Wer früher Lebensmittel retten wollte, musste im Container tauchen. Heute heißt das Foodsaving, hat eine App und Zertifikat. Kann das den Lebensmittelmarkt verändern?

Noch ein letzter Blick in die Dunkelheit, dann springt Riccardo* mit einem Satz auf die 1,50 Meter hohe Betonmauer. Auf der anderen Seite erwartet ihn ein neuer Spot. So nennt Riccardo Supermarkt-Mülleimer, die gut zugänglich sind und gefüllt mit tagesfrischen Sandwiches, aussortierten Bananen und eingedrückten Keksschachteln. "Das ist wie Schatzsuche", sagt er. Sein Blick wandert durch den Innenhof, von den drei großen Papier- und Plastiktonnen links zu den drei kleineren Tonnen rechts. Sie tragen die Aufschrift "Speisereste". Jackpot.

Riccardo ist 24 Jahre alt und müsste nicht im Müll wühlen. Er studiert Ingenieurswissenschaften, seine Eltern unterstützen ihn finanziell, neben der Uni arbeitet er im Fitnessstudio. In den Ferien bereist er ferne Länder. Doch in zwei Nächten pro Woche zieht er sich Plastikhandschuhe an, setzt sich eine Kopftaschenlampe auf und bedient sich am Müll der Wegwerfgesellschaft.  "Weil das kein Müll ist", wie er sagt.

Riccardo versteht sich nicht als Mülltaucher, sondern als Retter. Er rettet keine Menschen vor dem Tod, sondern Tomaten vorm Verschimmeln. Auch Brigitte Krabichler rettet Lebensmittel, aber sie trägt keine Grubenlampe auf dem Kopf und wühlt nicht in Containern, sondern holt ihren Foodsaver-Ausweis heraus und geht zum Supermarkt. Die Ladenbesitzer wissen über ihre Mission Bescheid und schenken ihr, was sie nicht verkaufen können. Das Foodsaverprinzip ist ähnlich wie das der Tafeln, die überschüssiges Essen, das Supermärkte nicht mehr verkaufen können oder wollen, an Bedürftige verteilen. Doch während die Tafeltransporter für größere Mengen ausfahren, geht Brigitte auch für drei Möhren aus dem Haus und verbraucht vieles selbst. Der Rest wird nicht nur an Bedürftige, sondern an alle verschenkt: Hauptsache, er wird aufgegessen. Essen wegwerfen sei für sie eine Sünde, deshalb ist sie fast jeden Tag auf Lebensmittelrettungsmission.

Essen retten – ganz offiziell

Was ganz früher Diebstahl hieß und vor einigen Jahren Containern, heißt jetzt Foodsaven, findet tagsüber statt, hat eine Website, App und natürlich ein Zertifikat.

Die Foodsaver organisieren sich auf der Plattform Foodsharing.de. Über 200.000 Menschen engagieren sich dort inzwischen – und die Zahl steigt weiterhin: Allein in München retten inzwischen zehnmal so viele Menschen Lebensmittel wie noch 2013. Die meisten beginnen als sogenannte Foodsharer und teilen, was sie nicht mehr vor ihrem Urlaub aufessen können oder nehmen sich, was anderen nicht schmeckt. Wer einen Onlinetest absolviert, kann – wie Brigitte – zum Foodsaver aufsteigen und bei kooperierenden Läden kostenlos unverkaufte Lebensmittel abholen.

Die Sachen essen die Foodsaver entweder selbst oder bringen sie zu den Fairteilern. Manche Foodsaver befüllen sie einmal im Monat, andere fast jeden Tag. Zudem stellen sie Infostände auf und organisieren öffentliche Veranstaltungen. Ende August schnippelten und verkochten Foodsharing-Aktivisten mitten auf dem Karlsplatz in München rund 500 Kilo Gemüse und verschenkten den selbstgekochten Eintopf an Passanten.

"Die Leute freuen sich, wenn sie etwas geschenkt bekommen – und ich freue mich, dass ich ihnen das Geschenk machen kann."
Brigitte Krabichler, Foodsaver

Über diese verschiedenen Aktionen haben Foodsharing-Mitglieder seit 2013 laut eigenen Angaben schon über sechs Tonnen unverkaufte Lebensmittel verteilt.

Heute hat Brigitte beim Biomarkt ein Laib Brot, eine Tüte Roggenkerne, eine Handvoll Rote-Bete-Knollen, ein Milchgetränk und einen pinken Energydrink abgeholt. Sie legt die Lebensmittel in einen sogenannten Fairteiler. Das sind festgelegte Verteilungspunkte, in diesem Fall ein Holzregal und ein Kühlschrank mit Glastür im Eine-Welt-Haus. Wenige Minuten später kommt ein großer dünner Mann mit Brille, nimmt das Brot und den Energydrink. Sie nicken sich kurz zu, dann ist er wieder weg. "Das tut meiner Seele gut", sagt Brigitte. "Die Leute freuen sich, wenn sie etwas geschenkt bekommen – und ich freue mich, dass ich ihnen das Geschenk machen kann." In der Regel erlebe sie aber nicht mit, ob das Essen wegkommt. Sie komme nur, um es in Fairteilern abzulegen.