennt uns "heimliche Revolutionäre", weil wir antimaterialistisch seien und umweltbewusst. Dass das nur diejenigen von uns sind, die es sich leisten können und deren Eltern wahrscheinlich auch so denken, sagt er nicht.

So wird der Generationsbegriff von Forschern missbraucht, die endlich mal wieder interviewt werden wollen. Von Journalisten, die gefühlige Texte schreiben wollen. Sie machen Annahmen, die sich eh nicht überprüfen lassen und auf irgendwen immer zutreffen werden. Weil es geiler ist, etwas über "Work-Life-Balance" und "Downshifting" zu erzählen als über die Zukunft der Rente und die Jugendarbeitslosigkeit. Aber dadurch wird aus der harten Frage der Generationengerechtigkeit eine fluffige Elitendebatte.

Ihr glaubt, bei euch ginge das noch nicht los? Eine amerikanische Werbeagentur nennt euch "The Final Generation". Zehnjährige wurden befragt, wie ihr in Zukunft arbeiten wollt (mit Einhörnern, weil Einhörner sind magisch) und was ihr studieren wollt (Naturwissenschaften). Und daraus wird ein Generationsporträt gezimmert, in dem es heißt, ihr würdet erwarten, bevor ihr 30 werdet, bereits mehrere Karrieren gehabt zu haben.