Als seine Freundin mit ihm Schluss machte, betrank er sich nicht, sondern machte andere betrunken. Später schmiss er sein Studium – um Sommelier zu werden.

Name: Anonym
Alter: 27
Position: Weinbarchef
Branche: Gastronomie

Die Entscheidung fiel vergangenes Silvester. Meine Freundin hatte sich von mir getrennt, es ging mir schlecht. Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun soll, habe ich meinen Chef angerufen und gefragt, ob ich in dieser Nacht arbeiten kann.
Viele hätten sich betrunken, ich habe lieber andere betrunken gemacht. Im Ernst: Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Gastgeber zu sein.

Eigentlich habe ich Sozialwissenschaft studiert. Finanziert habe ich mir das Studium durch einen Job als Servicekraft in einem gehobenen Restaurant. Aus einer Schicht pro Woche wurde schnell mehr, was auch daran lag, dass ich mich dem Haus so verbunden fühlte. Und das, obwohl die Bezahlung mit 8,50 Euro die Stunde nicht gerade üppig war.

Wein, Essen und deren perfekte Kombination haben mich immer schon fasziniert. Auf die Idee, daraus einen Beruf zu machen, kam ich lange Zeit nicht, eher habe ich es als Spleen gesehen. Irgendwann saß ich in einer Politikvorlesung und merkte, dass ich selbst auf die eher unschönen Tätigkeiten meines Nebenjobs wie Besteck polieren mehr Lust hatte. Dann kam die Trennung von meiner Freundin, verbunden mit der Erkenntnis, dass ich enorm viel Befriedigung aus meiner Arbeit ziehe. Ich habe mein Bachelorstudium abgebrochen und diesen Sommer die Prüfung zum Restaurantfachmann abgelegt. Im Herbst habe ich meinen ersten Job begonnen. Das kam so: Als ich zu Besuch in einer anderen Stadt war, lernte ich beim Ausgehen den Besitzer einer Weinbar kennen. Er war begeistert von meinem Wissen und bot mir kurze Zeit später eine Vollzeitstelle als Barchef an.

Der Umzug war kein Problem, ich hatte in der neuen Stadt bereits Praktika gemacht und kannte viele Leute. Zum Glück, denn meine Arbeit ist dem Sozialleben nicht unbedingt förderlich. Ich fange zwischen 12 und 14 Uhr an und komme selten vor Mitternacht nach Hause. Meinem Rhythmus kommt das sehr entgegen, dem meines Freundeskreises leider nicht. Wenn andere frei haben, arbeite ich. Kein Wunder, dass viele meiner Bekannten ebenfalls in der Gastronomie arbeiten.

Zu meinen Aufgaben gehören die Konzeption der Wein- und Speisekarte, die Planung von Veranstaltungen und natürlich die Gästebetreuung. Überstunden sind normal, besonders stressig wird es in der Adventszeit. Dafür bekomme ich 1.800 Euro netto im Monat plus Trinkgeld, im Schnitt zwischen 300 und 500 Euro. Nächstes Jahr mache ich eine staatlich geprüfte Ausbildung zum Sommelier. Abgesehen davon kann ich mir vorstellen, irgendwann ein BWL-Fernstudium zu absolvieren, dann könnte ich eine Managementposition übernehmen. Mein Beruf ist körperlich sehr anstrengend, ewig ausüben kann ich ihn nicht. Ich könnte mir auch vorstellen, ein eigenes Restaurant zu führen. Mit meiner Ex-Freundin verstehe ich mich übrigens mittlerweile sehr gut und ich bin ihr fast dankbar für die Veränderung, die mich darauf brachte, was ich wirklich will. Wir gehen öfter mal zusammen Wein trinken.